Interview : "Die können 30 Jahre einfach so vor sich her unterrichten"

Das Internet-Schülernetzwerk Spickmich ist mit seinen Benotungen von Lehrern in die Schlagzeilen geraten. Eine empörte Lehrerin hatte geklagt, deren Note auf Spickmich miserabel ausfiel. Die Klage wurde vor dem Landgericht Köln abgewiesen. Am Abend vor der Verkündung sprach Betreiber Bernd Dicks über die "schwarzen Schafe" unter der Lehrerschaft mit tagesspiegel.de.

Bernd Dicks von Spickmich
Bernd Dicks: Sieht dem Urteil gelassen entgegen. -Foto: spickmich GmbH

Wie geht es Ihnen einen Abend vor der Urteilsverkündung. Ist viel los?


Es ist unglaublich. Uns wundert das selber, wie groß das Medieninteresse ist. Eine Leistung im Internet zu bewerten ist ja nichts Ungewöhnliches. Wenn man bedenkt, dass ganz viele Urlauber ihre Reiseveranstalter bewerten. Aber der Aufschrei aus den Reihen der Lehrer macht die Sache dann wohl doch auch für die Medien sehr interessant. Wir können uns kaum retten vor Presseanfragen.

Es beführt eben viele Empfindlichkeiten. Ist doch klar, dass sich viele Lehrer aufregen.

Viele Lehrer haben Vorurteile gegen Spickmich. Sie sind extrem unerfahren mit dem Internet. Man muss sich mal vor Augen führen, dass über die Hälfte aller Lehrer älter als fünfzig ist und selten ins Internet geht. Wir erleben häufig, dass die Lehrer unser Internetportal gar nicht kennen, aber dennoch negativ eingestellt sind. Das kann man nur durch Gespräche ausgleichen. Denn wir wollen Lehrer nicht an den Pranger stellen. Die Zahlen beweisen ja auch das krasse Gegenteil. 250.000 Lehrer sind schon benotet worden, die haben im Schnitt eine 2,7. Also keine schlechte Note. Ich hatte im Abi eine 3,1.

Wie viele Schüler sind registriert?

Über eine halbe Millionen. 65 Prozent aller Lehrer haben eine eins oder eine zwei vor dem Komma. Das ist doch eine gute Aussage.

Wie erklären Sie sich dann die Empörung seitens der Lehrer?

Das spüren wir hier bei uns in der Redaktion gar nicht so, wie es öffentlich dargestellt wird. Wir bekommen deutlich mehr positive Reaktionen. Gerade hat uns eine Lehrerin geschrieben, dass sie die Seite total super findet, weil ihrer Meinung nach Schüler einem Lehrer gar nicht sagen können, wenn sein Unterricht nicht gut ist. Ein Schüler kann einem Lehrer nicht sagen: Du hast bei der Notenvergabe wahrscheinlich gewürfelt. Das geht in diesem krassen Abhängigkeitsverhältnis Schule einfach nicht.

Vielleicht kommt ein gewisses Unwohlsein auf, wenn man Benotungen über sich im Internet liest, dessen Absender anonym bleibt?

Wir haben es ganz am Anfang anders versucht. Der Schüler wurde namentlich genannt, wenn seine Benotung auch geheim blieb. Das hatte zur Folge, dass einige Lehrer die Schüler am Kragen gepackt haben und sie zum Direktor geschliffen haben mit der Aufforderung, entweder du meldest dich von dieser Seite ab oder von der Schule. Da muss ich einfach den Ball zurück spielen. So unpädagogisch wie sich einige Lehrer damals verhaltet haben, ist eine face-to-face Bewertung nicht möglich.

Es ist leider so, dass es keine Feedback-Kultur an den deutschen Schulen gibt. Lehrer, die einmal verbeamtet sind, sind auch keinen Kontrollen mehr unterzogen. Die können 30 Jahre einfach so vor sich her unterrichten. Ich kenne aus meiner Schulzeit noch Lehrer, die 20 Jahre alte Folien jedes Jahr wieder neu auflegen. Das ist doch nicht Sinn der Sache. Schule ist doch keine Quarkfabrik, sondern hier wird Wissen und Bildung vermittelt. Wenn hier Leute schlecht arbeiten, dann wird schnell mal die Zukunft einiger Schüler versaut.

