Islamisten : Jagd auf Iraks "Emo"-Jugend

Islamisten in Bagdad erschlagen junge Leute, die Kleidung westlicher Subkulturen tragen und entsprechende Musik hören. Amnesty International fordert ein Einschreiten gegen die mysteriösen Todesschwadronen.

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Junge Iraker in Bagdad, die sich als Emos bezeichnen.
Junge Iraker in Bagdad, die sich als Emos bezeichnen.Foto: dapd

„Du bist der nächste“, bellte es aus dem Telefon. Hassans Freund hatten Unbekannte bereits vor einigen Tagen gekidnappt und brutal zusammengeschlagen. Seitdem verlässt der 22-Jährige nicht mehr das Haus, hat sich die Haare kurz geschnitten und seine engen Röhrenjeans verschwinden lassen. „Sie knöpfen sich jeden vor, der irgendwie anders ist“, sagt er. Piercings, Halsketten oder Heavy-Metal-Musik – wer das mag, ist dieser Tage im Irak seines Lebens nicht mehr sicher. So wie Saif Raad, ein junger Schiit aus Bagdads Sadr City, der gerne mit Fliegersonnenbrille und gegelter Frisur posierte. Sein letztes Foto zeigt den 20-Jährigen auf der Ladefläche eines Polizei-Pick-ups mit eingeschlagenem Schädel. „Wir wollen uns doch lediglich auf unsere eigene Art ausdrücken“, klagte seine Freundin Noor, die inzwischen mit ihrer Familie in den Nordirak geflohen ist und die Welt nicht mehr versteht. „Ist es das, was uns blüht, nur weil wir uns schwarz anziehen?“

Die Kampagne gegen die jugendliche Subkultur hatte im letzten Herbst in Moscheen und Medien begonnen, im Februar schlugen Hetzpredigten und Hetzartikel dann um in tödliche Gewalt. 14 Jugendliche wurden seitdem in Bagdad ermordet aufgefunden, berichteten irakische Zeitungen – fast alle erschlagen mit Zementblöcken oder Ziegelsteinen. Lokale Aktivisten der Szene sprechen sogar von 70, vielleicht sogar 100 Opfern, von den Tätern wurde bisher niemand gefasst. Gemeinsam forderten Amnesty International und Human Rights Watch jetzt die irakische Regierung auf, dem Treiben der mysteriösen Todesschwadronen ein Ende zu setzen. Die Mordwelle habe ein Klima des Terrors unter den Teenagern erzeugt, die per Kleidung, Emblemen, Lebensstil und Musikgeschmack aufbegehren gegen ihre traditionelle Lebenswelt aus religiöser Bevormundung und patriarchalischer Gewalt. „Emos“ nennen sie sich, ihre Identität mischen sie aus Hip-Hop, Rap, Punk und Gothic.

Für ihre fanatischen Gegner dagegen sind sie Gotteslästerer und Homosexuelle – und damit vogelfrei. Das berüchtigte irakische Innenministerium brandmarkte die Emo-Szene vor wenigen Wochen offiziell als „Satanismus“ und lieferte damit den religiösen Eiferern die Deckung für ihre blutige Hatz.

Immer wieder erschüttern Anschläge die irakische Hauptstadt. So auch im Januar.

Bagdad - Terror im Irak
Es war die schwerste Gewalt im Irak seit fünf Monaten: Mindestens 87 Menschen sind bei einer Anschlagsserie auf Schiiten in Bagdad getötet worden.Alle Bilder anzeigen
1 von 6Foto: AFP
06.01.2012 11:16Es war die schwerste Gewalt im Irak seit fünf Monaten: Mindestens 87 Menschen sind bei einer Anschlagsserie auf Schiiten in Bagdad...

Das Ministerium habe „offizielle Rückendeckung, diese Teufelsverehrer so schnell wie möglich zu eliminieren“, schließt der Text, der inzwischen von der Website des Ministeriums entfernt wurde.

Doch seine Botschaft der Gewalt wirkt weiter. In mehreren Stadtteilen Bagdads kursieren inzwischen Todeslisten, die jedem „Lüstling“ mit „dem Zorn Gottes durch die Hand der Mudschahedin“ drohen, der sich nicht die Haare schneiden lässt, die satanische Kleidung auszieht, seine Tattoos bedeckt und sich „wie ein richtiger Mann benimmt“. 33 Namen von Emo-Jugendlichen standen allein auf Prangerplakaten an Hauswänden von Sadr City, unmissverständlich garniert mit einem Koranvers und zwei Pistolen. Anders als bei der Mordwelle gegen Homosexuelle vor zwei Jahren, der über 700 Menschen zum Opfer fielen, gehen Iraks religiöse Autoritäten diesmal auf Distanz. Der höchste schiitische Geistliche des Landes, Großajatollah Ali al-Sistani, brandmarkte die Bluttaten als „Akte des Terrorismus“.

Abgeordnete des irakischen Parlaments kritisierten die wachsende soziale Intoleranz und verlangten eine offizielle Untersuchung über die Täter. Selbst Muqtada al Sadr, der bekannteste Hardliner unter den schiitischen Predigern, forderte im TV-Sender Al Sumaria, gegen die Emo-Jugend müsse im Rahmen von „Recht und Gesetz“ vorgegangen werden und nicht mit Gewalt. Gleichzeitig aber verunglimpfte er sie auf seiner Website als „Idioten“ und „Wunden in der islamischen Gemeinschaft“.

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