Interview : „Ich würde nie verängstigt gucken“

In Charlottenburg staunte die Neuköllnerin über Neuntklässler mit Gucci-Taschen. Ivy Quainoo über richtige Tanzmusik, scharfe Chilis und wo sie nicht studieren will.

von und
Ivy Quainoo.
Ivy Quainoo.Foto: Promo

Frau Quainoo, mit 19 haben Sie gerade eine Castingshow gewonnen. Seit kurzem strahlt RTL so eine Sendung für Kinder aus – „DSDS Kids“. Gibt es etwas, das Sie Jury-Mitglied Dieter Bohlen gerne dazu sagen würden?

Man castet keine Vierjährigen! Das überhaupt möglich zu machen, finde ich nicht gut. Kinder sollten spielen und nicht auf der Bühne stehen.

Als Schülerin der Kreuzberger Bühnenkunstschule standen auch Sie recht früh im Rampenlicht …

… aber erst mit 14. Da habe ich „Respect“ von Aretha Franklin gesungen und gemerkt, wow, das passt total gut zu meiner Stimme. Ich bin nach der normalen Schule hin und habe da viel über Technik gelernt, zum Beispiel wie ich mit den Füßen einen Rhythmus klopfe und darauf richtig singe.

Welche Musik haben Sie damals gehört?

Britney Spears oder Alicia Keys. Und natürlich die No Angels.

Die No Angels waren Deutschlands erste CastingBand. Sie waren sieben, als die Show „Popstars“ 2000 im deutschen Fernsehen anlief.

Als kleines Mädchen habe ich mir das gerne angesehen. Ich weiß, dass meine ältere Schwester „Take me Tonight“ vom ersten „Superstar“-Gewinner Alexander Klaws total toll fand. Doch das würde sie heute nie zugeben.

Sie haben in der achten Klasse die Schule gewechselt, sind aus Neukölln ans Charlottenburger Schiller-Gymnasium. Was war so schlimm an Neukölln?

Es war nicht schlimm in dem Sinne, dass sich die Schüler in der Hofpause geprügelt haben. Es lag eher an meiner Klasse, wir kamen mit dem Unterrichtsstoff nicht weiter. Das ging nicht für mich.

Und was genau war das Problem?

Das Niveau war nicht so hoch, immer hat jemand gestört. Ich will nicht stereotyp klingen, manchmal haben einige Schüler sich nervig verhalten, vorsätzlich einen Streit angefangen, den Lehrer auf den Arm genommen, und am Ende blieben zehn Minuten für den Unterricht.

Lief in Charlottenburg alles besser?

Es war in Charlottenburg vor allem viel gemischter als in Neukölln. Klar, Neukölln ist multikulturell, aber hat schon einen Schwerpunkt: Türken und Araber. Für die war es seltsam, wenn ich mit einem superkurzen Minirock zur Schule gekommen bin. „Erlauben dir das deine Eltern?“ – „Ja, sonst wäre ich nicht so gekommen.“ In Charlottenburg gab es viele Amerikaner, Nigerianer, zum Teil lernten dort Diplomatenkinder. Da waren Neuntklässler, die mit Gucci-Taschen zur Schule kamen. Es hat lange gedauert, bis ich mich eingelebt habe.

Und die Lehrer?

Ich hatte das Gefühl, dass die ein bisschen inkompetenter waren. Das ist ja der Punkt: Man denkt, in Neukölln müssen die Lehrer fürchterlich sein. Aber dadurch, dass sie mit mehr Problemen zu tun haben, waren die Lehrer da ziemlich gut.

Ist es schwer, Charlottenburger zu überreden, sich in Neukölln zu treffen?

Ich hab mich die ganze Zeit, in der ich in Charlottenburg zur Schule ging, im Dunstkreis von Moabit, Schöneberg und Charlottenburg bewegt. Da wurde sich nie woanders getroffen. Ich hab mal vorgeschlagen, zu mir nach Neukölln zu fahren, aber niemand ist gekommen. Es gab eine Freundin, die wollte mich besuchen, doch ihre Mutter hat es verboten. Man kann’s echt auch übertreiben.

