Intelligenz : Genial verkannt

Wohl nie zuvor in der Geschichte der Stadt Köln war der Durchschnitts-IQ der Menschen dort so hoch wie in diesen Tagen. In der Domstadt treffen sich die intelligentesten Menschen der Welt. Noch immer ranken sich Mythen um sie

Bas Kast

Bis Sonntag treffen sich im Stadtzentrum 330 „Mensaner“ im Alter zwischen sieben und 70 aus der ganzen Welt, „in einem Hotel, ganz in der Nähe des Doms“, wie Christine Warlies im Gespräch mit dem Tagesspiegel sagte. Warlies ist die stellvertretende Vorsitzende des internationalen Hochbegabten-Vereins Mensa. Ihr Intelligenzquotient beträgt mehr als 130 Punkte – womit sie als „hochbegabt“ gilt und die Voraussetzung erfüllt, um Mitglied zu sein.

Intelligenz, das klingt gut, Begabung auch. Aber Hochbegabung? Ist das nicht ein Fluch? Hochbegabte, sind das nicht diese verschrobenen Figuren, unsportlich, in sich gekehrt und weltfremd? Dieser Eindruck ist weit verbreitet – und falsch. „Hochbegabte gelten bei Lehrern zuweilen als Problemkinder“, meldet die Nachrichtenagentur „dpa“ zum Kölner Mensa-Treffen. „Der Verein will helfen, sie emotional zu stabilisieren.“ Klar gibt es auch unter ihnen Problemkinder, „die meisten aber entsprechen nicht diesem Klischee“, sagt Warlies. „Wir wollen uns treffen, um uns auszutauschen, ein bisschen wie bei den olympischen Spielen.“

Seltsam, dass sich der Mythos des skurrilen Hochbegabten so hartnäckig hält, wurde er doch schon Anfang des vorigen Jahrhunderts widerlegt – und zwar in der größten Studie, die es je zum Thema gab.

Damals, in den 1920er-Jahren, nahm der Stanford-Psychologe Lewis Terman Kontakt mit Hunderten von hochbegabten Kindern und jungen Erwachsenen auf, insgesamt 1528 Leute zwischen drei und 28 Jahren mit einem IQ von durchschnittlich gut 150. Terman, selbst hochbegabt, wollte wissen, was an dem Klischee dran war. Also verfolgte er die Persönlichkeit und Karriere seiner Versuchskaninchen (auch „Termiten“ genannt) über Jahrzehnte hinweg. Dabei stellte er fest, dass das Stereotyp nicht nur falsch war. Nein, in der Regel war es sogar andersherum: Die Überflieger waren keineswegs verschroben, sondern oft sozialer als andere Kinder. Als Erwachsene waren sie häufig sehr erfolgreich im Beruf.

Und Termans Studie offenbarte eine zweite Überraschung: Die Hochintelligenten waren erfolgreich – nicht aber die „allererfolgreichsten“. Keiner der „Termiten“ gewann einen Nobelpreis, keiner war gut genug für einen Pulitzer-Preis. Besonders ironisch: 1956, im Jahr, als Terman starb, wurde William Shockley mit einem Physiknobelpreis ausgezeichnet. Jahrzehnte zuvor hatte Terman den kalifornischen Jungen für die Studie abgelehnt: Sein IQ war nicht hoch genug. Ebenso ging es dem späteren Physiknobelpreisträger Luis Alvarez.

Das soll nicht heißen, das Konzept des IQs sei völlig nutzlos: Hohe Intelligenz sagt sowohl eine gute Abiturnote wie auch – bis zu einem gewissen Grad – Erfolg in Studium und Beruf voraus. Das Phänomen „Genie“ jedoch kann es kaum erklären. Genies haben zwar häufig einen relativ hohen IQ, der reicht aber nicht für geniale Leistungen: Fast immer sind Genies beispielsweise auch Menschen mit enormem Ehrgeiz und grenzenloser Motivation. Und das misst kein IQ-Test.

In Deutschland führt – in den Fußstapfen Termans – der Marburger Psychologe Detlef H. Rost die einzige streng kontrollierte Langzeitstudie an Hochbegabten durch. Wie sein Vorgänger, hat auch Rost so manches Klischee des Superklugen widerlegt. Einige seiner Fazite:

Kinder mit extrem hohem IQ sind oft seelisch stabiler, weniger ängstlich und sozialer. „Im Grundschulalter werden sie zum Beispiel häufiger zu Geburtstagspartys eingeladen“, sagt Rost.

Hochbegabte brauchen nicht weniger, sondern genauso viel Schlaf wie andere Kinder.

Es gibt etwas mehr hochbegabte Jungs als Mädchen.

Insgesamt lässt sich festhalten: Wer wie die Mensaner einen ungewöhnlich hohen IQ hat, ist nicht unbedingt ein ungewöhnlicher Mensch. Und: Menschen mit einem eher gewöhnlichen IQ können durchaus Ungewöhnliches vollbringen.

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