Welt : Indischer Stolz

Delhi will allein mit den Folgen des Bebens fertig werden – ohne die Hilfe internationaler Organisationen

Michael Kuehn[Kamalkote]

Kamalkote, oder was davon übrig ist, liegt zwischen zwei Bergketten. Im militärischen Sperrgebiet nahe der Line of Control zu Pakistan – dort, wohin Ausländer nur mit Erlaubnis der indischen Armee, und meistens nur in deren Begleitung, reisen dürfen. Wo sich früher Häuser wie auf Terrassen an den steilen Hang schmiegten, türmt sich nun Schutt und Geröll. Der kleine Strom tief unten im Tal hat sich seit dem Erdbeben am 8. Oktober ein neues Flussbett gegraben.

Während man in Pakistan inzwischen mit mindestens 58000 Toten rechnet, gibt Indiens Regierung die Zahl der Opfer mit etwa 1600 an. 26 von ihnen starben in Kamalkote. Dort verteilen auf einem Platz Angehörige der „CRPF“ Hilfsgüter. Die Gruppe ist eine der indischen paramilitärischen Organisationen in Kaschmir. Auf der nächsthöheren Terrasse sind große Armeezelte vor eingefallenen Häusern aufgebaut. Weil Kamalkote zerstört ist, leben die Menschen in Zelten, unter freiem Himmel, oder haben auf Initiative des „Imam Hussein Trust“, einer Nichtregierungsorganisation aus Srinagar, begonnen, aus den Resten ihrer Häuser Unterkünfte zu bauen. Der „Imam Hussein Trust“, der auch ein Feldhospital betreibt, stellt das Werkzeug und einfaches Material wie Nägel und Schrauben.

Die Menschen wirken betroffen, aber nicht hilflos. Der Arbeiter Ashfaq erzählt, dass im Moment des Bebens alle glaubten, die Welt bräche zusammen. „Die Erde begann zu zittern. Wände bewegten sich und brachen ein.“ Diejenigen, die nicht aus den Häusern fliehen konnten, Kinder oder Alte, wurden von den Massen aus Stein, Holz und Lehm begraben. „Es war, als würde der Berg die Hänge herabkommen“, sagt er. „Menschen, die auf den Feldern das Gras schnitten, wurden von den Steinen erschlagen.“ Ashfaq bangt um die Zukunft. In einigen Wochen beginnt der Winter. Schon nähert sich die Temperatur nachts den Minusgraden. Die Regierung hat bislang nur angekündigt, Betroffenen ein Lakh Rupien, etwa 2000 Euro, zur Verfügung zu stellen. Überhaupt wird auf die Regierung viel geschimpft. Wo sie sei, fragen die Leute. Was sie unternehme. Und sie antworten: Nichts.

Es macht den Eindruck, als würden nur Armee und Nichtregierungsorganisationen helfen. Lokale und zum Teil auch nationale Organisationen sowie Privatleute machten sich nach dem Beben sofort auf den Weg, um in den betroffenen, schwer zu erreichenden Gebieten zu helfen. Dass die Soldaten trotz Verlusten in den eigenen Reihen den Menschen zur Hilfe kamen, poliert den schlechten Ruf der Armee etwas auf, den diese sonst in der Region genießt. Internationalen Organisationen dagegen – anders als im pakistanisch kontrollierten Teil Kaschmirs – verwehrt Indiens Regierung den Zugang zu den betroffenen Gebieten. Man sei selbst in der Lage, die Folgen des Erdbebens zu meistern, heißt es.

Doch massive Organisationsprobleme und überforderte Krisenreaktionsstäbe lassen diese Strategie angesichts der Effizienz und Professionalität der internationalen Organisationen fragwürdig erscheinen. Selbst die Armee ist hinter vorgehaltener Hand „nicht ganz glücklich“ mit der Regierungsstrategie. Denn auch wenn sie bisher aus eigenen Vorräten Nahrung, Zelte und Kleidung bereitgestellt, Straßen freigeräumt und neu gesichert haben, können die Soldaten nicht mehr lange dieses hohe Maß an Unterstützung leisten. Sie müssen nun selbst ihre Vorräte auffüllen, ihre Bunker wieder aufbauen und sich auf den Winter vorbereiten.

„Wir habe alles verloren“, sagt ein 36-jähriger Ingenieur aus einem nahe gelegenen Kraftwerk. Weil er Regierungsbeamter ist, konnte er seine zwei Kinder und seine Frau im gut zwei Autostunden entfernten Baramullah unterbringen. Dennoch steht er vor dem Nichts. „Mein Haus ist zerstört“, sagt er. „Es hat mindestens 25 Lakh gekostet. Was soll ich da mit einem Lakh? Und was machen diejenigen, die nur ein Stück Land besitzen und keinen Job haben?“ Dazu muss man wissen, dass in Kaschmir fast 70 Prozent der Menschen ohne Arbeit sind.

Und immer wieder die Angst vor dem Winter. Jetzt wäre eigentlich die Zeit, in der die Menschen in Kaschmir nach der späten Ernte ihre Vorratslager für die Zeit bis zum kommenden März anlegen. Denn die Region könnte bald bis zum Frühjahr vom Rest der Welt abgeschnitten sein. Wie im vergangenen Jahr: Damals hatten die heftigsten Schneefälle seit langer Zeit Lawinen ausgelöst, die ganze Dörfer verschütteten und die Straße nach Jammu für Wochen blockierten. In Pakistan warnen die Vereinten Nationen inzwischen davor, dass sich die Zahl der Toten noch verdoppeln könnte, wenn die Menschen im Erdbebengebiet vor dem ersten Schnee nicht alle erreicht und versorgt werden. In Deutschland kamen für die Erdbebenopfer in Pakistan bisher rund 20 Millionen Euro an Spenden zusammen. Die Bundesregierung stockte am Freitag die Hilfsmittel für Pakistan um 5,5 Millionen Euro auf; bislang waren schon mehr als 20 Millionen bereitgestellt worden.

Der Autor ist Wissenschaftler am Südasieninstitut der Universität Heidelberg.

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