Interview : Bastian Pastewka: „Ich bin ein guter Schenker“

... und manchmal lässt Bastian Pastewka sogar das Preisschild an der Verpackung. Wie er Weihnachten feiert – und welche TV-Sendungen er für diese Tage empfiehlt.

Interview: Andreas Austilat,Norbert Thomma
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Bastian Pastewka.Foto: ddp

Herr Pastewka, wenn Sie an das Weihnachten Ihrer Kindheit denken, was kommt Ihnen da in den Sinn?



Das Wort Großfamilie.

Eigenartig, Sie sind ein Einzelkind!

Stimmt, aber einer meiner Großväter hatte acht Geschwister. Und wenn man dann an Weihnachten das einzige Kind ist, das ist das Paradies.

Sie waren der Star.

Ich habe mich natürlich rangeschmissen. Sobald ich ein bisschen Klavier spielen konnte, war ganz klar: Heute Abend gibt es sämtliche Weihnachtslieder in der Einfinger-Version. Und wehe, es hören nicht alle vernünftig zu! Mein Onkel hat mich auf der Geige unterstützt und in die Grundzüge des Showbusiness eingeweiht: Wenn wir uns verspielen, hat er gesagt, geben wir das nicht zu, sondern bleiben so souverän, dass die anderen glauben, sie hätten sich verhört.

Und in der Schule wurden Sie fürs Krippenspiel engagiert?

Oh, ich war der Erzähler bei „Schneeweißchen und Rosenrot“. Leider war nach den Eröffnungsworten kein Erzähler mehr vorgesehen. Weshalb ich für die nächsten 25 Minuten in einem hohlen Pappbaum verschwinden musste. Der Baum hatte dann auch nur eine Szene – als sich der Zwerg mit seinem Bart im Astloch verfangen sollte, musste ich den Bart unsichtbar vom Publikum von innen festhalten. Das war meine erste Theaterrolle.

Das Schlimmste für ein Kind an Heiligabend ist das Warten, bis es endlich zur Bescherung kommt. Haben Sie versucht, vorher rauszukriegen, was es gibt?

Niemals. Mir war sehr früh klar: Die Spannung ist Teil der Show. Selbstverständlich checkt man nach der Größe der Pakete, was da vom Wunschzettel dabei sein könnte ...

Axel Hacke schreibt in seinem neuen Weihnachtsbuch: „Ich glaube nicht, dass es Gott gibt, trotzdem feiere ich Jahr für Jahr die Geburt seines Sohnes.“

Ich bin kein religiöser Mensch, aber an das Urchristentum als eine Art soziales Statut, daran glaube ich. Egal ob man es zehn Gebote nennt oder die Regeln menschlichen Miteinanders.

Und dazu gehört der Weihnachtsmann?

Ich glaube nicht an den Weihnachtsmann. Es gefällt mir aber, dass man einfach einmal im Jahr sagt: Gut, jetzt haben wir alle eine internationale Pause, die wir mit Geschenken oder mit Silvester feiern. Diese Zeit zwischen dem 20.12. und dem 10.1., da halte ich den Schnabel und mache gar nichts. Kurzum: Es ist meine kreativste Zeit im Jahr.

Und wenn jemand wie Kardinal Lehmann zu Weihnachten sagt, Leute, hört auf mit dem Tanz ums goldene Kalb?

Diese Ansprachen rund um Weihnachten haben mich schon immer genervt, speziell wenn jemand denkt, bloß weil er eine Soutane anhat, müsse man ihm zuhören. Da muss er schon konkreter werden und mir nachweisen, dass ich zu viele Geschenke kaufe und mich zu wenig engagiere.

Besinnen Sie sich denn?

Total. Ich habe um den 30. herum mit ein paar Freunden immer das gleiche Ritual: Wir erzählen uns das vergangene Jahr. Wo stehen wir als Freundeskreis, was waren die Kicks, was die großen Fehler, und welche Erkenntnisse hat jeder gewonnen? Meist bin ich derjenige, der das Tor aufmacht.

Ich heiße Bastian und bin seit vier Wochen trocken!