In letzter Zeit wurde der nördliche Teil von Neukölln, das sogenannte Kreuzkölln, plötzlich beliebt.

Was heißt „plötzlich“? Die Veränderung ist schleichend passiert. Da läuft man auf der Karl-Marx-Straße, und auf einmal bemerkt man in einem Schaufenster weiß gestrichene Wände, einzelne Gemälde, einen jungen Typen mit Bart – und denkt sich: Okay, was ist passiert? Was macht der denn hier? Das bewegt sich von Kreuzberg über die Weserstraße langsam bis runter an die Karl-Marx-Straße. Es gibt jetzt einen Bio-Laden bei uns um die Ecke.

Sind Ihre Nachbarn schon genervt?

Im Moment stört es niemanden. Erst wenn die Mieten steigen, dann wird’s keiner toll finden. Schon komisch, dass es diesen Hype gibt, der alle Menschen in Hipster verwandelt.

Sie meinen Männer mit Bärten, Umhängetaschen und Polaroid-Kameras. Würden Sie so versuchen, einem Außerirdischen Ihre Heimat zu beschreiben?

Sie meinen, einem Charlottenburger?

Sie lachen ...

... na ja, der kommt am Hermannplatz aus der U-Bahn, sieht erst mal Türken und Araber in großen Jacken und kriegt sofort Angst. „Ui, der große Türke mit der dicken Jacke stürzt sich auf mich und isst mich auf!“ Hey, das sind ganz normale Menschen. Man muss sich natürlich schon eine Zeit lang da bewegt haben, um zu wissen, wie es wirklich ist.

Harmlos ist Neukölln nun auch nicht.

Aber letztlich kann es immer gefährlich sein, sich abends rauszubewegen – auch in anderen Bezirken. Ich habe gelernt, wie ich mich zu verhalten habe: Ich würde nie mit eingesunkenen Schultern laufen und verängstigt gucken. Da ist man ja das perfekte Opfer.

Fahren Sie nach elf alleine U-Bahn?

Natürlich. Wenn du keiner Gang angehörst, musst du dir keine Sorgen machen. Ich war nur einmal in einer brenzligen Situation – vor ein paar Jahren in Kreuzberg. Wir saßen am Halleschen Tor im Bus, ein paar Türken haben auf einen Einzelnen eingeprügelt. Einer schrie, das hat mich wirklich schockiert: „Ich schwöre bei meiner Mutter, ich stech’ dich heute ab!“ Danach kam noch ein Stein durch das Busfenster geflogen. Ich saß daneben, doch ich wusste, mir passiert nichts.

Vor der Casting-Show „The Voice“ haben Sie im Discountladen „TK Maxx“ an der Karl-Marx-Straße gearbeitet und Kleidung verkauft.

Ich wollte Geld verdienen, um aus der Wohnung auszuziehen. Mit einem Kumpel zusammen, nach Nord-Neukölln oder Friedrichshain. Das Problem ist nur, er will lieber in Charlottenburg bleiben.

Ihre Kollegen im TK Maxx erzählten uns, Sie seien eigentlich „total schüchtern“. Wie können Sie dann bei einem Casting vorsingen?

Sehen Sie, so schlimm kann es ja nicht sein! Das war eine spontane Entscheidung. Ich bin vergangenen Sommer nach Bekanntgabe meiner Abi-Noten hingegangen. Wir haben unsere Noten um zehn bekommen, um elf hingen wir im „Schloß“ rum …

… dem Steglitzer Einkaufszentrum ...

… dann kam ein Kumpel vorbei und erzählte von diesem Vorsingen in einem Hotel am Osthafen. Wir hatten nichts zu tun, sind einfach hingefahren. Eigentlich war ich erkältet, habe mich ganz spontan entschieden – auch für die Lieder: „Hometown Glory“ von Adele und „Some Kind of Wonderful“ von Joss Stone. Viel los war nicht, das war wohl Absicht. Die Organisatoren haben von vorneherein auf Leute gesetzt, die singen können. Ein Jahr davor hatte ich schon mal bei einem Casting mitgemacht, bei „X Factor“…

… eine Sendung, die mit schlechteren Quoten auf Vox läuft ...

