Welt : Ist das Wetter verrückt geworden?

16000 Blitze in einer Stunde, 23 Liter Regen in zehn Minuten – und das in Berlin. Asien versinkt derweil in Fluten, Kalifornien brennt

Andreas Oswald

Berlin - Eine gewaltige Gewitterfront zog am Dienstagabend von Bayern zur Ostsee. Wer das Tief „Grete“ auf sich zukommen sah, hatte kaum Zeit, um sich in Sicherheit zu bringen. Von einer Minute zur anderen standen Straßen, Balkone und Keller unter Wasser. Mehr als 20 Liter Regen pro Quadratmeter gingen innerhalb von nur zehn Minuten nieder. Diese Werte wurden im Berliner Stadtgebiet gemessen. In Buch waren es sogar 23 Liter, sagt Stefan Kreibohm, Meteorologe des Wetterdienstes Meteomedia. So schnell, wie der Regen kam, verschwand er wieder. Von einer Minute auf die andere hörte er auf.

16000 Blitze produzierte die Gewitterfront auf ihrem Weg zur Ostsee – pro Stunde, und das in einem fort.

Was ist mit dem Wetter los? Erst vor wenigen Tagen wurden gewaltige Tornados beobachtet – und das in Deutschland. Madrid leidet unter der größten Hitze seit 107 Jahren. Teile Asiens versinken in den Fluten. Sie stammen vom Monsun. Die betroffenen Länder erleben das, was die Berliner zehn Minuten lang beobachten durften, seit mehreren Wochen. Und Kalifornien brennt. Wie aus dem Nichts tauchen plötzlich meterhohe Feuerwände auf.

Wie kann es sein, dass ein Sommer derart verregnet ist, wo Klimaforscher uns seit vielen Jahren eine globale Erwärmung versprechen, mit Sonnenschein, Hitzewellen, warmen Nächten und genießbaren Weinjahrgängen sogar nördlich des Kaiserstuhls?

„Die globale Erwärmung bedeutet nicht, dass das Wetter schöner wird“, sagt Mojib Latif, Klimaforscher in Kiel und ständiger Mahner. Die Wetteranomalien und Extreme nähmen zu. Immer häufiger werden wir immer extremere Regenfälle und heftigere Stürme erleben, kündigt Latif an. „Das sagen alle unsere Rechenmodelle voraus.“

Die Erwärmung lässt das Meereswasser stärker verdunsten, die Kreisläufe werden schneller, Sturm und Regen heftiger.

Das subjektive Empfinden vieler Menschen, das Wetter spiele verrückt, ist allerdings übertrieben. Zwar lesen wir immer häufiger über Tornados in Deutschland, ein Phänomen, das wir bisher eher in den USA heimisch wähnten. Aber das heißt nicht, dass es tatsächlich mehr werden. „Heute hat jeder ein Fotohandy, da hat kein Tornado eine Chance, unerkannt zu bleiben“, sagt der Meteorologe Stefan Kreibohm. „Und wo mehr gesehen wird, wird mehr berichtet.“ Auch der Monsun in Asien und die Brände in Kalifornien sind ganz normale Erscheinungen, die nur deshalb auffälliger geworden sind, weil die Bilder spektakulärer werden.

Schließlich sind wir in unserem Empfinden vom letzten – anormal heißen – Sommer verwöhnt, den wir so gut in Erinnerung haben. Da empfinden wir einen normalen Sommer wie diesen als Abweichung. Normal heißt: Es ist wechselhaft, Sonne, Gewitter und Regen wechseln sich ab, weil der Westwind ständig neue Tiefs zu uns führt.

Wenn dieser Sommer normal ist, wo bleibt dann die Klimakatastrophe? „Das ist ein ganz langsamer Prozess, der Jahrzehnte dauert“, sagt Latif. Das heißt nicht, dass sich die Zivilisation Zeit lassen kann: „Klimaschutzmaßnahmen wirken sich frühestens in 30 Jahren positiv aus, deshalb ist der Zug bald abgefahren“, sagt Latif, der Mahner. Einzelne Wetteranomalien gab es schon immer, manchmal war der Sommer heiß und trocken, manchmal eben regnerisch. Bis zur Klimakatastrophe ist es noch eine Weile Zeit, aber wenn die Extreme zunehmen, dann hat das schon in Kürze Konsequenzen: Dann ist die Kanalisation zu klein, Balkontüren von Altbauwohnungen können das Wasser nicht mehr zurückhalten und die Weinernte wird verhagelt – auch südlich des Kaiserstuhls.

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