Indien : Katastrophe mit Ankündigung

Experten warnen schon lange vor der Unberechenbarkeit des Flusses Kosi in Indien – nun ist er entfesselt. Man nannte den Strom seit langem den "Fluss des Kummers", doch nun sprechen Medien bereits vom "Fluss des Todes".

Christine Möllhoff[Neu-Delhi]

 Millionen Menschen im nördlichen Bundesstaat Bihar sind vor seinen Wassermassen auf der Flucht, seit er Mitte August einen Damm im benachbarten Nepal sprengte, sich mit gewaltiger Wucht nach Indien ergoss und aus seinem Flussbett ausbrach. Die Fluten fraßen sich durch Landstriche, die sonst von Überschwemmungen verschont bleiben, und überrollten Dörfer, Felder und Straßen.

Anders als die üblichen Monsunfluten traf das Wasser die Menschen daher unvorbereitet. Mindestens 100 Menschen starben, aber Ungezählte werden noch vermisst. Hunderttausende Flüchtlinge hausen in Zelten aus Plastikplanen in Notcamps. Vielerorts trinken Menschen bereits Schlammwasser oder essen vergammeltes Fleisch und Gemüse, berichten Medien. Zehntausende harren noch auf Dächern oder Anhöhen aus. Mit Motorbooten und Helikoptern versucht das Militär, die Gestrandeten zu retten. Soldaten und Helfer verteilen Hilfsgüter an die Flüchtlinge. Aber es sind so viele, dass sie kaum hinterherkommen.

Schwere Monsunregen verschärften die Lage zusätzlich. Inzwischen traten auch im nordindischen Assam und in Bangladesch große Flüsse über ihre Ufer und setzten tausende Dörfer unter Wasser. Jedes Jahr fordern Monsunfluten in Indien hunderte Todesopfer. Aber diesmal ist es besonders schlimm. Man fürchtet, dass die Todeszahl in diesem Sommer weit höher liegt. Die Behörden gehen davon aus, dass die Not noch bis Oktober dauern könnte. Dann lässt der Monsun nach.

Die indischen Fernsehsender zeigten Szenen der Verzweiflung. „Ich habe seit Tagen nichts gegessen, gebt mir Essen“, bettelt der zehnjährige Baboo Reporter an. Der Junge konnte auf dem Rücken eines Büffels durch die Fluten in Sicherheit reiten, seine Eltern starben. Bauern tragen Ziege für Ziege durch das strömende Wasser auf Inseln. Verzweifelte Bewohner weigern sich, in Rettungsboote einzusteigen, weil sie ihr Vieh, ihren wertvollsten Besitz, und ihre Höfe nicht alleinlassen wollen. In Radio und in Flugblättern rief die Regierung die Menschen auf, sich evakuieren zu lassen.

Allein in dem bitterarmen und überbevölkerten Bundesstaat Bihar mussten 2,5 bis 3,5 Millionen Menschen fliehen, seit der Kosi regelrecht Amok läuft und seinen Lauf änderte. Neue Gefahr ist in Verzug. Weil die Wasserpegel leicht sanken, versuchen erste Flüchtlinge bereits, in ihre Dörfer zurückzukehren, um zu retten, was zu retten ist. Die Behörden befürchten aber, dass der Kosi nur eine Ruhepause eingelegt hat und wieder anschwillt. „Dies ist keine normale Flut“, sagte der oberste Katastrophenmanager Bihars, Pratyay Amrit. Das volle Ausmaß des Schadens werde sich erst Mitte Oktober abschätzen lassen, wenn der Kosi üblicherweise abschwelle.

Es war eine angekündigte Katastrophe. Schon vor Monaten hatten Experten Nepal und Indien gewarnt, dass der Kosi unberechenbar ist und ein Desaster drohe, wenn sein Flussbett nicht sofort entschlammt wird. Die Behörden hatten die Warnungen in den Wind geschlagen. Umweltschützer machen auch den Klimawandel mitverantwortlich. Sie rechnen in der Zukunft mit weiteren gefährlichen Dammbrüchen in den Himalaja-Staaten Nepal und Bhutan. Die Erderwärmung lässt das Eis der Himalajas schmelzen und die Flüsse stärker anschwellen als früher. Weil es nun besonders heftig regnete, weiten sich auch in Bangladesch und im indischen Assam Überflutungen aus.

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