In Sachsen boomt der Waffenhandel : Aufrüstung Ost

Seit 23 Jahren verkauft Gunter Fritz in Sachsen Waffen. Doch nie liefen seine Geschäfte besser als jetzt. „Frau Merkel ist die beste Werbung“, sagt er und meint: die Flüchtlingskrise. Denn bei ihm kaufen auch Wutbürger und Rechtsextreme.

Doreen Reinhard
Der Laden von Gunter Fritz ist vollgestopft mit Utensilien für Waffenfans.
Der Laden von Gunter Fritz ist vollgestopft mit Utensilien für Waffenfans.Foto: Thomas Kretschel

Auf einer Landstraße in Ebersbach, im hintersten Zipfel von Sachsen, steht ein Soldat am Wegesrand. Er wirbt für einen Laden in einem schlichten Flachbau. Doch Gunter Fritz glaubt, dass er den Plastiksoldaten gar nicht mehr braucht. Denn da gebe es ja diese andere Kampagne. „Die Frau Merkel ist die beste Werbung für meinen Waffenhandel. Sie hat das Land mit Flüchtlingen geflutet, ohne für Lösungen zu sorgen“, sagt er. „Deshalb bin ich da. Ich mache die Bürger wehrhaft, damit sie für ihre Sicherheit sorgen können.“

Der Waffenladen von Gunter Fritz zieht nicht nur Jäger und Sportschützen an. Hier kaufen auch Wutbürger, Flüchtlingsgegner und Rechtsextreme ein. Wer zu welchem Lager gehört, ist nicht immer klar, die Grenze fließend. Das gilt auch für den Chef selbst. Fritz macht Geschäfte mit Waffen – und der Angst.

Der 55-Jährige weiß, wie seine Kunden ticken. Auch, dass sie lockerer werden, wenn er bei Verkaufsgesprächen herumwitzelt. „Waffen sind zur Lösung von Problemen da, wissen Sie? Zum Beispiel, wenn Ihre Schwiegermutter zu lange zu Besuch ist ...!“ Das ist so ein Scherz, den er oft macht.

Die Strategie funktioniert auch jetzt: Ein Mann um die 40 betritt das Geschäft und interessiert sich für eine Schreckschusspistole. Gunter Fritz erklärt: „Das Schießen mit richtigen Waffen darf man Ihnen nur auf einem Schießstand beibringen. Mit Pappkameraden als Zielscheibe.“ Er könne sich ja, damit es besser klappt, das Gesicht eines Nachbarn vorstellen, den er nicht mag. „Oder einen Asylanten“, sagt der Kunde und lacht. Gunter Fritz lacht mit.

Fritz, ein hagerer Mann mit stoischen Gesichtszügen, ist Besitzer und einziger Mitarbeiter seines Waffenhandels. Den Flachbau hat er nach der Wende selbst hochgezogen, direkt vor dem Häuschen, in dem er mit seinen Eltern lebt, 100 Meter entfernt von der tschechischen Grenze. Er war arbeitslos, wollte sich eine neue Aufgabe schaffen. Die Kerzenfabrik, in der Fritz jahrelang angestellt gewesen war, machte dicht. „Ich wollte nicht in den Westen gehen wie viele meiner Bekannten.“ Also begann er mit Waffen zu handeln. Die brauchen die Menschen immer, dachte er. Was nicht stimmte. Es gab Jahre, da lief das Geschäft so schlecht, dass er aufgeben wollte. Jetzt macht Gunter Fritz die Geschäfte seines Lebens.