Was sind also die Ziele von Spickmich?

Wir kamen irgendwann auf den Punkt, an dem die Klagen auf unserem Tisch so viele waren, dass wir uns überlegt haben, ob wir das überhaupt weitermachen wollen, wenn wir eventuell dafür in den Knast müssen. Den Druck haben wir nur von den Lehrern bekommen, die schlechte Noten bekommen haben. Das kann nicht sein, dass diese Lehrer Recht bekommen, haben wir entschieden. Wir wollen den Schülern ein Meinungsforum bieten. Spickmich ist ja nicht nur ein Forum zur Benotung, es gibt auch viele andere Angebote wie Chats und Clubs.

Wie viele Klagen haben Sie inzwischen bekommen?

Wir haben inzwischen mehrere Ordner voll.

Wie viel Zeit verbringen Sie täglich im Büro von Spickmich?

Es ist inzwischen ein Fulltimejob. Man muss schon Spaß an der Sache haben. Es ist total interessant, den Kontakt mit den Schülern zu haben. Am Anfang haben wir gedacht, hoffentlich geht auch einer auf die Seite. Hoffentlich interessiert das überhaupt. Die Schüler haben uns aber die Bude eingerannt. Das ist ein tolles Gefühl, dass die Seite, in die man seine ganzen Ideen eingebracht hat, die man programmiert hat, so angenommen wird. Inzwischen sind wir auf einer professionellen Ebene angekommen. Spickmich ist eine GmbH, es gibt Sponsoren.

Mit welchem Urteil rechnen Sie?

Die Richterin hat ja schon mal geurteilt. Der neue Antrag der Lehrerin unterscheidet sich nicht wesentlich von seinem Vorgänger. In der mündlichen Verhandlung vor drei Wochen hat die Richterin schon gesagt: Was soll ich hier anders entscheiden?

Kennen Sie die Lehrerin persönlich?

Nein.

Haben Sie Verständnis für ihren Zorn?

Warum sie so beharrlich ist, können wir inzwischen verstehen. Hinter ihr steht ganz einfach die Lehrer-Gewerkschaft. Das ist doch immer so. Die suchen sich dann jemanden, mit dem sie das machen können.

Im Falle einer Niederlage – wie sähen die Konsequenzen für Spickmich aus?

Wir müssten die Lehrerin von der Seite nehmen. Wir würden selbstverständlich in Berufung gehen.

Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus?

Spickmich wird sich als Schülernetzwerk weiter entwickeln. Wie sehen uns nicht als Konkurrenz zu Studie VZ. Wir werden unsere Angebote in ganz andere Richtungen weiter entwickeln. Unser nächstes Projekt ist eine Seite für Eltern, die sich im Bereich der Schule vernetzen möchten. Hier könnte ein konstruktiver Dialog zwischen Schule und Elternhaus möglich sein.

Suchen Sie denn bereits nach Kaufinteressenten für Spickmich?

In absehbarer Zeit nicht. Zwischen uns und Spickmich gibt es eine große persönliche Bindung.

Spickmich.de ist eine Internet-Portal zur Benotung von Lehrern und seit Februar 2007 in Deutschland und Österreich online. Gründer sind die drei Kölner Studenten Tino Keller, Manuel Weisbrod und Philipp Weidenhiller. Bernd Dicks kam später an Bord.
Um bei Spickmich mitmachen zu können, muss man sich mit Namen, Schule und Klasse registrieren. Dann darf man benoten - anhand von zehn Kategorien wie „guter Unterricht“, „Motiviert“ und „Fachlich kompetent“. Nach einem Workshop der Bertreiber mit Schülern wurde die umstrittene Kategorie „Sexy“ auf Wunsch der Schüler gestrichen
.

Bernd studiert Politik-Soziologie und Medienwissenschaft, die anderen drei anderen  Betriebswirtschaft in Köln. Manuel hat gerade seine Diplomarbeit abgegeben. Tino schreibt an seiner und Philipp ist noch mitten im Hauptstudium. Ende des Monats erscheint Bernds erstes Buch „Lehrer – Eine Gebrauchsanweisung“ mit Tipps und Tricks im Umgang mit Lehrern.

Das Interview führte Katrin Jurzig

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben