Israel : Da ist guter Platz teuer

In Tel Aviv gehen die Leute jetzt wieder auf die Straße – vor allem die extrem steigenden Mieten sorgen für Unmut. Wie lebt es sich in dieser attraktiven Stadt am Meer? Drei Einheimische erzählen vom Alltag.

Daniel Erk
Zeltstadt in Tel Aviv.
Zeltstadt in Tel Aviv.Foto: REUTERS

YONATHAN H. MISHAL

34, Kunststudent

In den vergangenen Jahren bin ich so oft umgezogen, ich habe aufgehört zu zählen wie oft. Ich versuche deswegen, so wenige Dinge wie möglich zu besitzen, um flexibel zu bleiben.

Mit meiner aktuellen Wohnung hatte ich Glück. Ich wohne derzeit relativ zentral in einer Zwei-Zimmer-Wohnung - allerdings natürlich nicht alleine. Wir zahlen zu zweit 4000 Schekel (umgerechnet 830 Euro) und damit ist die Wohnung für die hiesigen Verhältnisse ziemlich günstig. Einmal zum Vergleich: Für den Preis bekommt man außerhalb Tel Avivs eine Vier-Zimmer-Wohnung.

Die hohen Preise liegen zum einen natürlich daran, dass Tel Aviv sehr beliebt ist als Wohnort innerhalb Israels. Aber auch daran, dass sich viele amerikanische und französische Juden hier Zweitwohnungen gekauft haben – zum einen als Absicherung, weil sie Angst vor Antisemitismus in ihren Ländern haben. Zum anderen, weil sie gerne nach Tel Aviv in den Urlaub fahren. In Jerusalem ist das teilweise noch schlimmer, da stehen ganze Stadtviertel einen Großteil des Jahres leer.

Die hohen Mieten wirken sich mittlerweile spürbar auf den Alltag aus, die Menschen müssen immer mehr arbeiten, um die Miete zu bezahlen. Oder Schulden aufnehmen. Oder sich das Geld dafür bei ihren Eltern leihen.

Ich gehe regelmäßig zu den Demonstrationen, das ist für mich selbstverständlich, aber ich bin auch selbst aktiv: Gemeinsam mit vier Freunden veranstalten wir kleine Protestaktionen. Nichts Gewalttätiges, wir wollen vor allem Unterstützung gewinnen und mit den Leuten auf der Straße ins Gespräch kommen. Zum Beispiel bauen wir regelmäßig einen Stand in der Innenstadt auf, um die Menschen dazu zu bringen, sich für die Tel Aviver Wahlen kommendes Jahr zu registrieren.

In Tel Aviv ist die Wahlbeteiligung recht niedrig, so um die 40 Prozent, da machen 10 000 Stimmen mehr schon einen großen Unterschied aus. Und das wollen wir nutzen. Außerdem erarbeite ich gerade einen Überblick über die Rechte und Pflichten von Vermietern und Mietern. Das klingt erstmal einfach, ist es aber nicht: Es gibt in Israel dreizehn unterschiedliche Behörden mit unterschiedlichen Kompetenzen, die im Mietrecht Mitsprache haben. Ich versuche, die Leute aufzuklären, damit sich mehr Mieter gegen gierige Vermieter wehren können.

Es ist nämlich nicht so, dass keine Regelungen für den Wohnungsmarkt existieren, nur gibt es eine Klausel, die besagt, dass alle Regelungen obsolet sind, wenn sich Mieter und Vermieter anderweitig einigen. Faktisch gelten die Regeln also kaum. Die Vermieter können ihre Bedingungen und Preise komplett diktieren. Wenn man sich wehrt, steht man von heute auf morgen auf der Straße.

EREZ GROSS

36, Manager

Eigentlich kann ich mich nicht über meine Situation beklagen. Ich arbeite in einer Online-Werbeagentur, mein Gehalt liegt über dem Durchschnitt in Tel Aviv und mit meiner Freundin und meinem drei Monate alten Sohn lebe ich in einer schönen Wohnung im Norden der Stadt, ganz nah am Strand. Trotzdem habe ich große Sympathien für die Proteste, denn letztlich geht es nicht nur um Mieten, sondern um Lebenshaltungskosten insgesamt. Warum ist zum Beispiel Milch in Tel Aviv deutlich teurer als auf dem Land? Bildung, Lebensmittel, selbst der Kindergarten, alles kostet viel mehr als anderswo in Israel.