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Schusswaffen in den USA (Videografik)
Schusswaffen in den USA (Videografik)

Der Sächsische Schützenbund hat Anfang des Jahres einen Rekord bekannt gegeben: Die Zahl der Mitglieder ist seit 2015 um knapp neun Prozent gestiegen. Das größte Plus eines Landesverbandes. Der gesamtdeutsche Verband verlor in der gleichen Zeit 14 000 Mitglieder. Im Vorstand des Landesverbandes schwankt man zwischen Freude und Verwunderung. Einen Zusammenhang zur besonders ausgeprägten Unsicherheit und Hysterie im Freistaat will niemand herstellen. Doch es herrsche erhöhte Aufmerksamkeit. Der Vorsitzende der CDU-Landtagsfraktion Frank Kupfer, Präsident des Sächsischen Schützenbundes, erklärte unlängst seinen Mitgliedern: „Wir stehen unter Beobachtung der Öffentlichkeit. Wir dürfen uns keine Fehler leisten. Lieber einmal auf ein Mitglied verzichten, als den Falschen aufzunehmen.“

Das Gesetz unterscheidet zwei Gruppen von Waffen. Scharfe Waffen sind nur einem kleinen Kreis erlaubt, zum Beispiel Sportschützen und Jägern. Zu Hause dürfen diese Waffen nur verschlossen aufbewahrt werden. Der Eigentümer muss eine Waffenbesitzkarte nachweisen und Sachkundeprüfungen, etwa eine mehrmonatige Ausbildung in einem Schützenverein. Außerdem gibt es den sogenannten Kleinen Waffenschein für das Führen von Schreckschusswaffen. „Führen“ heißt: Man darf diese Waffen in der Öffentlichkeit tragen, aber nicht damit schießen. Falls jemand damit schießt, müsste er vor Gericht erklären, ob er aus Notwehr gehandelt hat. Darüber entscheiden letztlich juristische Einzelprüfungen. Ein Sachkundenachweis wird für den Kleinen Waffenschein nicht verlangt. Auch davon werden in Sachsen immer mehr ausgestellt: In den ersten drei Monaten dieses Jahres waren es 2926, teilte das sächsische Innenministerium mit. Das sind allein im ersten Quartal fast doppelt so viele wie im gesamten Vorjahr.

Die private Aufrüstung hat begonnen - und wird begleitet von brutalen Attentaten. Gerade steht jener Mann vor Gericht, der die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker vergangenen Herbst an einem Wahlkampfstand überfiel und ihr ein 30 Zentimeter langes Messer in den Körper rammte. Reker überlebte nur knapp. Der Täter erklärte bei seiner Festnahme, er habe ein Zeichen gegen den Staat setzen wollen. Ähnlich scheint das Muster beim Mord an der britischen Abgeordneten Jo Cox zu sein. Auch dieser Täter, ein Brexit-Gegner, hat offenbar aus politischen Motiven gehandelt.

Der Laden von Gunter Fritz ist mit 40 Quadratmetern nicht groß - aber vollgestopft. Der billigste Artikel ist Pfefferspray, die Dose zu 9,90 Euro, zuletzt häufig ausverkauft. Die teuersten Produkte liegen in verschlossenen Vitrinen, scharfe Waffen, Jagdgewehre Kalaschnikow-Kopien, für die man vierstellige Beträge zahlen muss. Lange fielen 50 Prozent seiner Verkäufe in die Kategorie „Sport & Spiel“, die andere Hälfte in „Jagd & Verteidigung“. Seit Herbst 2015 steigen die Umsätze vor allem im Bereich Verteidigung. „Die Leute kommen, weil sie Angst vor der Zukunft haben.“

Will man wissen, wovor sich die Menschen fürchten, rattert Gunter Fritz seine eigenen Ängste herunter: „Meine Heimat, die Lausitz, geht den Bach runter. Keine Wirtschaft mehr, massenhaft Abwanderung, Grenzkriminalität. Jetzt kommen auch noch die Asylanten. Mit denen steigt die Kriminalität noch mehr. Davor müssen wir uns schützen, die Polizei schafft das nicht. Also erledige ich die Aufgabe der Polizei.“ Die Rechnung des Waffenhändlers hat komplizierte Faktoren, aber ein einfaches Ergebnis: Anleitung zur Selbstverteidigung. Oder Aufruf zur Selbstjustiz.

