• Interview mit Wolfgang Joop: Man darf nicht nach dem Stoff süchtig werden, den man in der Mode herstellt

Interview mit Wolfgang Joop : Man darf nicht nach dem Stoff süchtig werden, den man in der Mode herstellt

Wolfgang Joop hat für sein Lebenswerk den Designpreis der Bundesrepublik Deutschland erhalten. Im Interview erzählt er, warum sein Stil typisch deutsch ist und seine Zeit als Grenzgänger zwischen Ost und West.

Peter Tiede

 

Der Junge aus Potsdam-Bornstedt Wolfgang Joop. Foto: dpa
Der Junge aus Potsdam-Bornstedt Wolfgang Joop.Foto: dpa

Herr Joop, Sie sind mit dem Designpreis der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet worden. Das klingt gewaltig – fühlen Sie sich auch so?

 Ich bin, ehrlich gesagt, sehr, sehr stolz, dass meine Leistung belohnt und so bewusst wahrgenommen wird. Es ist im eigenen Land oft nicht so bekannt, dass ich in einer eigentlich überfüllten Produktionswelt einen eigenen neuen Stil kreiert habe, der außerhalb des Landes als deutsch wahrgenommen wird. Ich habe, wenn Sie so wollen, deutschen Stil als Begriff in die Welt getragen.

 Würden Sie Ihren Stil selbst deutsch nennen?

Nein. Es ist mein Stil, er wird außerhalb Deutschlands aber als deutsch wahrgenommen. Er hat in Potsdam, in Bornstedt, wo ich aufgewachsen bin, seinen Ursprung und in Potsdam, wo ich seit 2003 wieder lebe und arbeite, habe ich zu dem Stil gefunden, der auch das Label Wunderkind auszeichnet. Ich bin ja im Jahr 2003 wieder hierher gekommen und habe Wunderkind als kleine Manufaktur gegründet – als kleine Manufaktur im Highfashion-Bereich. Ich sehe den Preis als Würdigung für meine Arbeit als Künstler und Unternehmer in diesen nun fast zehn Jahren.

 Sie haben also erst nach Ihrer Rückkehr nach Potsdam zu sich, zu einem eher Potsdamer oder preußisch inspirierten Stil gefunden?

 Zu sich selbst kann man, so glaube ich, nicht finden. Aber in Potsdam hat sich dieser Stil entwickelt. Er ist die Summe aus Ort und Erziehung, der Vorfahren, der Geschichte, der Schule Sanssouci. Deshalb würde ich auch nicht sagen, dass es ein deutscher Stil ist – Potsdam ist ja keine typisch deutsche Stadt mit all dem Rokoko. Hier waren die Hugenotten, die Holländer und andere.

 Sie sind nicht nur Designer, Sie sind auch Unternehmer, die Kombination gibt es nicht mehr oft.

 Ja. Die meisten meiner Kollegen sind doch heutzutage gut bezahlte Angestellte. Was ich mache, Mode überhaupt wird doch oft als exzentrische Beschäftigung angesehen, als verzichtbar; nach dem Motto: Das muss er doch nicht machen, wozu denn? Es ist nichts Bleibendes, keine Skulptur, es ist vermeidbar - Mode ist vermeidbar. Man kommt in der Mode zu keinem Resultat. Ein Kollege hat kürzlich geschrieben, man dürfe nicht nach dem Stoff süchtig werden, den man in der Mode selbst herstellt. Das macht es aber aus. In Potsdam kann ich wunderbar zitieren. Potsdam ist ja selbst auch viel Zitat. Und in der Mode ist heute das Zitierenkönnen wichtig. Dieses Zitieren und Mixen, die Mischung finden, etwa aus dem Charme des Mangels, den ich hier früher erlebt habe und dem Rokoko –, das macht es aus. Und in Potsdam habe ich dazu gefunden. Man muss eben oft einen weiten Weg gehen, um nach Hause kommen, ankommen zu können. Ich habe meine Handschrift gefunden.

 Hatten Sie diese bei Ihrem ersten Label Joop! nicht?

 Das war etwas anderes. Das war sportiv, das war auch international ausgerichtet. Wenn sie in New York leben, besonders die Deutschen, dann passen Sie sich dem Stil dort an. Und ich war ja auch ein Grenzgänger zwischen den Welten…

 Sie haben zu Ihrer Hamburger Zeit in den 1980er Jahren auch das DDR-Modeinstitut beraten – leider erfolglos - und es sollte eine Serie mit von Ihnen entworfenem Meißener Porzellan geben, Sie waren oft in Potsdam bei Ihrer Tante in Bornstedt…

 … ja. Ich war ein Grenzgänger in unterschiedlichste Richtungen, auch zwischen den Systemen.

 Mit Wunderkind nehmen Sie gerade den zweiten Anlauf. Das Unternehmen gehört wieder Ihnen allein. Im Frühjahr gab es ein gefeiertes Comeback mit der ersten Kollektion seit mehr als einem Jahr.

 Ja, es war nicht einfach, es war verdammt hart in diesem Jahr: Wir haben drei Kollektionen auf die Beine gestellt. Das bedeutet, mehrere hundert Teile entworfen, Stoffe entwickelt, herstellen lassen und, und, und. Aber es hat sich gelohnt. Wir sind wieder angekommen, das Echo ist überwältigend.

 Sie sind für Ihr Lebenswerk geehrt worden. Klassischerweise sagen die dafür Geehrten, dass sie sich zu jung dafür fühlen. Sie haben jetzt die Chance dazu, bitte:

 Nein. Ich bin stolz. Ich freue mich. In meinem Alter kann man sagen, dass die ganzen Facetten dazu gehören. Ich weiß, dass man in der Mode nie ankommt. Und so sehe ich jede Kollektion als einen Teil meiner persönlichen Biografie. Es war mir als Jungen aus Potsdam-Bornstedt nicht in die Wiege gelegt, diesen Weg zu gehen, hier wieder anzukommen. Hier hat alles seinen Ursprung.

 

Wolfgang Joop wurde 1944 in Potsdam geboren, genauer in Bornstedt. Er ist Modeschöpfer, bildender Künstler, Maler und Autor.

Nach dem Wegzug der Eltern ging er in Braunschweig zur Schule. 1970 startete er in Hamburg seine Modekarriere, 1982 stellte er seine erste Prêt-à-porter-Damenkollektion vor, 1985 die erste für Herren. Ab 1987 prangte hinter dem Namen Joop ein Ausrufezeichen, die Marke hieß nun „Joop!“.

1998 verkaufte Joop nach Unstimmigkeiten für rund 150 Millionen Mark 95 Prozent seiner Firmenanteile an den Hamburger Wünsche-Konzern, blieb aber zunächst weiterhin Chefdesigner der Marke JOOP!. Der Verkauf der restlichen 5 Prozent und Joops endgültiger Ausstieg aus dem Unternehmen Joop! erfolgten im Jahr 2001.

Im Jahr 2003 gründete er in Potsdam das Label „Wunderkind“, bei dem später ein Potsdamer Investorenpaar einstieg, das im Vorjahr ankündigte, seinen anteile an einen Investor verkaufen zu wollen. Daraufhin kaufte Joop alle Anteile zurück. Im Jahr 2011 erschien keine Kollektion. Mit einem kleinen Team hat er in diesem Jahr „Wunderkind“ zurück auf den Markt gebracht. Der Premiere in Potsdam folgte im September das Comeback bei den Prêt-à-Porter-Schauen in Paris.

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