Welt : Indien: Wunder nach dem Beben

Gabriele Venzky

Bharat Mehta war einmal ein wohlhabender Mann. Aber nun hängt er am Rockzipfel des Rot-Kreuz-Mannes, schmerzverzerrt das Gesicht, so wie die Bettler, die an den Straßenkreuzungen um eine Rupie flehen. Mit einem Weinen in der Stimme sagt er: "Sie müssen mir helfen. Da drüben liegt meine ganze Familie begraben, und ich bin sicher, sie leben alle noch."

Tag elf nach dem Erdbeben in Indien. Woher nimmt er die Gewissheit, wo doch der Staat angeordnet hat, die Suche einzustellen? Nun, gestern, am Tag zehn, da hätten sie noch zwei Überlebende gefunden, ein Baby und einen 17-jährigen Jungen. Das Radio hätte es gemeldet. Außerdem: Hat nicht Mister Gallimora, der Chef des britischen Rettungsteams berichtet, seine Männer hätten noch 14 Tage nach dem großen Beben in der Türkei Überlebende gefunden? "Wenn uns nicht die Hoffnung geblieben wäre, würden wir alle verrückt hier", sagt Bharat Mehta. Drüben, in der Straße, in der er einmal gewohnt hat, beginnt die Armee, die inzwischen auf 20 000 Mann verstärkt wurde, die Trümmer wegzuschieben. Ein Trupp ist mit Kalk und Desinfektionsmitteln unterwegs, ein zweiter verbrennt die Leichen gleich dort, wo man sie findet. Die Gefahr von Seuchen ist zu groß.

Die Distrikthauptstadt Bhuj hatte einmal 200 000 Einwohner. Eine wohlhabende Stadt war sie, denn Bhuj war ein Zentrum der Juweliere und Goldschmiede. Auch Bharat Mehta war als Goldschmied zu Reichtum gekommen. Da war der Familie der kleine Raum hinter dem ebenerdigen Laden, in dem sie alle zusammen hausten, zu eng geworden. Also hatte der Juwelier aufgestockt, erst einen Stock, dann noch einen, hatte einfach oben draufgebaut, ohne Rücksicht auf Statik und Haltbarkeit. Alle seine Nachbarn hatten das so gemacht in der Altstadt. Genau das ist wohl der Grund, warum gerade Bhuj fast vollständig zerstört worden ist.

In Gujarat sind 35 Millionen Menschen heimatlos oder um ihre Habe gebracht worden. 500 Dörfer und Ortschaften sind zerstört. Was dort noch steht, kann nicht mehr bewohnt werden. Chopwadia ist ein solches Dorf. Dort steht als einziges Gebäude nur noch der Tempel. Davor hocken apathisch die Leute, die zu schwach waren, sich auf die Flucht zu machen. Jetzt überleben im Erdbebengebiet nur noch die, die sich durchboxen können zu den Hilfsgütern. Nur, in Chopwadia ist bisher noch keine Hilfe angekommen. Auch das Dorf Haripur liegt in der Nähe von Bhuj, in einer Stunde ist man zu Fuß dort. Aber in Haripur steht noch jedes Haus, sogar die Molkerei, und niemand hat sein Leben verloren. Die Felder sind grün und die Brunnen voll mit sauberem Trinkwassser. Das klingt unwahrscheinlich, ja, wie ein Wunder. Gewiss, manche Häuser haben Risse in den Wänden, aber sie sind alle bewohnbar. Wie ist das möglich?

Haripur ist ein Dorf der Bauernkaste der Patels, die sich schon vor Jahrhunderten demokratisch organisiert haben. Gemeinschaftlich haben sie beschlossen, sich von der Außenwelt und ihren Einflüssen unabhängig zu machen, sie haben in Harmonie mit ihrer Umwelt gelebt, in Häusern, die traditionell nur einstöckig sind und nicht einfach auf den nackten Erdboden gebaut wurden, sondern tiefe Fundamente haben. Und sie haben schon immer eine kluge Wasserwirtschaft betrieben: in der Regenzeit fleißig gesammelt, damit in der Trockenheit genügend da ist.

In Delhi ist der Finanzminister Indiens inzwischen dabei, seinen Haushalt umzuschreiben, den er in drei Wochen dem Parlament präsentieren wollte. Der Wiederaufbau in Gujarat wird Milliarden kosten, und allein mit den schon angekündigten Steuererhöhungen wird das nicht zu bezahlen sein. Auch nicht mit der finanziellen Hilfe, die vom Ausland großzügig angeboten wird. Fast die ganze Welt hat Geld und Einsatzkräfte mobilisiert. Auch das benachbarte Pakistan, der so genannte Erzfeind. Schon zum dritten Mal hat der Nachbar einen Großraumtransporter mit Hilfsgütern ins Erdbebengebiet geschickt, eine Sensation, da es sonst so gut wie überhaupt keine Verbindung über die Grenzen hinweg gibt. Nun will sogar der Militäradministrator Pervez Musharraf persönlich nach Delhi kommen, um sein Mitgefühl auszusprechen. Zum ersten Mal seit dem Militärputsch 1999 in Pakistan haben Musharraf und der indische Premier Vajpayee miteinander telefoniert.

Natürlich sammelt der General mit seinen Versöhnungsgesten Propagandapunkte. Aber davon abgesehen tut sich jetzt eine Chance für Friedensgespräche zwischen den verfeindeten Brüdern auf, über eine Lösung in Kaschmir. Der über 50 Jahren dauernde Konflikt hat nicht nur zu zwei Kriegen geführt, sondern beide Länder Milliarden gekostet, die sie in eine unsinnige Rüstung, inklusive Atombomben, gesteckt haben. Vielleicht könnte das schreckliche Beben von Gujarat etwas Gutes bewirken: die Versöhnung auf dem Subkontinent.

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