Manchmal ist Gunter Fritz stundenlang allein in seinem Laden. Dann wieder drängeln sich Autos mit Kennzeichen aus ganz Sachsen davor, und Fritz muss im Akkord beraten. Ein älteres Paar schleicht um die Auslage mit Schreckschusswaffen. Er würde am liebsten sofort eine Pistole kaufen, ihr ist das nicht ganz geheuer. Beide gehen schließlich unbewaffnet. „Ich komme ohne meine Frau wieder“, wispert der Mann Gunter Fritz noch schnell zu. Dann beansprucht ein Bekannter seine Aufmerksamkeit. Ein „Patriot“ - das steht in Großbuchstaben auf seiner Jacke. Er will nicht kaufen, nur klagen. Über den Niedergang der Provinz, Betriebe, die geschlossen haben, und über Einbrüche in der Nachbarschaft.

Man kann mit Fritz stundenlang die Lage im Land diskutieren. Auch deshalb kommen seine Kunden. Er war noch nie bei einer Pegida-Kundgebung, obwohl er mit der Bewegung sympathisiert. Doch zum einen hat er keine Zeit - „Ich bin ja immer in meinem Laden“ -, zum anderen braucht Fritz Pegida nicht, weil es an seinem Verkaufstresen oft ähnlich zugeht wie montags in Dresden, mit den gleichen Parolen, Gerüchten, Verschwörungstheorien, mit Frust auf die Politik und Wut auf die Presse.

„Politiker sind Angestellte des Volkes. Sie sollen machen, was wir sagen, aber das tun sie eben nicht“, schimpft er. „In Zeitungen stehen nur zwei Dinge, die man glauben kann: das Datum und der Preis.“ Die Lokalzeitung hat er trotzdem abonniert. Um sich zu informieren, sagt er. Täglich schneidet er Polizeimeldungen aus und klebt sie in einen Ordner. „Gesammelte Beweise für die schlechte Arbeit von Polizei und Presse.“ Fritz glaubt: „In der Zeitung stehen nur drei Prozent der tatsächlichen Straftaten, der Rest wird unterschlagen.“

Man kann ihm vieles entgegnen. Von der Arbeit in Zeitungsredaktionen berichten, etwa dass Journalisten Polizeimeldungen aus Platzgründen aussortieren, nicht aber bewusst geheim halten. Man kann ihm auch die offiziellen Statistiken der Polizei zeigen, die viel weniger dramatisch klingen: Ja, es gibt in der Lausitz Probleme mit Grenzkriminalität, mehr als in anderen Kreisen. Aber die Zahlen der Straftaten sind in der Region insgesamt gesunken, laut zuständiger Polizeidirektion 2015 um fünf Prozent. Mehr als jede zweite Straftat wurde aufgeklärt.

Aber all diese Fakten prallen an Gunter Fritz ab. Seine Wahrheit ist das, was seine Kunden im Laden erzählen und er anderen Kunden weitererzählt. Anderen Informationen verweigert er sich. Nicht aber Gerüchten wie jenem, dass Flüchtlinge in Supermärkten Sachen im Wert von 40 Euro klauen dürften. Es gäbe Anweisungen, an die sich jeder Mitarbeiter halten müsse, davon ist er überzeugt. Man kann ihn bitten, gemeinsam alle benachbarten Supermärkte zu besuchen, um festzustellen, dass dieses Gerücht an keiner Stelle der Wahrheit entspricht. Fritz schüttelt mit dem Kopf: „Das bringt nichts. Das ist eine inoffizielle Anordnung, die man in den Märkten befolgt. Darüber dürfen die aber nicht sprechen.“

Flüchtlinge, die in seinem Laden so oft Thema und Anlass für Waffenkäufe sind, sieht Gunter Fritz selten, in seiner Gemeinde Ebersbach-Neugersdorf leben nur wenige. Etwa drei Dutzend Asylbewerber seien in Wohnungen untergebracht, heißt es beim Ordnungsamt.

