Indonesien : „Tragödie, die nicht hätte sein müssen“

Experten sehen Baumängel als Ursache für hohe Opferzahl bei dem Erdbeben in Indonesien.Bei der Katastrophe vor knapp zwei Wochen kamen 1115 Menschen ums Leben.

Daniel Kestenholz[Bangkok]

Knapp zwei Wochen nach dem Erdbeben vom 30. September auf Westsumatra haben die indonesischen Behörden die Suche nach Vermissten eingestellt. Nach Angaben von Indonesiens Katastrophenschutzbehörde starben bei dem Erdbeben der Stärke 7,6 insgesamt 1115 Menschen. 300 Menschen bleiben in von Erdrutschen ausgelöschten Dörfern verschüttet. Wo einst Dörfer standen, werden die Behörden die Gebiete zu Massengräbern erklären. Die Hilfe konzentriert sich jetzt auf die Versorgung von Tausenden von Obdachlosen und den Wiederaufbau.

Die indonesische Regierung bleibt dabei genauso überfordert wie unmittelbar nach dem Beben, als es an schweren Maschinen, Ärzten und medizinischem Material fehlte. Angehörige erhalten für jedes verstorbene Familienmitglied umgerechnet gerade einmal 250 US-Dollar „Entschädigung“, während es für Obdachlose noch für einen halben Dollar am Tag reicht, doch auch das nur bis Ende Oktober. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass vor allem Neubauten eingestürzt sind. Ältere Häuser hielten dem Beben größtenteils stand. So waren beispielsweise beim neueren Ambacang-Hotel die Stützpfeiler der oberen Stockwerke nicht einmal auf Stützpfeiler des Grundgeschosses aufgebaut worden. Das hatte zur Folge, dass sich Stützpfeiler des Erdgeschosses beim Beben durch die oberen Stockwerke „stanzten“.

Fachleuten zufolge hätte bessere Bauqualität vielen Menschen das Leben gerettet. Bei der Vergabe von Baubewilligungen in jüngerer Zeit scheint systematisch geschlampt worden zu sein. Die Trauer von Einheimischen wandelte sich daher rasch in Zorn, als immer mehr Berichte über korrupte Bauvergaben und schlechte Bauqualität bekannt wurden. Ingenieure der japanischen Baufirma Miyamoto International, die bereits nach Padangs Erdbeben im März 2007 mit 72 Toten vor Ort reisten, sprachen von einer „Tragödie, die nicht hätte sein müssen“. Die Japaner warnten schon 2007, dass viele Schulen, Krankenhäuser und Industriegebäude mit bröckeligem Zement und nicht armiertem Mauerwerk gebaut seien. Mittlerweile ist wenigstens das Strom- und Telefonnetz in Padang und weiten Teilen der betroffenen Provinzen wiederhergestellt. Mängel gibt es nach wie vor bei der Trinkwasserversorgung sowie den Unterkünften für Obdachlose. Mit dem Wiederaufbau haben die Behörden noch gar nicht begonnen.

Padang hat abermals gezeigt, dass die ersten Stunden nach einem Erdbeben über Tod und Leben entscheiden. In den ersten 24 Stunden nach dem Beben konnten rund 300 Menschen gerettet werden. Danach wurden in den Trümmern fast nur noch Tote gefunden.

Der Lebenswillen der Menschen von Padang und Umgebung wurde durch die Katastrophe keineswegs gebrochen. Die meisten Schulen öffneten bereits wenige Tage nach dem Erdbeben wieder. Vielerorts dienten Zelte der UN als behelfsmäßige Klassenzimmer. Auch Banken und Geschäfte waren bald wieder offen, und auf den Straßenmärkten herrschte schon eine Woche nach der Tragödie das übliche geschäftige Treiben. In einer Straße von Padang war in der vergangenen Woche ein Hochzeitsumzug mit blumengeschmückten Autos und lachenden Menschen zu sehen, die sich vom Bauschutt und dem Baulärm allenthalben nicht stören ließen.

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