Island : Der komische Bürgermeister von Reykjavik

Er will nur sich und seine Freunde bereichern und das Parlament bis 2020 von Drogen befreien: Mit einer Spaßpartei trat Jón Gnarr zur Wahl an – jetzt regiert er Islands Hauptstadt Reykjavik.

Alva Gehrmann[Reykjavík]
Ein bisschen Bammel hat Jón Gnarr jetzt schon angesichts der Aufgabe.
Ein bisschen Bammel hat Jón Gnarr jetzt schon angesichts der Aufgabe.Foto: dpa

Wenn Jón Gnarr am Rathaus entlangspaziert, muss er schmunzeln. Nur noch wenige Tage, dann wird ausgerechnet er, der beliebteste Komiker Islands, neuer Bürgermeister von Reykjavík. Als der 43-Jährige vor einem halben Jahr ankündigte, mit seiner neu gegründeten Partei Besti Flokkurinn, „Die beste Partei“, bei den Kommunalwahlen anzutreten, hielten es alle für einen Witz. Schließlich kannten die Isländer seine Radioshows, in denen er sich regelmäßig über die Krise lustig machte, und liebten ihn in der TV-Comedy als Georg Bjarnfreðarson, einen besserwisserischen Kommunisten, der sein Muttertrauma auslebt. Besti Flokkurinn ist einfach das nächste Projekt, dachten die meisten.

So versprach Jón Gnarr im Wahlkampf, nur sich und seine Freunde zu bereichern, kostenlose Handtücher im Schwimmbad einzuführen, Eisbären in den Zoo zu bringen, das Parlament bis 2020 von Drogen zu befreien, und, ach ja, Reykjavík zu entschulden. Wie? Das werde man dann sehen! In anderen Ländern und zu anderen Zeiten würde eine Spaßpartei wie diese vielleicht zwei Prozent der Wählerstimmen gewinnen, doch auf der krisengeschüttelten Vulkaninsel waren die Bürger bereit für einen Neuanfang. Nach dem Motto: Schlechter als die etablierten Parteien, die teilweise mit den korrupten Bankern kungelten und damit das Land in eine schwere Finanz- und Existenzkrise führten, kann es Besti Flokkurinn nicht machen.

Die Idee mit der Partei kam Jón Gnarr im Herbst 2009. Ihm war gerade langweilig und er wollte zeigen, wie absurd Islands Politik im Großen wie im Kleinen ist. Reykjavík hatte in vier Jahren vier Bürgermeister. Immer wieder waren innerparteiliche Streitereien der Grund für den Wechsel. Noch ist Hanna Birna Kristjánsdóttir von der konservativen Unabhängigkeitspartei im Amt. Der Komiker machte zwar allerhand Witze, doch er wollte auch eine „kulturelle Revolution“ schaffen, das faule System aufbrechen.

Zeitweise hatte die Spaßpartei in den Umfragen 44 Prozent der Stimmen, am 29. Mai sind es immerhin noch 34,7 Prozent geworden – damit war Besti Flokkurinn die stärkste Kraft. Die Unabhängigkeitspartei erreichte 33,6 Prozent, die Sozialdemokraten sanken auf 19,1 Prozent. „Ich war ein bisschen enttäuscht, dass wir nicht die absolute Mehrheit bekommen haben“, sagt Jón Gnarr beim Spaziergang rund ums Rathaus. Er schaut dabei ernst, lächelt kurz. Wie so oft steckt in seinen Antworten viel Ironie, aber auch ein Stück Wahrheit. Denn tatsächlich wäre ein Neuanfang ohne Koalitionspartner einfacher gewesen, andererseits sind er und seine Parteimitglieder Anfänger im Politzirkus. „Man sollte die Leute von Besti Flokkurinn nicht unterschätzen“, sagt jedoch Egill Helgason vom Sender RÚV, Islands bekanntester Fernsehkommentator. Viele sind Künstler, auf Listenplatz zwei ist Einar Örn Benediktsson, Sänger der Sugarcubes, mit denen Björk einst ihre Weltkarriere startete. Björks beste Freundin Jóga ist die Frau des neuen Bürgermeisters.

Mehr als ein Drittel der isländischen Bevölkerung lebt in der Hauptstadt. Wer Reykjavík regiert, hat also eine große Verantwortung und etliche Probleme zu lösen: Viele Isländer sind verschuldet, die Arbeitslosigkeit stieg von zwei auf fast acht Prozent. Ist es nicht beängstigend, jetzt all die Verantwortung zu haben? „Ja, ein bisschen schon“, gibt der Komiker zu. Doch er will das durchziehen. Genau wie viele seiner Wahlversprechen, manche seien natürlich nur eine Provokation gewesen, etwa das Versprechen, offen korrupt zu sein. Doch sei er nicht korrupt, also könne er das guten Gewissens einhalten.

Auch das Eisbärengehege im Reykjavíker Zoo möchte er bauen lassen. Denn alle paar Jahre treiben Bären von Grönland auf Eisschollen nach Island und werden dann erschossen, weil sie nur schwer einzufangen sind. Jón Gnarr will das mithilfe von Tierschutzverbände ändern, der Zoodirektor ist ebenfalls begeistert. Ein Eisbär könnte den Knut-Effekt bringen – also viele Touristen anlocken und Gelder in die leeren Kassen spülen.

Eine weitere Ankündigung aus dem Wahlkampf war, dass Besti Flokkurinn nur eine Koalition mit einer Partei bilde, deren Mitglieder „The Wire“ gesehen haben. In der preisgekrönten US-Serie geht es unter anderem um die weitverzweigte Korruption im Stadtrat von Baltimore. Da Dagur B. Eggertsson, Spitzenkandidat der Sozialdemokraten, diese noch nicht gesehen hatte, übergab Jón Gnarr ihm zu Beginn der Koalitionsverhandlungen die DVD zur Serie. Bereits vor einer Woche einigten sich die beiden Parteien im Grundsatz auf eine Zusammenarbeit – und loben beide die gute Stimmung bei den öffentlich angekündigten „geheimen“ Treffen. Das genaue Programm der neuen Koalition wird an diesem Dienstag bei der offiziellen Schlüsselübergabe im Rathaus bekannt gegeben.

Jón Gnarr war es vor allem wichtig, dass er rechtzeitig zu Beginn der Lachssaison im Amt ist, denn die wird stets vom Bürgermeister eröffnet. Am Ellidaár-Fluss, mitten in Reykjavík, trafen sich die Banker und Tycoons stets zum luxuriösen Angeln, hier wurden informelle Deals gemacht. Der Komiker, der noch nie einen Lachs gefangen hat, will sich für die Feier schicke Burberry-Sachen besorgen und den Fisch, sobald er ihn gefangen hat, wieder freilassen.

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