Mit Ämtern hat auch Fritz ab und zu Kontakt. Es gebe regelmäßig Kontrollen in seinem Geschäft, auch von Testkäufern, die Behörden zu ihm schickten, sagt er. Der Händler hält das deutsche Waffengesetz für streng, für zu streng sogar, beteuert aber seine Gesetzestreue. „Es kommen immer mal Leute vorbei, die mich nach illegalen Waffen fragen, aber das mache ich nicht. Da bin ich ja sofort meine Lizenz los.“ Er klärt seine Kunden über die Gesetze auf und lässt sich die Belehrung schriftlich bestätigen. Was sie mit den Waffen vorhaben? Dafür fühlt Gunter Fritz sich nicht verantwortlich. „Ein Autoverkäufer kann sich auch nicht dafür verbürgen, dass ein Kunde nicht am nächsten Tag mit dem Wagen eine Bank überfällt.“

Was Fritz sehr wohl weiß: Bei ihm kaufen auch Rechtsextreme. Ein Teil seines Sortiments ist speziell für diese Klientel attraktiv, daraus macht er keinen Hehl. „Ich darf niemanden diskriminieren. Jeder hat das Recht auf seine Meinung.“ Bomberjacken? „Ist praktische Bekleidung.“ Aufnäher für Jacken, die das Logo „Doberman Deutschland“ und gemalte Springerstiefel zeigen? „Ganz normale Stiefel. Oder sehen Sie da ein Hakenkreuz?“ Das wäre verfassungsfeindlich, also verboten. Auf solche Details achtet Fritz, der Grenzgänger, peinlich genau.

Ein Bestseller in seinem Laden, sogar jetzt, im Sommer, ist ein Schwibbogen - eine traditionelle Weihnachtsdekoration aus dem Erzgebirge. Eine Familie ist extra deshalb gekommen. „Wir wollen die Sonderbestellung abholen“, sagt die Frau, Mitte 30, und schaut sich misstrauisch um. Während Gunter Fritz den Lichterbogen von einem Regal holt, testet sie eine Armbrust. Ihr Mann prüft derweil Gewehre, der Sohn, etwa acht Jahre alt, interessiert sich für einen Spielzeug-Galgen. Dann stehen alle begeistert vor dem Schwibbogen. Eine Szene, gegossen in schwarzes Metall: Soldat mit Schäferhund, Flagge, Flugzeug, ein Wachturm, der an Konzentrationslager erinnert, darunter der Schriftzug „Deutsches Vaterland“, darüber ein Reichsadler. „Gute deutsche Wertarbeit!“, sagt die Kundin.

114,99 Euro kostet so ein Schwibbogen. „Die produziert ein Bekannter im Ort“, sagt Fritz. Mehr will auch er dazu nicht sagen. Möglicherweise benutzt der Bekannte eine Vorlage. Im Internet findet man einen Bogen, der fast identisch ist mit dem Lausitzer Modell. Dieselbe „Vaterlands“-Szene, allerdings dekoriert mit Hakenkreuzen. Vertrieben wird jenes Exemplar von Onlinehändlern mit Firmensitz in Gibraltar, doch ist auf der Webseite vermerkt, dass man gerne an Kunden in Deutschland liefert. Auch Erdnüsse in einer nachempfundenen Büchse „Zyklon B“ - das Auschwitz-Gas.

Gunter Fritz sagt, er habe von diesem Online-Shop noch nie gehört. Mit Hakenkreuzen wolle er eh nichts zu tun haben und würde auch nie Werke von Adolf Hitler verkaufen. „Die kommentierte Ausgabe von ,Mein Kampf finde ich albern. Das Original habe ich zum Teil gelesen, aber das ist wirklich großer Mist.“ Gunter Fritz überlegt kurz, dann fügt er hinzu: „Adolf Hitler ist doch der beste Beweis, dass Ausländer für Deutschland schädlich sind.“

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