… das war ganz anders. Da gab es eine richtige Menschentraube, ich musste fünf Stunden warten, bis ich vorsingen durfte. Bei „The Voice“ waren es nur 40 Minuten.

Wissen Sie, wer David Pfeffer ist?

Der Gewinner der zweiten Staffel von „X Factor“.

Das haben Sie sich angesehen, obwohl Sie nicht angenommen wurden?

Das war für mich nie ein Problem. Ich wollte nur reinschnuppern, auch bei „The Voice“ war das so.

Sie hätten Ihr Abi feiern können.

Ich fand meinen Durchschnitt nicht so toll. So gerade eben im Zweierbereich. Von manchen Lehrern bekommt man im letzten Moment noch schlechte Noten reingedrückt.

Was hat Sie reingerissen?

Geschichte, obwohl mich das Fach interessierte. Die Antike, die Französische Revolution, das fand ich alles spannend.

Vergangenes Jahr haben betrügerische Veranstalter ganze Abiturklassen um ihr Geld gebracht, die in teuren Hotels feiern wollten. Wie war das bei Ihnen?

Wir blieben verschont. Ich war ja dafür, dass wir unsere Sporthalle schmücken und dort feiern. Das hätte ich schön gefunden. Letztendlich waren wir im Andel’s Hotel an der Landsberger Allee.

Ihre Abi-Fahrt-Hymne?

Wir sind in die Nähe von Barcelona gefahren. Gehört haben wir den ganzen Quatsch, der letzten Sommer lief. „Mr. Sex-O-Beat“ und „Welcome to Saint Tropez“.

Eingängige Dance-Pop-Hits. War das die coole Musik Ihrer Klasse?

Electro war cool. In Berlin wollte ich immer ins Tube, einen Club an der Friedrichstraße, und Hip- Hop hören, das fanden die anderen total blöd. Die gingen lieber in Electroschuppen wie das Ritter Butzke in Kreuzberg. Mir persönlich war es immer ein Rätsel, zu Minimal Techno zu tanzen, wenn über Stunden derselbe Rhythmus läuft. Ich war auch mal im Cookies an der Friedrichstraße, schöner Laden, aber da wird ja geraucht. Aus München kenne ich das so, dass da das Rauchverbot konsequent durchgezogen wurde. In Berlin leider nicht.

2011 war ein Prüfungsschwerpunkt in Ihrem Englisch-Abi „Ethnic diversity – Leben in der multikulturellen Gesellschaft“. Gibt es für Sie unterschwelligen Rassismus?

Viele merken wirklich nicht, was sie sagen. Obwohl diese Menschen gar nicht schlimm finden, dass ein anderer schwarz ist. Aber das hört sich jetzt so an, als sei mir etwas Fürchterliches passiert. Ich habe das persönlich nie erfahren.

Erinnern Sie sich an Robin Hölzl, den 18-jährigen Fußballspieler des FSV Zwickau. Er hat auf seiner Facebook-Seite geschrieben, Sie könnten nie die Show gewinnen, weil sie farbig und damit keine Deutsche seien.

Ach, es gibt ausländerfeindliche Menschen, mit denen habe ich nichts zu tun. Wahrscheinlich gehört er zu den Leuten, die nicht merken, dass sie etwas sagen, was einen kränken könnte.

Sie sind in Berlin geboren, Ihre Mutter kam als junge Frau aus Ghana nach Deutschland.

Sie wollte einfach die Welt sehen und ist dann hier geblieben. Zuerst in München, dann West-Berlin.

Waren Sie mal bei Ihrer Familie in Ghana?

Vor elf Jahren einmal. Ein Teil lebt in Accra, der Hauptstadt, und einer in Kumasi, der zweitgrößten Stadt. Obwohl ich die Leute vorher nie gesehen hatte, dauerte es nur einen Tag, und wir gehörten dazu. Ich habe mich wohlgefühlt, mit meinen Cousins bin ich bei Facebook befreundet.