So ungefähr. Wir sitzen in unserer Runde zusammen, beim Essen, meist bei Freunden im Rheinischen. Ich bin überhaupt kein Partygänger, ich mag keine anonymen Zusammenrottungen von Menschen, die sich zu Stampfrhythmen leider nicht unterhalten können. Das habe ich schon mit 17 nicht gewollt. Auch Rockkonzerte und sonstige Massenveranstaltungen sind mir absolut fremd.

Sie sollen als Kind in einem Fußballstadion traumatisiert worden sein.

Mein Großvater im Ruhrgebiet hat mich da manchmal hingetrieben. Aber es war mir immer zu laut, zu aufregend, zu anstrengend. Und wenn Menschenmassen dann plötzlich im Chor schreien und irgendjemanden auspfeifen, muss ich leider gehen. Das ist im Übrigen auch der Grund, warum ich mir Castingshows nicht ansehen kann. Weil die Menge hier über einen Einzelnen entscheidet, mitunter in einer brutalen Form.

Haben Sie Heiligabend jemals weit weg von zu Hause verbracht?

Ein einziges Mal mit Freundin in meiner Traumstadt London. Wir haben in einem wunderschönen kleinen Hotelzimmer, das aussah wie bei Miss Marple zu Hause, Weihnachten gefeiert.

Mit Baum?

Ja, wir haben einen kleinen Plastikbaum mitgenommen. Den konnte man aufziehen, dann drehte er sich und spielte „Jingle Bells“. Dazu haben wir uns gegenseitig Geschenke überreicht und anschließend einen Spaziergang zur Themse runter gemacht. Ich liebe England, ich bin ein großer Fan des britischen Humors, und wenn irgendwo im Dritten zu nachtschlafender Zeit englische Fernsehspiele laufen, dann gucke ich mir die an.

Was ist mit Lametta oder Christbaumkugeln?

Bei mir ist alles unheimlich funktional. Ich muss einen Tisch irgendwo hinstellen, wo das Telefon draufsteht, damit ich es vom Sofa aus erreichen kann, völlig egal, ob der Tisch zum Sofa passt. Meine Freundin hat die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, als sie meine Wohnung gesehen hat. Sie hat gesagt, du hast ja nichts Nettes hier drinnen stehen.

Deshalb treffen Sie sich mit Ihren Freunden auch lieber in deren Wohnung.

Richtig. Ich habe einen sehr ausgeprägten Gastgeberkomplex. Zu Hause bin ich nur ich selber, wenn ich alleine bin. Aber ich bin ein guter Schenker. Ich finde noch am 23. verrückte Sachen und verschenke diese an manche sogar mit Preisschild und Datum dran, damit sie sehen: Oh Mensch, für mich hat er sich kurz vor knapp noch mal in die voll besetzte Fußgängerzone geworfen.

Schon mal jemanden vergessen?

Ich führe sogar Listen, in denen ich verzeichne, was ich letztes und vorletztes Jahr verschenkt habe. Ich habe ja sehr viele Fernseh-Freak- Freunde, wie Oliver Kalkofe oder Oliver Welke . Es wäre wahnsinnig peinlich, denen zweimal hintereinander die gleiche DVD zu schenken.

Ist die Geschenkeliste lang?

Rund 70 Personen.

Und die kriegen alle DVDs?

Natürlich nicht. Ich bin doch nicht Obelix, der immer nur Hinkelsteine verschenkt.

Aber Kalkofe kriegt eine. Der muss doch für Sendungen wie „Mattscheibe“ sowieso ständig fernsehen.

Da muss man tiefgründig forschen. Das macht mir mehr Spaß als alles andere. Bisher habe ich immer was gefunden, was er nicht hat. Zum Beispiel der Soundtrack von „Mord im Orientexpress“, ein wunderbarer Film von 1974. Und es gab nie den Soundtrack. In Tokio habe ich ihn 2003 endlich gefunden, Japan ist Filmmusikland. Kalkofe war glücklich. Da habe ich einen Volltreffer gelandet.

