Irrtum oder Vorsatz : Am Donnerstag ergeht das Urteil gegen Oscar Pistorius

Das Gericht in Pretoria urteilt am Donnerstag gegen den Sportstar Oscar Pistorius – und bewegt sich dabei in einer Grauzone. Denn ob die Schüsse auf seine Freundin Reeva Steenkamp Vorsatz oder Irrtum waren, bleibt weiterhin unklar.

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Oscar Pistorius (links) im Gespräch mit seinem Verteidiger Barry Roux.
Oscar Pistorius (links) im Gespräch mit seinem Verteidiger Barry Roux.Foto: dpa

An 41 Tagen hat der südafrikanische Sportstar Oscar Pistorius im letzten halben Jahr auf der Anklagebank des Obersten Gerichtes in Pretoria gesessen. 41 Mal hat er dabei die fast gleiche Kleidung getragen: einen anthrazitfarbenen Anzug über einem hellen Hemd, dazu eine dunkle Krawatte. Und 41 Mal haben die Medien den an beiden Unterschenkeln amputierten Paralympics-Star bei jedem seiner Auftritte minutiös beobachtet: jede seiner Aussagen, jeden Blick, jedes Schluchzen, Würgen oder Seufzen.

Heute geht der von beispiellosem Medieninteresse begleitete Prozess gegen den des Mordes an seiner Freundin angeklagten Sportstar nach sechs Monaten zu Ende. Ein letztes Mal werden sich dann Dutzende von Journalisten um die Sitze im holzgetäfelten Gerichtssaal rangeln, obwohl die Urteilsverkündung, wie bereits der gesamte Prozess zuvor, live von drei Kameras in alle Welt übertragen wird. Und noch einmal werden erschöpfende Berichte über das vermeintliche „Verfahren des Jahrhunderts“ Südafrikas Zeitungen und Magazine füllen - und die Gespräche auf den Cocktailpartys am Kap beherrschen.

Bislang gab Richterin Thokozile Masipa keinen Hinweis darauf, welcher Version der Ereignisse sie mehr Glauben schenkt und wie sie urteilen wird. Das Spektrum reicht von Freispruch wegen Notwehr über mehrere Jahre Haft wegen fahrlässiger Tötung bis zu lebenslang wegen vorsätzlichen Mordes.

Von großer Bedeutung wird die Bewertung seiner Person sein

Pistorius hat von Beginn an zugegeben, in der Nacht zum Valentinstag vor einem Jahr seine Freundin Reeva Steenkamp in seiner Villa in Pretoria mit vier Schüssen durch eine geschlossene Toilettentür getötet zu haben. Ob dies absichtlich oder irrtümlich geschah, wird sich trotz einer genauen Untersuchung von Tatwaffe, Munition, Tür und Einschüssen wohl nie mehr mit letzter Sicherheit feststellen lassen. Von umso größerer Bedeutung ist deshalb die Bewertung seiner Person, seines Charakters – und vor allem des Geisteszustandes, in dem er sich befand, als er in der verhängnisvollen Nacht viermal den Trigger zog.

Staatsanwalt Gerrie Nel ist überzeugt, dass sich Pistorius und seine Freundin in der Tatnacht heftig stritten und der Sportler das Fotomodell deshalb in Rage hinter der Toilettentür erschoss, wo sie sich mit einem Mobiltelefon verschanzt hatte. Der Angeklagte blieb hingegen bei seiner Aussage, er habe hinter der verschlossenen Toilettentür einen Einbrecher vermutet – und aus Angst um das eigene und das Leben seiner Freundin nur auf Beinstümpfen stehend wiederholt durch die Tür geschossen.

Hier beginnt eine große Grauzone. „Pistorius Problem ist, dass er in der Tatnacht die gesetzlich festgelegte Grenze für eine Selbstverteidigung klar überschritten hat, weil er gleich viermal durch eine geschlossene Tür in einen kleinen Raum geschossen hat“, sagte William Booth, ein bekannter südafrikanischer Strafrechtler, dieser Tage vor dem Kapstädter Press Club. Schließlich habe er gewusst, dass sich dahinter ein Mensch befinde. Entscheidet die Richterin deshalb auf fahrlässige Tötung, liegt das Strafmaß im Ermessen des Gerichts; es gibt keine Mindeststrafe. Zehn bis 15 Jahre Haft sind in solch einem Fall nicht ungewöhnlich.

Pistorius konnte den Eindruck, er sei ein Waffennarr, nie entkräften

Zum Verhängnis könnte Pistorius werden, dass es ihm vor Gericht nie gelang, den Eindruck einer dominanten, in seine Waffen vernarrte Person zu entkräften. So sagten zwei Freunde und eine Ex-Freundin unter Eid aus, Pistorius habe einmal wutentbrannt durch das offene Sonnendach aus einem fahrenden Auto in die Luft geschossen, weil kurz zuvor ein Polizist bei einer Fahrzeugkontrolle die Waffe des Sportlers angefasst habe. Ein anderes Mal schoss Pistorius beim Herumhantieren mit der Pistole eines Freundes in den Fußboden eines Restaurants. Es wäre ein Leichtes gewesen, den Vorfall zu gestehen, zumal die Strafe dafür gering ist. Stattdessen bestritt Pistorius, den Abzug der Waffe beim Halten ungewollt gezogen zu haben.

Wenig hilfreich dürfte für Pistorius auch sein, dass er seine Version dessen, was in der Todesnacht geschah, im Verlauf des Prozesses leicht änderte: Hatte der Sportler zu Beginn behauptet, sich mit den Schüssen gegen vermeintliche Einbrecher gewehrt zu haben, gab er später zu Protokoll, die Schüsse hätten sich aus Versehen gelöst – jedenfalls ohne, dass er irgendwie darüber nachgedacht hätte.

Selbst Pistorius dürfte längst klar sein, dass er ein „schwacher Zeuge“ war – und dass ein Freispruch deshalb eher unwahrscheinlich ist. Vielleicht hat er auch deshalb inzwischen neben der Villa, in der er einst seine Freundin tötete, auch zwei weitere Häuser in Pretoria verkauft. Beobachter werten dies als ein Indiz dafür, dass er sich offenbar auf einen längeren Rechtsstreit einstelle. Doch ganz unabhängig davon, dürfte seine Karriere ruiniert sein: Eine Rückkehr zu den Tagen, als er die ganze Welt mit sportlichen Höchstleistungen in Atem hielt, scheint jedenfalls ausgeschlossen.


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