Iserlohn : Säugling in verwahrloster Wohnung verhungert

Schock in Iserlohn: Unter den Augen der 26-jährigen Mutter und ihrem Lebensgefährten ist ein dreijähriger Junge verhungert und verdurstet. Die Staatsanwaltschaft ermittelt auch gegen Mitarbeiter des Jugendamtes, die von dem Fall gewusst haben sollen.

Jörg Taron[dpa]

Nachbarn und Passanten in der Iserlohner Sofienstraße sind schockiert. "Wenn das in Bremen oder einer anderen Großstadt passiert, ist das weit weg. Aber hier vor unserer Haustür, ich bin bestürzt", sagt Armin Erdmann, der gegenüber eine Reinigung betreibt. Im Dachgeschoss auf der anderen Straßenseite in der nordrhein-westfälischen Stadt war der drei Monate alte André unter den Augen seiner 26-jährigen Mutter und ihres 25 Jahre alten Lebensgefährten verhungert und verdurstet.

Im Treppenhaus vor der Dachwohnung steht noch ein Kinderwagen. Ansonsten scheint die Wohnung verlassen. "Mein Kind ist tot. Wir sind jetzt weg bei meinen Eltern", hatte die 26-Jährige zu ihrer Vermieterin gesagt.

Viel kann die Frau nicht über ihre Mieter berichten. "Es war häufiger nachts mal sehr laut", sagt sie. Das sei schon komisch gewesen. "Allein wegen der Kinder." Denn neben dem drei Monate alten Jungen hat das Paar auch noch ein 16 Monate altes Kind und die elfjährige Tochter der Mutter in der Wohnung. "Aber man wusste ja nicht, dass die Kinder da oben so leiden."

Jugendamt wußte Bescheid

Das Jugendamt sei informiert und auch zu Besuch gewesen. "Da habe ich gedacht: Dann kann ja nichts passieren, wenn sich das Amt kümmert", sagt die Nachbarin. Und auch einen Besuch der Polizei kurz vor dem Tod Andrés hatte sie mitbekommen. "Die Kriminalpolizei war auf der Suche nach dem Bruder meiner Nachbarin", sagt die 32-Jährige. Den Gesuchten fanden die Beamten zwar nicht, aber dafür fiel ihnen der Zustand der Wohnung und der Kinder auf.

"Ein Polizist hat das Jugendamt danach in einem ausführlichen Bericht über die unhaltbaren hygienischen Zustände in der Wohnung informiert", sagt der leitende Oberstaatsanwalt Wolfgang Rahmer. Die Stadt Iserlohn informierte am Nachmittag per Pressemitteilung, dass die Familie ausführlich betreut worden sei. Eine Sozialarbeiterin war nur Tage vor dem Tod des Kindes als Familienbetreuerin im Auftrag des Amtes in der Wohnung.

Umso mehr Fragen drängen sich Rahmer auf: "Ich erwarte von einer öffentlichen Behörde noch mehr Verantwortungsbewusstsein als von einer Familie, die offensichtlich aus desolaten Verhältnissen kommt."

"Der Junge war verdreckt"

Das Jugendamt gerät auch in der Nachbarschaft in die Kritik: Als am 22. Juni der Säugling von einem Notarzt abgeholt wird und die Nachbarin auf Andrés 16 Monate alten Bruder Justin und die elfjährige Kristin aufpasst, fällt auch ihr bei Justin auf: "Der Junge war verdreckt und seine Trinkflasche von innen völlig verschmutzt."

Erdmann von gegenüber reagiert ebenfalls gereizt beim Gedanken an das Jugendamt: "Entweder die reagieren selbstherrlich überzogen oder zu lasch. Und dann kommt so etwas dabei raus", sagt er mit Blick auf das Haus, das fast in Blickweite zum Iserlohner Rathaus liegt.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass es einige Monate dauern wird, bis die Verwahrlosungsvorwürfe gegen die Mutter und ihren Partner aufgeklärt sind: "Die können sich möglicherweise ja darauf berufen, dass auch die Behörde da war und keinen Anlass zur Beanstandung hatte", sagt Rahmer. Ermittlungen laufen aber nicht nur gegen das Paar, sondern auch gegen Mitarbeiter des Jugendamtes. (mit dpa)

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