Welt : Ist der echt?: Für Geldfälscher tickt die Uhr: Der Euro kommt

Walter Schmidt

Die Zeit rennt. Wer falsche Banknoten in Verkehr bringen will, dem wird der Euro Beine machen. Denn wenn am 1. Januar 2002 das neue Geld die D-Mark als alleiniges Zahlungsmittel schlagartig ersetzt, werden auch DM-Fälschungen praktisch wertlos. Zwar haben sich Kreditwirtschaft und Einzelhandel bereit erklärt, bis Ende Februar 2002 auch noch die alte Mark zu akzeptieren. Aber nach dem 30. Juni 2002 nehmen nur noch Zentralbanken DM-Scheine an, was laut Bundeskriminalamt (BKA) für Geldfälscher "mit einem hohen Entdeckungsrisiko verbunden" wäre. Die Uhr tickt: Falschgeldbanden und Einzeltäter müssen ihre Bestände an gefälschten DM-Scheinen in den nächsten anderthalb Jahren irgendwie loswerden. "Während der Umstellung auf den Euro ist mit verstärktem Inverkehrbringen gefälschter Banknoten bisheriger nationaler Währungen zu rechnen", heißt es nüchtern in einer Studie des BKA, das schon im Vorfeld mit "vermehrter Falschgeldproduktion" rechnet. Da der Löwenanteil des alten Geldes in den ersten Wochen der Umtauschphase in Euro umgetauscht werden dürfte, bleibt dem Kassenpersonal der Banken im erwarteten Wechseltrubel wenig Zeit, DM-Scheine oder gar Devisen zu prüfen. Auch das spielt Fälschern in die Hände. Spätestens ab dem kommenden Jahr werden diese auf den Euro umsatteln und die Unerfahrenheit der Europäer mit der neuen Währung nutzen. Wer sich früher mit dem neuen Geld vertraut machen will, kann ab Mitte Dezember bei den Banken gebührenfrei eine "Münzhaushaltsmischung" im Gegenwert von 20 Mark erwerben. Etwas kaufen kann man sich dafür aber erst ab dem 1. Januar 2002. Viel Falschgeld im Ausland Experten rechnen auch schon vor der Umstellung mit einem erhöhten Aufkommen an "Blüten", also falschen Scheinen der D-Mark, aber auch anderer EU-Währungen. Vor allem gefälschtes Geld, das im Ausland umläuft, könnte zurückschwappen, um in Deutschland noch rasch in echtes umgetauscht zu werden. Von den rund 274 Milliarden Mark, die 1999 umliefen, sollen sich 40 Prozent im Ausland befinden, davon der größte Teil in den Ländern des ehemaligen Ostblocks. Auf dem Balkan oder in Russland sind D-Mark und Dollar Zweitwährungen (geschätzter Auslandsumlauf beim Dollar: 60 Prozent). Fälscher haben dort leichteres Spiel, weil die Bevölkerung weniger vertraut mit ausländischen Banknoten ist. "Wir wissen nicht, wie viel Falschgeld im Ausland unterwegs ist", sagt Dietmar Thiele, Leiter der Falschgeldstelle bei der Deutschen Bundesbank in Frankfurt. Doch der Anteil am gesamten Bargeld könne dort höher sein, schon weil der Geldumlauf schlechter überwacht werde. "In Deutschland gerät jede Banknote etwa dreimal im Jahr in das Netz von Bundesbank und Landeszentralbanken und wird dort auf Echtheit und Zerschleiß geprüft", sagt der Bundesbankdirektor; die Zentralbanken seien gewissermaßen "Geldkläranlagen". Banknoten, die aus dem laufenden Zahlungsverkehr gefischt werden, weil sie jemandem verdächtig vorgekommen sind, landen zurzeit noch bei den Gutachtern der Bundesbank. Unter dem Mikroskop von Horst Heinz ist der Schattenwurf des Schriftzugs "Hundert" auf einem echten Geldschein so deutlich zu sehen, als strahle jemand einen Dachziegel von der Seite an. Und selbst die Mulden der Buchstaben von