Welt : Ins Rampenlicht

Die Eltern der kleinen Madeleine setzen bei der Suche nach ihrer Tochter auf die Öffentlichkeit

Sarah Kramer[Berlin],Markus Hesselmann[London]

Gerry und Kate McCann werden nicht abtauchen. Die Öffentlichkeit soll nicht vergessen, dass ihre Tochter, die vierjährige Madeleine, nach wie vor wie vom Erdboden verschluckt ist. Das Kind verschwand vor mehr als einem Monat aus seinem Kinderbett in einem Feriendomizil an der Algarve – von den Tätern fehlt nach wie vor jede Spur.

Nun soll die Öffentlichkeit für die fehlenden Hinweise über den Verbleib von „Maddie“ sorgen. Dafür haben Gerry und Kate McCann kurz nach Madeleines Verschwinden drei Berater engagiert, die seitdem jeden einzelnen Schritt des Paares geplant und begleitet haben. Inzwischen ist sogar ein Manager dazugekommen. Prominente wie Virgin-Chef Richard Branson haben sechsstellige Summen zur Belohnung für Madeleines Freilassung zur Verfügung gestellt. McDonald’s und der Mineralölkonzern BP haben ihre Filialen in ganz Europa mit riesigen Postern mit dem Foto der Vierjährigen bestückt. Auch die britischen Medien berichten kontinuierlich über den Fall. Der private Nachrichtensender „SkyNews“ hat sogar eigens eine „Madeleine“-Rubrik auf seiner Internetseite eingerichtet. Dort wird jede noch so kleine Entwicklung in dem Fall multimedial nachvollzogen.

Die McCanns indes haben den Papst besucht, der ein Bild von Madeleine gesegnet hat. Am Mittwoch werden die McCanns in Berlin Station machen, um die Menschen dort um Hilfe zu bitten. Danach soll es weitergehen nach Amsterdam. Vielleicht, so die Hoffnung, war irgendeiner zur gleichen Zeit wie Madeleine im Ferienort Praia da Luz und hat zufällig ein Foto von dem Mädchen geschossen. Zudem planen die Eltern einen „Madeleine“-Tag: Internationale Stars wie Elton John, David Beckham und Bill Clinton sollen dabei um Hilfe gebeten werden. „Wir sind uns bewusst, dass die Aufmerksamkeit nicht nur Vorteile hat“, sagt Gerry McCann. „Aber wir sprechen alles, was wir tun, mit britischen Kriminalexperten ab, und die glauben, dass Bekanntheit die Suche nach Madeleine erleichtert.“

Den deutschen Traumatologen und Kriminalpsychologen Christian Lüdke, der bei vielen bekannten Entführungsfällen als Betreuer der Angehörigen zugegen war, irritiert allerdings das offensive Verhalten der McCanns. Lüdke, selbst Familienvater, maßt sich nicht an, von der Ferne den Fall zu beurteilen. Schließlich weiß auch er, dass alle Eltern, denen Ähnliches widerfährt, alles tun würden für ihr vermisstes Kind. Der Psychologe sagt aber auch: „Es ist ungewöhnlich, dass die Eltern als Paar in die Öffentlichkeit gehen. Ich habe bei der ganzen Sache ein komisches Gefühl.“ Typischerweise, sagt der Experte, verhielten sich die Angehörigen von Entführten gegenüber der Öffentlichkeit zurückhaltend. „Die meisten geraten in einen Schock und sind dann wie gelähmt“, sagt Lüdke. Manch Betroffener würde oft monatelang nicht aus der Lethargie erwachen. Wer die Kraft aufbringe, investiere diese meist für die Suche nach neuen Informationen. „Was die McCanns unternehmen, ist Vorwärtsverteidigung“, sagt Lüdke. Bei 75 Prozent aller Gewalttaten wie Entführungen kämen die Täter allerdings aus dem Bekannten- oder Verwandtenkreis. Dass Madeleines Verschwinden in den Medien so großen Anklang findet, erklärt Lüdke mit dem mutmaßlichen Tathergang – dem Kidnapping aus einer Ferienidylle. „So etwas erschüttert das Sicherheitsgefühl der Menschen.“

Die McCanns wollen dennoch nicht lockerlassen. Demnächst soll Madeleines Foto auch auf einem Lesezeichen erscheinen – als Dreingabe zum neuen „Harry-Potter“-Band.

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