Welt : Internet über den Wolken: Abheben und einloggen

Claudia Keller

"Bitte schnallen Sie sich an, stellen das Rauchen ein und schalten alle ektronischen Geräte aus." Der Griff zur Tasche. Wo ist nochmal gleich das Handy, ist es wirklich aus? Der Appell der Stewardess ist eindringlich. Womöglich stürzt das Flugzeug ab, nur weil man vergessen hat, das Handy oder den Laptop richtig auszustellen.

Diese Angst ist, was den Laptop angeht, unbegründet. Sagt Boris Ogursky, Sprecher von British Airways. Man nimmt heute an, dass vom Laptop anders als vom Handy oder elektronischem Kinderspielzeug keine Strahlung ausgehe, die das Navigationssystem des Flugzeugs stören könnte. Da aber die Crew auf die Schnelle nicht unterscheiden könne, welches Gerät Strahlen aussende und welches nicht, müsste man alle elektronischen Gerätschaften während des Take-Off ausschalten.

Dass man regelrecht aufgefordert wird, den Laptop einzuschalten und im Internet zu surfen, ist auf jeden Fall ungewöhnlich. Bei Singapore Airlines (SIA) ist das seit letzter Woche der Fall. Die südostasiatische Fluglinie bietet seit kurzem ihren Fluggästen die Möglichkeit, über ein satellitengestütztes Kommunikationsnetz auch über den Wolken zu surfen und E-mails zu verschicken. In einem Flugzeug, das 900 Kilometer in der Stunde zurücklegt, ist es schwierig, eine stabile Verbindung zur Außenwelt herzustellen. Die Piloten sprechen mit der Bodenstation über UKW-Wellen, deren Frequenzen aber viel zu niedrig sind für die Übermittlung von Internet-Daten.

Singapore Airlines hat nun zusammen mit Tenzing Communications, einer amerikanischen Telekommunikationsfirma, ein System entwickelt, das elektronische Informationen in der Flugzeugkabine zwischenspeichert und über einen Satelliten an die Bodenstation übermittelt. Dreh- und Angelpunkt ist dabei ein Server an Bord des Flugzeuges. Der eigene Laptop muss nur noch über den Adapter am Sitz an diesen Bordserver angeschlossen werden, und schon können die E-mails über die Wolken fliegen. Da die Verbindung mit dem Satelliten aber nicht permanent gewährleistet ist, speichert der Bordserver die E-mail-Informationen und tauscht sie etwa alle 15 Minuten mit der Bodenstation aus. Angeblich merkt der Passagier nichts von der Verzögerung.

Vielleicht lässt der sich ja gerade in den Weiten des Internet treiben. In die Unendlichkeit kann er dabei an Bord der SIA allerdings nocht nicht vorstoßen. Mehrere hunderttausend Webseiten sind auf dem Bordserver gespeichert, Unterhaltungs-, Wirtschafts- und Shoppingportale.

Im Moment kann den neuen Service nur nutzen, wer in Singapur oder Los Angeles in eine Boing 747 steigt. In den nächsten Monaten sollen aber auch die Fluggäste in Frankfurt damit beglückt werden. Ohne Aufpreis und in cremefarbigen Sesseln der First Class genauso wie in den lilafarbenen der Economy Class. "Heute ist jeder so abhängig von E-mail, man muss überall erreichbar sein," sagt Sibille Weber von Air Canada. Die kanadische Fluglinie wie auch Scandinavian Airlines (SAS) sind ebenfalls Kunden von Tenzing Communications. Bei beiden laufen im Moment Programme, die auf Langstreckenflügen in Amerika das Kundenverhalten testen sollen. Denn das Ganze ist ein nicht ganz billiges Unterfangen. 360 Millionen Mark will Singapore Airlines in den nächsten zwei Jahren in die Vernetzung ihrer Flieger investieren.

Spätestens 2003 will auch die Lufthansa das neue Internet-Fluggefühl bieten. Natürlich nur das Beste vom Besten, sagt Firmensprecher Michael Lamberty. Das sei aber erst erreicht, wenn man direkt online gehen könne, ohne dass die Daten in einem Bordserver zwischengespeichert werden. Hauptsächlich Geschäftsreisende hat man bei Lufthansa im Visier. Denen sei schließlich nicht länger zuzumuten, auf einem Langstreckenflug von allen wichtigen Arbeitsmitteln abgeschnitten zu sein.

"Mit dem Internetzugang über den Wolken wird ihre Welt nicht mehr die gleiche sein", verspricht Tenzing Communications. Oder droht? Soll man sich wünschen, in einer engen Boeing mit 300 anderen eingesperrt zu sein, die dann auf zusammengenommen mehr als 15 000 Tasten eintippen, ihre Notebooks schnarren lassen, oder sich via Satellit über ihre Kollegen aufregen? Womöglich für zwölf Stunden nonstop? Eine Gefahr für die Gesundheit sieht Rupert Gerzer zumindest nicht. Er leitet das Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin in Köln. Durch die ständige Sauerstoffzirkulation im Flugzeug sei die Luft über den Wolken besonders gut. Und damit das Arbeiten am Bildschirm sogar weniger anstrengend als in manchem geerdeten Büro.

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