der anderen Seite des Scheins zeichnen sich deutlich ab. Denn die Lettern sind nicht einfach auf den Schein gedruckt, sondern "aufgeprägt", wie Heinz erklärt. Derart geschulte Argusaugen und so viel Erfahrung haben nur wenige. Vor und nach der Umstellung auf den Euro sollten die Bundesbürger deshalb beim Wechselgeld noch wachsamer sein, rät Dietmar Thiele. Doch genau da liege das Problem: "Die Verbraucher untersuchen vor dem Kauf ein Hemd oder eine Hose genauer auf Fehler als ihr Rückgeld an der Kasse", beklagt er. Die meisten zeigten sich nicht gerne misstrauisch gegenüber der Kassiererin, schon gar nicht mit einer Warteschlange im Rücken. Auch schlecht gemachte Blüten seien während einer Umstellung auf eine neue Währung "relativ risikolos abzusetzen", schreibt der Geld-Experte Karlheinz Walz in seinem amüsanten und lehrreichen Buch über "Falschgeld". Um vor "falschen Fuffzigern" verschont zu bleiben, muss man nicht nur die Scheu überwinden, Rückgeld genauer zu kontrollieren; man muss Fälschungen auch erkennen können (siehe Kasten). Hat man sich Falschgeld erst einmal andrehen lassen, ist es zu spät. Denn außer einem warmen Händedruck bekommt nichts, wer Blüten bei der Polizei oder einer Bankfiliale abgibt. Die ersatzlose Rückgabe sei eine "Frage der moralischen Stärke des Einzelnen", sagt Dietmar Thiele schmunzelnd. "Die meisten freilich stellen sich doof und sagen, sie hätten das Falschgeld in ihrem Geldbeutel gar nicht erkannt." Derlei bewusstes Verwenden von Blüten ist strafbar. Dass viele dieses Risiko eingehen, dürfte auch mit dem verklärten Ruf des Falschmünzers zusammenhängen. "Der steuer- und abgabenbelastete Normalbürger sieht in dem Geldfälscher oft den Schlaueren, der dem Staat ein Schnippchen schlägt, und bringt ihm deshalb eine gewisse Sympathie entgegen", vermutet der Autor Karlheinz Walz. Das ließe sich vielleicht bei einer besonders schlechten Fälschung aus dem Jahr 1958 noch verstehen: Aus Furcht vorm Zorn ihres Mannes malte eine Hausfrau mit Kugelschreiber und Buntstiften auf Butterbrotpapier drei 100-Mark-Scheine nach. Sie hatte das Geld soeben vom Geldbriefträger erhalten und versehentlich mit alten Zeitungen verbrannt. Auch für den guten William Vaughn könnte man glatt eine Träne vergießen: In großen Mengen hatte er 20-Pfund-Noten gefälscht, um den Eltern seiner Braut eine große Mitgift vorzuspiegeln. Im Jahr 1758, kurz vor der geplanten Hochzeit, wurde der Unglückliche gehenkt. Die meisten Fälscher richten keinen großen Schaden an, und das, weil sie sich erbärmlich dumm anstellen - etwa jener Metzgermeister aus Toronto, der seine im Keller heimlich gedruckten kanadischen Dollar-Attrappen im Garten zum Trocknen auf die Leine hängte. Die rasch herbeigerufene Polizei legte dem Wurst-Experten das Handwerk. Wenig Gedanken über seine Existenzgründung als Fälscher hatte sich auch ein Deutscher gemacht, bevor er in den 60er Jahren beschloss, sein Geld wundersam zu vermehren. Nur 30 seiner wenig überzeugenden 50-Mark-Scheine konnte er in Umlauf bringen. Der Mann war farbenblind, das sah man auch seinen Blüten an. Manche Fälscher scheinen es darauf anzulegen, dass man sie schnappt - zumindest bekommt diesen Eindruck, wer im Buch von Walz die entsprechenden Anekdoten liest: Wochenlang konnte im Jahr 1932 ein Spaßvogel seine