Interview : "Es geht um das Töten an sich"

Warum Amoktaten immer wieder an Schulen geschehen, und warum die Schule niemals allein verantwortlich ist. Ein Interview mit Gewaltforscher Wilhelm Heitmeyer

Herr Heitmeyer, warum geschehen an Schulen immer wieder Amoktaten wie jetzt in Winnenden?



Die Schule stellt einen ganz wichtigen Erfahrungs- und Handlungsraum für junge Menschen dar. Sie kann Anerkennung in hohem Maße verschaffen, aber auch verweigern; und sie kann Erfahrung von Missachtung hervorrufen, sowohl durch Lehrer als auch durch Mitschüler. Die Erfahrung von Missachtung durch das soziale Umfeld kann sich mit der Verweigerung von Anerkennung durch Leistung verdichten. Je stärker die Schule Lebenschancen verteilt, desto stärker löst sie Stress aus. Das lässt sich gut in den Analysen des Attentats von Columbine beobachten. Die Täter Klebold und Harris fühlten sich ständig verspottet, ausgelacht und missachtet.

Die Erfahrung von Missachtung gehört ja zum System Schule. Was muss hinzukommen, um solch eine Gewalttat zu begehen?

Man kann es nie allein auf die Schule schieben. Die Eltern spielen eine Rolle, auch wenn deren Einfluss mit zunehmendem Alter der Kinder abnimmt. Die Gruppe der Gleichaltrigen wird hingegen wichtiger. In der Familie ist beispielweise Liebe eine Quelle von Anerkennung. Versiegt diese und fehlt auch die Anerkennung durch Gleichaltrige, kann es dazu kommen, dass ein Jugendlicher keinen Ausweg mehr sieht. Wobei wir in der Regel nicht wissen, was solch eine Tat letztlich auslöst.

Sicherlich werden auch Killerspiele wieder als Ursache genannt werden. Wie stehen Sie dazu?

Der Medienkonsum wird immer in dieses Konzert der Auslöser mit eingebunden. Meine These ist, dass Medien wie Computerspiele höchstens Verhaltensmuster und -strategien bereitstellen, aber nicht die Entscheidung zur Tat. Man verschätzt sich, wenn man meint, man könne solche Taten durch Verbote verhindern. Allerdings werden über Medien Gewaltfantasien angeregt. Gemixt mit Missachtungserfahrung und dem Wunsch, sich gewissermaßen eine unsterbliche Anerkennung zu schaffen, auch wenn es eine negative ist, können Medien eine Rolle bei solchen Taten spielen.

Sind Amokläufe immer Selbstinszenierungen?

Viele Amoktäter, wie der Schütze von Emsdetten, stellen Filmchen von sich selbst in martialischen Posen ins Netz. Daran sehen wir, dass es keine Menschen sind, die sich verstecken, sondern solche, die sich präsentieren wollen. Gewalt steht jeder Frau und jedem Mann zu Verfügung, aber bis sie angewendet wird, müssen Hürden überwunden werden. In der Kriminologie spricht man von Neutralisierungstechniken, mit denen anderen, Mitschülern oder Lehrern, die Schuld in die Schuhe geschoben wird. Diese Schuldzuweisung muss geschehen, bevor jemand Gewalt anwendet.

Kränkungserfahrung ist häufig an bestimmte Schüler, bestimmte Lehrer gekoppelt. Auch repräsentieren Lehrer doch viel stärker als Mitschüler die Institution Schule. Wie kommt es zu wahllosen Tötungen?

In Columbine waren es auf der einen Seite die verachtetetn Hispanics, auf der anderen Seite die von allen bewunderten Sportler, die zu Opfern wurden. Das sind ganz unterschiedliche Selektionskriterien, die man nicht richtig durchschauen kann. Es stellt sich auch die Frage, ob ein Täter beliebige Lehrer tötet oder solche, die zu Hassobjekten geworden sind. Amok läuft nicht ohne Plan ab, die Täter haben immer einen Plan. Er wird allerdings nie richtig realisiert, weil diese Gewaltform vieles durcheinanderbringt. Der Täter von Emsdetten beispielsweise baute seine Schule virtuell nach, um genau zu wissen, wo was zu tun sei. Trotzdem kam sein Plan später durcheinander.

Eine Möglichkeit, solche Taten zu verhindern, gibt es vermutlich nicht.

Das ist in der Tat sehr schwierig. Bei solch expressiver Gewalt steht nicht ein instrumenteller Zweck im Vordergrund, also beispielsweise jemanden zu erschießen, um an dessen Geld zu gelangen. Es geht um das Töten an sich, um einen Gewaltrausch. Da sind die Chancen gering, die Tat zu vermeiden. Nicht von ungefähr ist die Schule immer wieder das Ziel. Dort gibt es, auch zeitlich berechenbar, eine große Zahl von potenziellen Opfern.


Wilhelm Heitmeyer ist Professor für Sozialisation an der Universität Bielefeld und forscht über Konflikte und Gewalt.

Die Fragen stellte Meike Fries

Mit freundlicher Genehmigung von ZEIT ONLINE

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben