Interview : "Angst ist ansteckend"

Der Dresdner Angstforscher Jürgen Hoyer über die psychologischen Folgen der Schweinegrippe, unterschiedliche Formen der Angst - und was man dagegen tun kann

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Angstforscher Jürgen Hoyer.Foto: Privat

Herr Hoyer, die Angst vor der Wirtschaftskrise wird gerade von der Angst vor der Schweinegrippe abgelöst. Was haben beide gemeinsam?

Beides sind tatsächlich Themen, die Angst hervorrufen. Denn wir haben wenig in der Hand, um etwas dagegen zu tun. Und es sind zeitlich begrenzte Phänomene, die plötzlich auftauchen, aber dann auch wieder verschwinden – ohne etwas Ernsthaftes auszulösen.

Wie reagieren Ihre Patienten darauf?

Wir behandeln Patienten mit Angststörungen. Für manche von ihnen ist die schnelle Ausbreitung der Grippe ein zusätzlicher Auslöser. Aber gäbe es diese Krankheit nicht als Thema, würden sich ihre Ängste auf etwas anderes konzentrieren.

Es kommen also nicht mehr Menschen zu Ihnen zur Behandlung?

Nein, die Raten sind nicht höher als sonst. Anders sieht das aber bei Menschen mit Krankheitsängsten aus, bei Hypochondern. Für diese ist eine drohende Epidemie beispielsweise ein erneuter Anlass, zum Arzt zu gehen und sich durchchecken zu lassen. Sie beschäftigen sich obsessiv mit solch einem Thema. Doch nur ein halbes Prozent der Bevölkerung sind nach unseren Zahlen Hypochonder.

Wie reagieren gesunde Menschen?

Auch für sie ist die Schweinegrippe ein Thema, das Angst einjagt. Aber das ist ganz vernünftig, es ist eine normale Angst und kein Grund zur Sorge. Angst gehört zum Leben – und gerät nach einer Weile auch wieder in Vergessenheit. Ich gehe nicht davon aus, dass einer Grippe-Epidemie eine psychologische Epidemie folgen wird.

Was ist mit denen, die nun in die Apotheken rennen und sich ohne Not mit dem Grippemittel Tamiflu eindecken?


Das erinnert an Herdenverhalten. Die anderen machen es vor. Angst ist bis zu einem gewissen Maß ansteckend. Es gibt eben manchmal solche einen vorübergehend Hype, den man mitmacht.

An einer normalen Grippe sterben in Deutschland mehrere tausend Menschen pro Jahr. Durch die Schweinegrippe gibt es bisher nur wenige Tote. Warum sind Ängste so irrational?

Die Schweinegrippe ist etwas, dessen Folgen noch nicht abzusehen sind. Das macht Angst. Es gibt noch kein Schema, wie man reagieren soll. Hinzu kommt die besondere Aufmerksamkeit, die das Thema durch die Medien erfährt. Ähnlich war das während des ersten Irak-Krieges, als die Ölfelder brannten und schon Horrorszenarien aufgemalt wurden, dass die Welt durch den Rauch dunkler werde. Dass man nicht wusste, ob es eine Lösung geben würde, versetzte manche in einen Alarmzustand.

Wie äußert sich Angst?

Das ist bei jedem Menschen anders. Manche haben sehr starke Angstgefühle, ohne gleichzeitig auch körperliche Symptome aufzuweisen. Andere bekommen Herzklopfen, brechen in Schweiß aus, zittern oder verspüren eine Engegefühl. Der Körper stellt sich auf Flucht ein, auf Verteidigung oder er erstarrt – das sind evolutionsbedingte Verhaltensweisen. Aber jeder reagiert da unterschiedlich. Bei manchen kann sich das bis zur Todesangst steigern.

Was sollte man gegen seine Ängste tun?

Denjenigen, die ihre Ängste als überstark empfinden, kann helfen, was der ängstlichen Anspannung entgegen wirkt, etwa das Gespräch mit anderen oder das Erlernen von Entspannungstechniken. Relativ klar allerdings ist, was nicht hilfreich ist: übertriebenes Sicherheitsdenken und Versuche, zu kontrollieren, was letztlich nicht zu kontrollieren ist. Dann bekommt man vielleicht keine Grippe, aber ein Problem mit der eigenen Angst.


Jürgen Hoyer ist Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Technischen Universität Dresden. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist der Umgang mit Angststörungen.

Die Fragen stellte Juliane Schäuble.

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