Welt : Indien: Wie Kartenhäuser zusammengefallen

Gabriele Venzky

Behutsam reichen sie das kleine Kind von Hand zu Hand. Eine menschliche Kette haben sie gebildet auf dem Trümmerberg, der einmal ein siebenstöckiges Haus gewesen ist. Ganz still ist das Kind. Es schreit nicht. Mit weit aufgerissenen Augen schaut es auf die Verwüstung, auf die schwitzenden Menschen. Eine Schramme am Knie, das ist alles. Selbst der kleine schwarze Punkt, den ihm seine Mutter am Morgen auf die Stirn gemalt hat, ist noch da: zwei Tage nach der einen Minute, die die Millionenstadt Ahmedabad in Trümmer legte. "Ein Wunder" flüstert jemand.

Das Ausmaß der Katastrophe ist nicht abzusehen. Nach Angaben der Regierung des Bundesstaates Gujarat sollen bis zu 16 000 Menschen ums Leben gekommen sein. Ihre Zahl stieg gestern von Stunde zu Stunde.

Das kleine bleiche Kind ist unten an der Menschenkette angekommen. Aber da steht niemand. Keine Mutter, kein Vater, niemand von der Familie. Ratlos hält es ein bärtiger Mann im Arm. Was nun? Ein paar Meter weiter hockt Arjun Mehta, der Direktor einer kleinen Bankfiliale in seinem ehemals besten Sonntagsstaat. Seine Hände sind blutig aufgerissen. Verzweifelt hat er Tag und Nacht in den Trümmern gegraben, die einmal eine Schule waren. Obwohl ganz Indien an jenem Freitag Morgen den 52. Jahrestag der Ausrufung der Republik feierte, hatte der Lehrer die Kinder in die Schule befohlen: Nachsitzen. Arjun Mehtas Sohn gehörte dazu. Nun liegt die ganze Klasse unter dem Schutt. Erst vor drei Jahren war die Schule gebaut worden. Wahrscheinlich ist deshalb die Zahl der Toten und Verletzten so hoch, weil Freitag ein Feiertag war. Die Menschen waren zu Hause und nicht auf dem Weg zur Arbeit. Und so wurden sie unter ihren Mietkasernen, ihren Appartmentblocks und ihren Hütten begraben.

Das Epizentrum des Erdbebens das mit einer Stärke von 6,9 Punkten das schwerste seit 50 Jahren war lag bei der Stadt Bhuj, einer pitoresken mittelalterlichen Stadt mit alten Stadtmauern und Palästen.

Wachstum und Wohlstand

200 000 Menschen lebten hier. 2000 Tote wurden bisher allein hier gezählt. Tausende werden noch vermisst. 400 Schüler wurden unter ihrer Schule begraben. Es soll kein einziges Haus geben, das nicht schwer beschädigt ist. "Hier steht kein Haus mehr, das über zwei Stockwerke hoch war" meldete ein Amateurfunker aus der Distrikthauptstadt Rajkot mit 600 000 Einwohnern. Sämtliche Verbindungen ins Erdbebengebiet sind unterbrochen. Auch das Telefon funktioniert nicht. Bhuj ist zwar Standquartier der indischen Air Force. Aber große Transporter können hier nicht landen.

Am schwersten betroffen ist die ehemalige Hauptstadt des Staates Gujarat, Ahmedabad, 300 Kilometer entfernt, einfach deshalb weil sie mit fünf bis sechs Millionen Menschen die vollgepferchteste ist. Erst die Volkszählung im Februar sollte darüber Aufschluss geben wieviele Einwohner die Stadt wirklich hat. Denn Ahmedabad, das beim zum letzten Erdbeben 1956 eine halbe Million Einwohner zählte, gehört zu den am schnellsten wachsenden Städten Indiens. Das ehemalige "Manchester des Ostens" hat zwar immer noch 70 Baumwollspinnereien. Aber seit die Textilindustrie nicht mehr Indiens Exportschlager Nummer eins ist, haben sich viele andere Betriebe in dieser Stadt niedergelassen, die für ihre Emsigkeit und die Intelligenz ihrer Bewohner bekannt ist. Von 1000 Dollar die in Indien investiert werden, landen 700 in den westindischen Staaten Gujarat und Maharashtra, dessen Hauptstadt Bombay ist.

Beide Staaten sind die am meisten industrialisierten und die am meisten fortgeschrittenen im Lande. "Nun sind wir um Jahrzehnte zurückgeworfen" sagt ein Beamter in Ahmedabad.

Wo soviel Wachstum stattfand wie in dieser Stadt, da wurde auch wie wild gebaut: Mietkasernen, Wohnblocks, Appartmenthäuser und Elendsquartiere für die armen Massen. Jenseits des Flusses Sabarmati, an dem einst Ghandi seinen Ashram hatte, von wo aus er den berühmten Salzmarsch zur Küste unternahm, der die Engländer aus dem Lande zwingen sollte, jenseits des Flusses ist sogar eine ganze Hochhausstadt entstanden. In diesem Lande, wo schon ohne Erdbeben jeden Tag Neubauten und Brücken zusammenstürzen, weil skrupellose Bauunternehmer statt Zement Unmengen von Sand in den Beton mischen, und korrupte Beamte beide Augen zudrücken, fielen die Hochhäuser von Ahmedabad als erste wie die Kartenhäuser zusammen. Erdbebensicherheit ist ein bekanntes Wort in Indien, obwohl die Erde dort ständig bebt, weil der Himalaya jedes Jahr um mehrere Zentimeter von dem ganzen Subkontinent hochgeschoben wird.

Nur die kleine Moschee von Sidi Bashir mit ihren berühmten sich wiegenden Minaretten hat bisher alles überstanden. Wenn man an dem einen der schlanken Türme rüttelt, beginnt auch der andere zu schwanken: Im Jahre 1527 hat man noch erdbebensicher gebaut.

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