Welt : "Intelligente Kleidung": Anzug mit Klimaanlage

Jörg Berendsmeier

"Vergessen Sie den Haustürschlüssel nicht", empfiehlt das Jackett am Morgen. "Da ist jemand in der Nähe", warnt der Mantel abends beim Spaziergang im dunklen Park. "Intelligente Kleidung" gibt es zwar noch nicht von der Stange. Aber Wissenschaftler in Brüssel haben bereits Prototypen für die Wäsche der Zukunft ausgetüftelt, die mitdenken kann.

"Letztlich wird die Kleidung eine schützende Hülle sein, die aktiv in das Geschehen eingreift", beschreibt Chefwissenschaftler Walter Van de Velde die Windjacke mit integrierter Klimaanlage oder den Energie produzierenden Joggingschuh der übernächsten Generation. Im privaten Forschungsinstitut Starlab denkt er mit Physikern, Biologen, Medizinern oder Spezialisten für künstliche Intelligenz seiner Zeit voraus. "Deep Future" steht deshalb auch als Motto über dem Portal der Jugendstilvilla in der belgischen Hauptstadt, in der 60 Daniel Düsentriebs aus 28 Ländern arbeiten.

"i-wear" steht für intelligente Kleidung und ist eines von vielen Projekten, an denen in dem seit drei Jahren bestehenden Institut für Grundlagenforschung gebastelt wird. Sponsoren, zu denen internationale Unternehmen wie adidas, Levi-Strauss oder auch Samsonite gehören, finanzieren die Erfindungen. "Wir arbeiten ohne gezielten Auftrag und suchen uns die Nischen für innovative Forschungsfelder", erklärt Professor Van de Velde.

Im Labor hängen mit winzigen Sensoren, Minikameras und Kleinstcomputern bestückte Hemden über Kleiderpuppen. Ingenieur Alex Hum aus Singapur arbeitet daran, die in Schuhen, Hosen oder Jacken eingearbeiteten Mikrotechniken drahtlos miteinander zu verbinden. "Die Menschen sollen über die Kleidung mit der Umwelt in Kontakt treten", beschreibt er seinen Anspruch an die vollvernetzte Wäsche.

In der Praxis könnte dies dann so aussehen, dass ein im Mantel platzierter Bewegungsmelder seinem spazierenden Besitzer etwa in der Nacht durch ein Piepsignal anzeigt, dass sich ihm jemand nähert. Handelt es sich um einen Angreifer, sendet die im Kragen untergebrachte Mini-Kamera die Bilder von dem Bösewicht direkt an die über Mobiltelefon verständigte Polizei.

Auch beim Schwitzen kann i-wear behilflich sein: In die Sportkleidung integrierte winzige Biosensoren messen Herzschlag, Blutdruck oder Körpertemperatur, speichern die Daten und erstellen letztlich Trainingspläne oder dudeln dem Sportler zum Ansporn beim Bergauf-Laufen automatisch Rockmusik statt Entspannungsmelodien über den Walkman in die Ohren. Patienten könnten ihren Ärzten mittels dieser Kleidung umfangreiche medizinische Daten über längere Zeiträume hinweg liefern.

Selbst der Profisport profitiert: Im Brüsseler Labor findet sich beispielsweise ein Fußballschuh mit eingebautem Chip. Dieser kann auf Grund seiner direkten Tuchfühlung Gesundheitsprobleme der Füße erkennen oder den Spielstil des Schuhbesitzers analysieren. Was von den Erfindungen letztlich auf den Markt kommen wird, bestimmt Starlab gemeinsam mit den beteiligten Sponsoren.

Während diese Erfindungen bereits funktionieren oder kurz vor ihrer Vollendung stehen, blickt Van de Velde schon in die weitere Zukunft: Fasern für Kleidung sollen entwickelt werden, durch die Informationsströme fließen und die Energie speichern können. "Und wir wollen dafür etwas anderes als Batterien", sagt der Starlab- Chefforscher. Für diese intelligente "zweite Haut" soll dann ein Waschmittel mit bestimmten chemischen Substanzen entwickelt werden, die die Spezialfasern wieder aufladen. Verlangt also das High-Tech-Hemd durch mehrmaligen Gebrauch nach Energie-Nachschub, dann kommt es einfach in die Waschmaschine.

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