Welt : Ipswich atmet auf

Die Polizei ist sich sicher, den Mörder der fünf Prostituierten verhaftet zu haben

Oliver Bilger

Um 7 Uhr 20 griff die Polizei in der südostenglischen Grafschaft Suffolk zu. Die Polizisten verhafteten einen 37-jährigen Mann in seiner Backsteinhauswohnung in einer ruhigen Wohngegend der Gemeinde Trimley St. Martin. Der Angestellte einer Supermarktkette gilt als dringend tatverdächtig, den Mord an fünf Prostituierten aus der nahegelegenen Stadt Ipswich begangen zu haben. Bestätigt sich der Verdacht, wäre eine der größten und spektakulärsten Mordserien der britischen Kriminalgeschichte aufgeklärt – und der „Ripper von Suffolk“ gefasst. Die Heimatgemeinde des Verhafteten liegt an der A 14, einer Fernstraße, die die Stadt Ipswich mit dem Hafenort Felixstowe verbindet. Die Fundorte der fünf Frauenleichen sind alle nur wenige Meilen von der Wohnung des mutmaßlichen Mörders entfernt und befinden sich entlang der A 14. Der Mann soll erst vor drei Monaten in die Wohnung gezogen sein. Am Montag untersuchten Spezialisten das Haus des mutmaßlichen Täters und sahen sich ebenfalls sein Auto an, das er möglicherweise bei den Mordtaten benutzte.

Unterdessen wurde der Supermarktmitarbeiter in einer geheim gehaltenen Polizeistation in Suffolk verhört. Chefermittler Stewart Gull erklärte unter Verweis auf die laufenden Ermittlungen, er könne keine Einzelheiten bekannt geben. Auch dazu, wie die Polizei dem Mann auf die Spur gekommen ist, und zu seiner Identität wollte Gull vorerst nichts sagen.

Gleichzeitig aber gab die Polizei gegenüber der Bevölkerung Entwarnung. Sie ist überzeugt, den Täter gefunden zu haben.

Die BBC berichtete unter Berufung auf Ermittlerkreise, dass es sich bei dem Verhafteten um einen Mann namens Tom S. handeln soll. Die Zeitung „Sunday Mirror“ hatte ihn schon am Sonntag als möglichen Hauptverdächtigen genannt. Den Ermittlern war die durchsuchte Wohnung tatsächlich nicht unbekannt: Während der fieberhaften Fahndung nach dem Serienkiller hatten Polizisten das Haus schon einmal durchsucht und Gegenstände, darunter Mobiltelefone und ein Notebook, zur Untersuchung mitgenommen, meldete die britische BBC. S. sei mehrfach von der Polizei verhört worden, hieß es.

In einem Interview mit dem „Sunday Mirror“ hatte der 37-Jährige bestätigt, alle fünf Opfer gekannt zu haben. Nach der Trennung von seiner Frau, habe er sich seit ungefähr 18 Monaten häufig bei den Prostituierten aufgehalten. Auch mit der BBC sprach S. noch vor wenigen Tagen über seine Beziehung zu den Prostituierten aus Ipswich: „Sehr traurig und einsam“ seien sie gewesen, deshalb habe er nicht nur Sex, sondern auch das Gespräch mit den Frauen gesucht, erklärte S. Es habe sich sogar eine „Freundschaft entwickelt“.

Bislang hatte S. stets seine Unschuld beteuert. „Ich weiß, dass ich unschuldig bin“, zitierte ihn der „Sunday Mirror“. S. wusste aber auch, dass die Polizei ihn verhaften könnte. Als Grund für seine Annahme nannte er seine Beziehung zu den Prostituierten: „Die Frauen haben mir sehr vertraut.“ Er sagte der Zeitung auch, dass er keine Alibis für die Tatzeiten habe.

Die fünf ermordeten Frauen waren im Rotlicht-Milieu von Ipswich tätig. Seit Ende Oktober waren sie verschwunden, bis sie Anfang Dezember tot wieder aufgefunden wurden. Die Leichen von Gemma Adams, Tania Nicol, Anneli Alderton, Paula Clennell und Annette Nicholls wurden in nur zehn Tagen in einem Umkreis von knapp 16 Kilometern um Ipswich entdeckt. Der Täter hatte seine Opfer erwürgt. Alle Frauen – im Alter von 19 bis 29 Jahren – wurden nackt unweit der Fernverkehrsstraße A 14 gefunden.

Wochenlang hatte die Polizei nach dem Mörder gefahndet. Zuletzt waren 500 Beamte im Einsatz. Die Polizei in Suffolk erhielt Unterstützung von Beamten aus benachbarten Grafschaften. Mehrere tausend Hinweise sind in den vergangenen Tagen bei der örtlichen Polizei eingegangen. Chefermittler Gull dankte am Montag noch einmal allen, die die Ermittlungen unterstützt haben. Weitere Hilfsappelle seien nun nicht mehr nötig.

Eine Sprecherin in der Stadtverwaltung von Ipswich sagte am Montag: „Wir sind alle erleichtert, jetzt können wir wieder an Weihnachten denken.“

Wenn es wirklich der Täter ist. Wenn nicht, wenn sich die Polizei geirrt hat, dann könnte Weihnachten furchtbar werden.

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