Die Demonstrationen in der vergangenen Woche richteten sich also nicht mehr allein gegen die gestiegenen Mieten. Auch wenn das der Auslöser war. Für Studenten ist es besonders schwierig, günstigen Wohnraum zu finden, für junge Familien auch. Selbst für uns war es nicht einfach, eine Wohnung zu bekommen. Ich hatte Glück. Ein Freund von mir hat mit seiner Familie darin gewohnt. Als ich gehört habe, dass er auszieht, habe ich sofort die Gelegenheit ergriffen und ihn angerufen, dass ich die Wohnung übernehmen möchte. In Tel Aviv darf man keine Sekunde zögern, wenn man so eine Nachricht hört. Weil wir sie von dem Freund übernommen haben, zahlen wir vergleichsweise wenig: für dreieinhalb Zimmer, 100 Quadratmeter und Balkon 6000 Schekel (1200 Euro) Miete. Das finde ich in Ordnung. Normalerweise kosten Wohnungen dieser Größe deutlich mehr, um die 8000 Schekel (1600 Euro).

Dass die Preise so hoch sind, liegt daran, dass es in Israel keine wirkliche Alternative zu Tel Aviv gibt. Das Land ist klein, die Nachfrage viel höher als das Angebot. Die Stadt ist der Mittelpunkt des säkularen und kulturellen Lebens, hier sind die wichtigsten Unternehmen und Universitäten.

Auch wenn sich die Situation nicht grundlegend verbessert hat, habe ich den Eindruck, dass sich der Wohnungsmarkt etwas stabilisiert. Das liegt daran, dass die Proteste im vergangenen Jahr dem Problem viel Aufmerksamkeit verschafft haben. Außerdem hat sich die wirtschaftliche Lage entspannt. Vor zwei Jahren zum Beispiel empfand ich die Situation als schwieriger. Zum Teil wurden Mietwohnungen meistbietend versteigert. Davon habe ich in letzter Zeit nichts mehr gehört.

TOM SHINAN

34, Filmemacher

Ich wohne mit einer Mitbewohnerin in einer Zwei-Zimmer-Wohnung im Süden von Tel Aviv, im Jemenitischen Viertel, nicht weit vom Markt und vom Strand. Die Häuser sind alt und klein, aber die Gentrifizierung setzt auch hier langsam ein. Schon jetzt zahlen wir für die Wohnung mit etwa 50 Quadratmetern 4700 Schekel (umgerechnet 950 Euro) – sie ist weder sonderlich groß noch renoviert.

Mein Zimmer hat gerade mal 16 Quadratmeter, es ist mein Schlaf-, Wohn- und Arbeitsraum. Wenn Besuch kommt, klappe ich mein Bett zusammen, um Platz zu schaffen. Eine Freundin meinte kürzlich, ich würde ja noch studentisch leben. Was stimmt. Und mich total nervt. Ich bin 34, ich arbeite und ich möchte gern allein wohnen. Wenn ich abends Gäste habe, will ich mir nicht ständig Sorgen machen, ob meine Mitbewohnerin nebenan gut schlafen kann.

Ich habe nach einer kleineren Wohnung für mich gesucht, das war ziemlich frustrierend. Ich wollte etwa 3500 Schekel (710 Euro) ausgeben, aber es war unmöglich, etwas Anständiges zu finden. In einer Wohnung war die Dusche direkt über der Toilettenschüssel, in einer anderen war die Küche so gebaut, dass man nicht aufrecht stehen konnte. Und einmal hieß es in der Anzeige, es gäbe einen Balkon. Tatsächlich war damit das zugemüllte Flachdach des Gebäudes gemeint, auf das man klettern sollte – was ziemlich gefährlich ist. Die Situation war so absurd, dass ich schließlich auf dem Flachdach zwischen dem Müll stand und den Makler nur noch auslachte.

Mittlerweile erwarten manche Vormieter sogar, dass man sie bezahlt, damit sie einem dem Vermieter empfehlen. Man soll die Vormieter also bestechen, um an eine Wohnung zu kommen. Unfassbar! Und wenn man sie fragt, warum, antworten sie, dass es ihnen leid täte, aber sie selbst Geld beim Einzug gezahlt hätten und nun den Betrag beim Auszug wiederhaben wollten.

Vor Kurzem hat meine Mitbewohnerin ein neues Zimmer gefunden, sie wird bald ausziehen. Ich muss nun schauen, ob ich mir die Wohnung noch leisten kann. Vielleicht muss ich an mein Erspartes heran, mit Sicherheit werde ich mehr arbeiten müssen. Ich kenne einige Leute, die mittlerweile wieder aus der Stadt zu ihren Eltern gezogen sind. Dabei lohnt sich das kaum, obwohl die Preise günstiger sind. Weil fast alle Jobs in der Finanzwirtschaft, der Medien- oder Hightechbranche in Tel Aviv sind, muss man hierher pendeln. Der öffentliche Nahverkehr ist so schlecht, dass man ein Auto braucht – und das kostet wieder. Da kann ich gleich die teure Miete zahlen.

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