Sind Sie stolz auf Ihre Wurzeln?

Auf jeden Fall. Ich bin zwar Deutsche, aber meine Eltern kommen aus Ghana.

Wie war das bei der letzten Fußball-WM?

Da war ich für Ghana, aber wollte gleichzeitig, dass Deutschland weiterkam. Ghana ist 2010 ja leider sehr unglücklich im Elfmeterschießen gegen Uruguay ausgeschieden. Sonst wären wir die erste afrikanische Mannschaft gewesen, die jemals in einem WM-Halbfinale gestanden hätte.

Ihr Vater verließ die Familie, als Sie klein waren. Sie leben nun mit Ihrer Mutter, Stiefvater und Ihrer älteren Schwester. Kocht Ihre Mutter noch traditionell ghanaisch?

Na klar, zum Beispiel Jollof. Zuerst kocht meine Mutter eine Suppe mit Tomaten, Gemüse und ziemlich viel Chili, so richtig scharf muss es sein. Dann gibt sie Reis hinein und kocht alles auf. Man kann auch Fleisch dazutun, wenn man möchte. Ich bevorzuge Gemüse, ich bin seit einem Jahr Vegetarierin. Nicht, weil ich der Meinung bin, man dürfe keine Tiere essen, sondern wegen der fragwürdigen Tierhaltung.

In der aktuellen Shell-Studie heißt es: Jugendliche blicken wieder optimistischer in die Zukunft. Gab es in Ihrem Abiturjahrgang Zukunftsängste?

Ja, Mitschüler hatten Angst, Berlin verlassen zu müssen. Mittlerweile ist es ja für Berliner fast unmöglich, hier zu studieren.

Sie wollten Publizistik studieren ...

... bis ich gemerkt habe, dass man einen Numerus clausus von 1,2 braucht. Da war ich weit von entfernt. Eine Freundin wollte Medizin studieren, aber ihr Durchschnitt ist nicht so ideal. Ihre einzige Möglichkeit ist, über die Warteliste in ein paar Jahren in Wien zu studieren.

Ihre Freunde könnten doch in nähere Städte wie Frankfurt/Oder oder Greifswald gehen.

Oder nach Hannover und Halle. Die da sind, drehen alle ziemlich am Rad. Für jemanden, der aus einer großen Stadt kommt, wo uns schon fünf Minuten Wartezeit in der U-Bahn extrem ungeduldig machen und man alle Geschäfte vor der Tür hat, ist es schwer, sich an eine kleinere Stadt zu gewöhnen.

„The Voice“ wurde von der seriösen Kritik immer als „gute“ Castingshow dargestellt, weil es mehr auf Talent und nicht auf Skandale ankam ...

Ich bin mit der Einstellung rangegangen: Das wird niemals gut gehen.

Trotzdem weiß jeder Castingshow-Teilnehmer, dass viele Gewinner nach einem Jahr vergessen sind.

Ich hoffe, mir passiert das nicht. Ich bin zuversichtlich, dass es nächstes Jahr auch noch weiterläuft. Für mich ist es am wichtigsten, Musik zu machen und damit meinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Sie haben nun einen Plattenvertrag. Welchen Wunsch erfüllen Sie sich?

Ich mache den Führerschein!

In Berlin braucht man kein Auto.

Natürlich nicht, aber falls es wirklich die nächsten Jahre gut läuft, will ich nicht mehr mit der U-Bahn fahren müssen. Oder falls ich irgendwann mal Kinder bekomme, möchte ich nicht mit dem Kinderwagen in den Bus steigen. Das ist nicht so praktisch.

Sie könnten sich eine Traumreise leisten.

Ich will nach Irland, in ein Zwei- oder Drei-Sternehotel, das reicht mir. Ich mag die Landschaft. Ein Freund von mir hat dort ein halbes Jahr Schüleraustausch gemacht. Er hat erzählt, dass es in Irland mehr Schafe als Menschen gibt. Die Schafe begleiteten ihn sogar zur Schule. Das will ich mal sehen.

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