Inzestfall : Das Wunder von Amstetten

Das Inzestopfer K. Fritzl ist aus dem Koma aufgewacht – und träumt von Robbie Williams. Ihr Arzt spricht vom Eintritt "in ein neues Leben".

Ingo Wolff
Reiter
Albert Reiter ist Leiter der Intensivmedizin des Landesklinikums Amstetten. -Foto: AFP

Es war ein berührender Moment in einer fast steril wirkenden Umgebung, als der Arzt Albert Reiter auf einer Pressekonferenz über den banal wirkenden Wunsch einer 19-Jährigen zu sprechen begann. Seine junge Patientin möchte gerne mal ein Robbie-Williams-Konzert besuchen, sagte der Leiter der Intensivmedizin des Landesklinikums Amstetten. Wenn dieser Teenager allerdings Österreichs bekannteste Patientin ist und das Land mit ebendieser K. Fritzl sieben Wochen mitfiebert, ob sie ihre Krankheit überhaupt überlebt und wie es weitergehen kann für die Familie nach dem weltbewegenden Inzestfall von Amstetten, dann sind solche Kleinigkeiten Stoff genug für einen Großauflauf der Medien.

Die Meldung platzte am Dienstagabend recht unerwartet mitten hinein in das Fußballfieber des EM-Gastgeberlandes: K. Fritzl ist bereits am 1. Juni aus dem künstlichen Koma aufgeweckt worden und in einem überraschend guten Gesundheitszustand. Fünf Wochen nach ihrer Einlieferung am 19. April, mit der der bisher einzigartige Fall überhaupt erst bekannt wurde. Die 19-Jährige war ihr Leben lang mit ihrer Mutter E. und zwei jüngeren Brüdern im Kellerverlies des Inzesttäters Josef Fritzl gefangen gehalten worden. Der 73-jährige weitgehend Geständige soll seine Tochter 24 Jahre lang in einem Verlies eingesperrt und sie immer wieder sexuell missbraucht haben. Während der Gefangenschaft zeugte er mit der heute 42-Jährigen sieben Kinder, darunter auch K. Ein Kind starb nach der Geburt.

Und gerade weil die Nation und eben auch die Menschen weit darüber hinaus an dem Schicksal des Inzestopfers teilgenommen haben, wollten die Klinikleitung und der Anwalt der Familie ihre Freude über den Gesundheitszustand mit der Öffentlichkeit nach einigen Tagen Schonfrist teilen. Bereits am 1. Juni ist K. Fritzl aus dem künstlichen Tiefschlaf geweckt worden und vor einigen Tagen mit ihrer Familie zusammengetroffen.

Es war der Eintritt der 19-Jährigen in „ein neues Leben“ und das sei für ihn ein berührender Augenblick am Ende eines langen Leidensweges gewesen, sagte Reiter. Der Arzt lässt einen Moment der Ruhe aufkommen und spricht dann die Worte langsam aus: „Ich sagte ,Hallo K.‘“. Reiter hebt die Hand, winkt und betont dabei die Pause. „K. sagt zu mir ,Hallo‘“. Reiter winkt noch einmal. Dann beschreibt er den Zustand der Patientin bei ihrer Einlieferung. „Sie hat an einem Versagen mehrerer lebenswichtiger Organe gelitten“, sagt Reiter. Inzwischen sei die 19-Jährige fast völlig genesen. Es sei damit zu rechnen, dass sie sich normal weiterentwickeln werde. So weit sich eine Frau, die ihr bisheriges Leben in einem Keller verbringen musste, überhaupt normal entwickeln kann. Immerhin sei K. Fritzl nach Angaben der Ärzte auf einem geistig normalen Niveau. Sie könne gut lesen, schreiben, sich mit anderen Menschen unterhalten und habe viele Wünsche geäußert.

Auch die Familie befinde sich in einem stabilen Zustand, beide Teile unterschieden sich jedoch durch ihr Lebenstempo, sagte der ärztliche Direktor der Amstettener Klinik, Berthold Kepplinger. „Für die einen ist das Vorbeiziehen einer Wolke schon ein großes Ereignis, die anderen übersehen das“, sagt er. Drei Geschwister von K. hatten bei Josef Fritzl und seiner Frau im oberen Stock ein normales Leben geführt, während unbemerkt im Keller die Mutter mit den übrigen drei Kindern eingesperrt leben musste. Der 73-Jährige hatte behauptet, die Kinder seien ihm von seiner Tochter vor die Tür gelegt worden, während sie in einer Sekte lebt. Zur Untermauerung hatte er von seiner Tochter Briefe schreiben lassen. „Es ist für alle ein Wunder, dass K. so schnell im Kreise ihrer Familie sein konnte“, sagte der Rechtsanwalt der Familie, Christoph Herbst. „Ihr Leben hing am seidenen Faden“, sagte Reiter. Zur genauen Ursache ihrer Krankheit konnten die Ärzte jedoch nichts sagen.

Seit Sonntag lebt sie mit ihrer Mutter und all ihren Geschwistern in einer Wohnung auf dem Gelände eines anderen Landesklinikums in Amstetten-Mauer. Sie wurde im Krankenwagen sitzend zur anderen Klinik transportiert. Dort wird die Familie weiterhin von der neugierigen Außenwelt abgeschirmt. Selbst ausländische Fernsehteams versuchen seit Wochen Bilder von der Familie Fritzl zu erhaschen – vergeblich. Die Untersuchungshaft von Josef Fritzl wurde unterdessen am Freitag verlängert. Ein Prozess gegen ihn soll noch in diesem Jahr stattfinden.

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