gefälschten 20-Reichsmark-Scheine unters Volk bringen, bis es jemandem auffiel, dass sich das Geld auf der Rückseite der Scheine als "20 Falschmark" selber entlarvte. Anfang der 50er Jahre ersetzte ein Falschmünzer auf Nachahmungen der soeben in Verkehr gebrachten 5-Mark-Stücke den Spruch "Einigkeit und Recht und Freiheit" durch "Hilf dir selbst, so hilft dir Gott!" Das mochte im Prinzip wahr sein, doch vor Gericht half Gott dem Witzbold leider gar nicht. Keine Chance als Prototyp einer Blüte hatte auch ein falscher Fuffziger mit dem von Schreibfehlern nur so wimmelnden Strafhinweis: Wer Banknoten nachmache oder verfälsche, "hat es bestimmt nötig, sonst würde er es nich tun". Fälle wie diese dürfen über eines nicht hinwegtäuschen: Die Zeiten sind vorbei, wo gewitzte Pensionäre oder bastelwütige Nimmersatte in Kellern an der Druckerpresse standen. Heute betreiben organisierte Banden die Geldfälscherei in großem Stil. Diese Kreise dürften auch längst Gewehr bei Fuß stehen, um sofort loszuschlagen, wenn die Europäische Zentralbank (EZB) im Herbst die Sicherheitsmerkmale der neuen Banknoten bekannt gibt. Dabei werden Profi-Fälscher nicht in schummerigen Kellern an alten Druckerpressen schwitzen, sondern rechnergestützte Kopiertechnik einsetzen. Auch beim Falschgeld gibt es einen Rüstungswettlauf zwischen immer raffinierter geschützten Banknoten und gewiefteren Nachahmern - ob ihn je einer gewinnt, ist noch nicht ausgemacht. Ein Kulturschock droht Immerhin kann die Polizei manchmal von den Fälschern lernen - wenn auch aus deren Sicht nicht ganz freiwillig. Der gelernte Drucker Karl Peglow etwa, der als der deutsche Meisterfälscher schlechthin gilt, drehte nach seiner Verhaftung im Jahr 1955 zusammen mit dem niedersächsischen Landeskriminalamt einen Lehrfilm über die Kniffe der Blütenzauberer. Anders als Günter Hopfinger, der "Tausendmarkschein-Rembrandt" aus München, musste Peglow keine Haftstrafe absitzen: Er starb noch in U-Haft an einem Herzanfall. Moderne DM-Banknoten aus Baumwolle sind mit ihrer Mikroschrift, ihrem Silberfaden und den beweglichen Folienbildern (Kinegramen) derart schwer nachzuahmen, dass nur noch Profis eine Chance haben - es sei denn, Unvorsichtige lassen sich alte Scheine ohne diese Sicherheitsmerkmale oder Computer-Blüten andrehen. Sie entstehen, indem der Originalschein eingelesen, am Bildschirm wunschgemäß bearbeitet und mit leistungsfähigen Farbdruckern beliebig vervielfältigt wird. "Ein nur halbwegs versierter PC-Freak kann so in kürzester Zeit brauchbare Fälschungen herstellen", meint Karlheinz Walz. Während sich auf modernen Kopierern bereits keine Banknoten mehr vervielfältigen lassen, konnten bisher noch keine Programme für die Bildbearbeitung am Rechner mit entsprechenden Sperrbefehlen ausgerüstet werden - ein großes Manko.

Selbst wenn nach Erkenntnissen des Bundesverbandes Deutscher Banken im Frühsommer 2000 noch 58 Prozent der Deutschen den Euro ablehnten, wird das neue Geld nun unweigerlich kommen. Der Präsident der Europäischen Zentralbank in Frankfurt, Wim Duisenberg, hat dazu angemerkt, der Übergang zum Euro sei "ein extremer Kulturschock, dessen Konsequenzen wir noch nicht übersehen können". Von den Folgen für den Falschgeld-Markt ließe sich Ähnliches sagen.

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