Nächste Woche wird man Sie mit Anke Engelke als Wolfgang und Anneliese sehen können, in der Revue „Fröhliche Weihnachten“. Für die erste Sendung haben Sie den Grimme-Preis bekommen. Es gab da das Gedicht „Es weihnachtet zur Weihnachtszeit …“

„… die Gans, die macht die Beine breit.“ Das Lied ist nicht von mir, die Zeile stammt von meinem Freund und Autor Chris Geletneky.

Sie berieten verkleidet als RTL-Schuldenberater Peter Zwegat Maria und Josef in ihrem Stall. Und sagten Sätze wie „Ochs und Esel, muss denn wirklich beides sein?“ Gab es auch Kritik, weil Sie mit der Heiligen Familie Scherz trieben?

Wir haben uns mit diesem Sketch ganz bestimmt nicht über Maria und Josef lustig gemacht, sondern über das Coachingfernsehen der Privatsender.

Sie waren auch Einrichtungsberaterin Tine Wittler und haben den Stall von Bethlehem aufgemöbelt. Wer werden Sie diesmal sein?

Gunther Emmerlich, Cindy aus Marzahn und der stolze Schlagergott Michael Wendler.

In Ihrer Comedysendung „Pastewka“ spielen Sie mit Ihrer angeblichen Fernsehsucht. Haben Sie wirklich sieben Festplattenrekorder zu Hause?

Es sind zwei. Die fünf Videorekorder habe ich alle abgeschafft.

Tatsächlich? Was haben Sie mit Ihrer Sammlung gemacht?

Zum Sondermüll gebracht. Ich hätte die auch im Hausmüll entsorgen können, ich habe mich nur nicht getraut, 400 Videokassetten in die Tonne im Hof zu werfen. Dann ist die sofort voll, und das kann dann ja nur ich gewesen sein. Rund 50 Kassetten habe ich behalten, Sachen, die ich nie wieder kriege – und wahrscheinlich nie wieder ansehe.

Zum Beispiel?

Alte Folgen der wunderbaren Reihe „Zapping“ auf Premiere. Die Sendung lief in den 90ern jeden Tag fünf Minuten lang vor 20 Uhr, dort wurden Highlights des Fernseh-Vortags gebündelt; die neuesten Gags von Harald Schmidt, spektakuläre Versprecher in der Tagesschau oder ein umfallender Bierkastenturm aus „Wetten, dass...?“. Das bleibt im Archiv, ganz klar. Direkt neben dem Special mit den alten Fernsehlotterie-Spots von „Ein Platz an der Sonne“ aus den 50ern bis in die 80er. Ich habe ein bösartiges Faible für Fernsehnostalgie.

Eine TV-Zeitschrift brauchen Sie gar nicht, Sie haben ja Ihr eigenes Programm.

Na klar brauche ich eine. Ich kaufe sie mir alle zwei Wochen, und dann arbeite ich sie zwei Stunden mit dem Textmarker durch, streiche an, welche Sendungen ich aufzeichnen muss.

Was interessiert Sie?

Ganz selten Spielfilme, diese üblichen Krimi- und Komödienkonzepte und nach 90 Minuten ist die Sache gegessen. Serien wie „Lost“, „24“ oder „Breaking Bad“ interessieren mich viel mehr, da werden die Geschichten und Charaktere über viele Handlungsstränge weiterentwickelt.

Kino ist offenbar nicht Ihr Ding.

Gehe ich nicht gerne hin, Stichwort Massenveranstaltung und Popcornwerfer. Außerdem werden Filme in handelsüblichen Kinos oft falsch gezeigt. Es gibt den Job des Filmvorführers nicht mehr. Heute machen 17-jährige Praktikantinnen den Film an und gucken nicht, ob er scharf ist, ob das Tonverhältnis stimmt und die Helligkeit. Ich habe sogar schon erlebt, dass sie einen Film schneller ablaufen lassen, damit die Putzleute anderthalb Minuten früher in den Saal können. Kein Scherz.

