ISS : Lehrstunde aus dem All

Der deutsche Astronaut Thomas Reiter stellt sich live aus der Internationalen Raumstation ISS den Fragen von bayerischen Schülern.

Oberpfaffenhofen - Aufgeregt steht die 13-jährige Lisa hinter dem Pult und zupft an ihrer weißen Hose. In wenigen Minuten hat sie die Chance, mit dem deutschen Astronauten Thomas Reiter live aus der Internationalen Raumstation ISS zu sprechen. Was sie den Deutschen fragen wird, hat sie sich schon seit zwei Tagen überlegt. «Herr Reiter, ich würde gerne wissen, was die Astronauten machen, wenn sie Freizeit haben», fragt Lisa am Donnerstag im Kontrollzentrum des deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Oberpfaffenhofen schließlich, als man ihr das Mikrofon in die Hand drückt.

Das DLR hat die Klasse 7A des Christoph-Probst-Gymnasiums aus dem bayerischen Gilching zu sich geladen, um den Schülern die einmalige Chance zu geben, mit Reiter und seiner Crew zu sprechen. Fünf Sekunden muss Lisa warten, bis Reiter auf ihre Frage reagiert, denn so lange dauert es, bis der Ton bei der ISS ankommt. Gut gelaunt erscheint Reiter zusammen mit seinem amerikanischen Kollegen Jeffrey Williams sowie dem Russen Pavel Vonogradov auf einem überdimensionalen Bildschirm. «Wenn wir einmal nichts zu tun haben, dann schauen wir uns von hier oben aus die Erde an», erzählt er. Er habe auch eine Gitarre an Bord, aber bisher noch keine Zeit gehabt, darauf zu spielen. «Ich muss erst eine gerissene Saite neu aufziehen», lacht er.

Alle 90 Minuten wird es Nacht

Sechs Monate dauert die Mission des Astronauten der European Space Agency (ESA). An Bord der ISS werden am laufenden Band wissenschaftliche Tests durchgeführt, um jede Menge neue Erkenntnisse zu gewinnen. «Sehr interessant und aufregend» sei die Arbeit an Bord, antwortet Reiter auf die Frage des Schülers Marcel, warum er Astronaut werden wollte. Er betreibe mit seinen Kollegen «wissenschaftliche Forschung an vorderster Front». Da fragt Sabrina nach: «Was muss man denn machen, um Astronaut zu werden?» Reiter sagt, man müsse körperlich fit sein, gerne Sport treiben und gern im Team arbeiten. Auch ein Studium im medizinischen oder naturwissenschaftlichen Bereich und Berufserfahrung «am Boden» seien Voraussetzung für den Flug ins All.

Die 15-jährige Franziska hört gespannt zu. Dann möchte sie wissen, ob die Astronauten Tag und Nacht wahrnehmen können. «Wir umkreisen die Erde innerhalb von 90 Minuten und erleben daher den Wechsel zirka alle 45 Minuten», erklärt Reiter. Um einen Rhythmus im Tagesablauf zu bekommen, richten sich die Astronauten nach der Greenwich-Zeit. «Unser Tag beginnt kurz vor sechs Uhr morgens», schildert Reiter. Der Tagesablauf wird von den Kontrollzentren in Houston, Moskau und Oberpfaffenhofen überwacht, die stets miteinander in Verbindung stehen. Die Pausen, Essens-, Schlaf- und Arbeitszeiten sind strikt vorgegeben. Täglich trainieren die Astronauten etwa zwei Stunden, um in der Schwerelosigkeit fit zu bleiben.

Die Tücken der Schwerelosigkeit

Die Schüler sind sichtlich beeindruckt. Umso mehr geraten sie ins Staunen, als Reiter spontan eine Rolle in der Luft macht, um die Schwerelosigkeit zu demonstrieren. «Die Schwerelosigkeit macht uns die Arbeit nicht immer leicht», bremst Reiter die Euphorie. Oftmals habe er eine Schraube tagelang gesucht und sie «dann irgendwo in einem Luftschacht wieder gefunden».

Damit es bei diesen kleineren Pannen bleibt, erhält die Crew Unterstützung am Boden von den Kollegen Petro Duque aus Spanien und dem Deutschen Reinhold Ewald. «Wir unterstützen sie bei auftretenden Fragen und versuchen gemeinsam mit der Crew Lösungen für Probleme zu finden», sagen die Astronauten, die bereits mehrere Flüge ins Weltall hinter sich haben. Den Blick auf die Erde beschreiben sie als «tief greifendes, berührendes Erlebnis» mit «großartigen überwältigenden Gefühlen». Die Verletzlichkeit der Erde werde einem bewusst, wenn man den Blick von oben auf den Planeten habe.

Fasziniert verlassen die Schüler am Ende den Raum. Ob unter ihnen Nachwuchs-Astronauten oder Astronautinnen sind, bleibt offen. «Ich glaube, ich hätte Angst, so hoch oben zu sein», sagt Lisa. Christopher steht neben ihr und nickt: «So weit hinauf fahren, wäre wohl eher nichts für mich.» (Von Manuela Gotthartsleitner-Wagner, ddp)

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