In der Fernsehserie „Raumschiff Enterprise“ gibt es eine Szene, da fragt Captain Picard einen Offizier …

… Lieutenant Commander Data …

… „was ist Fernsehen?“, und Data antwortet …

… „eine äußerst primitive Form der Unterhaltung, die das 22. Jahrhundert nicht überlebt hat“. Da hat er sich verschätzt. Noch 20 Jahre, dann haben wir irgendwelche neuen Kommunikationsformen. Die Generation, die jetzt halb so alt ist wie ich, lacht mich doch schon aus wegen meiner angemalten Fernsehzeitungen. Die zappen sich durch Youtube – egal ob die Bildqualität stimmt oder nicht.

Auf welchen Teil des Fernsehens könnten Sie denn schon jetzt verzichten?

Ich war nie ein Fan von Sportübertragungen. Das hat mich schon als Kind genervt. Wegen der Olympischen Spiele ist Wickie ausgefallen, eine Frechheit. Außerdem alle kurzfristigen Trends.

Was vermissen Sie?

Derzeit fehlen im Fernsehen die angenehm kleinen Geschichten. Vor 20 Jahren gab es noch „Drei Damen vom Grill“, also eine Serie, in der einfach nur gezeigt wird, was in der benachbarten Imbissbude passiert. Im deutschen Fiction-Fernsehen gibt es meist die Katastrophe: Mauerbau, Zweiter Weltkrieg, Dresden, Vulkan, Sturmflut.

Herr Pastewka, zu den Weihnachtsfeiertagen gibt sich das Fernsehen besonders viel Mühe. Vielleicht können Sie im Programm etwas für uns anstreichen?

Oh ja gern, ich habe sogar einen Textmarker dabei. Also, in der ARD gibt es die „Hoppenstedts“ von Loriot. Pflicht!

Im Zweiten gibt es Marianne und Michael.

Natürlich, habe ich schon im Juli programmiert! Ich will doch wissen, was haben die sich dieses Jahr wieder nicht ausgedacht. Weiter: „Die Muppets erobern New York“ auf Kabel 1, habe ich lange nicht gesehen, würde ich angucken. Wobei die Filme der Muppets nie so toll waren. Wo ist nur die Muppet-Show-Serie, warum kommt die nicht mehr?

Sie haben Sat 1 und Pro 7 übersprungen.

„The Specialist“ mit Sharon Stone und Sylvester Stallone, interessiert mich überhaupt nicht, „Wild, Wild West“ mit Will Smith ist leider eine Gurke; aha: „Die Jahrhundertlawine“ auf RTL …

… eine deutsche Eigenproduktion …

... eine Wiederholung, die bringt RTL, weil sie wissen, dass am 24. sowieso keiner RTL guckt. Was gibt es denn am 25.: „Harry Potter“ in der ARD, interessiert mich gar nicht, das ZDF ist mit zwei Folgen Rosamunde Pilcher am Start, großartig, interessiert mich leider auch nicht; „Die verrückte Geschichte der Welt“, nicht der beste Film von Mel Brooks. „Sissi“ eins und zwei, jaaaa, auf mein Sat 1 kann ich mich verlassen. „Mission Impossible 3“ auf Pro 7, der beste Film der Reihe, weil ihn John Woo nicht gedreht hat. Und neben Tom Cruise spielt der fantastische Philipp Seymour Hoffman.

„Sieben Zwerge, der Wald ist nicht genug“ auf RTL.

Dort spielen im Grunde alle meine Kollegen mit. Sehr lustiger Film, habe ich bereits gesehen. Hier, „Das Traumschiff“ im ZDF. Ich gebe es zu: Ich habe noch nie auch nur eine einzige Folge verfolgt. Der Sonntagabend im ZDF wird erst ab 22 Uhr interessant, wenn die englischen und dänischen Krimiserien laufen. Ebenfalls Pflicht!

Dann am 28. 12. noch ein Klassiker in der ARD: „Stars in der Manege“. Waren Sie da mal dabei?

In meinem Leben nicht gesehen. In meinem Leben nicht dabei gewesen.

Hätten Sie denn keine Lust, einmal die Löwennummer zu machen?

Null. Das ist die verstaubte Welt des Bayerischen Rundfunks. Zirkus – das habe ich noch nie verstanden. Und mit Prominenten erst recht nicht. Da muss ich am Ende zwischen Sonya Kraus und Veronica Ferres mit fünf Pinguinen im Kreis laufen.

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