Welt : Istanbul: Hemmung beim Böllern

Susanne Güsten

Festlich glänzt die türkische Millionenmetropole Istanbul in diesen Tagen. Aufwändig geschmückte Christbäume zieren die Schaufenster, Lichtgirlanden glitzern an den Straßen, Kerzen, Engelsfiguren und Adventskränze schmücken Hotels und Restaurants. Weihnachten am Bosporus? Aber nein – die Türkei ist ein moslemisches Land und schert sich nicht um die christlichen Feiertage. „Neujahrsbäume“ nennen die Türken deshalb die geschmückten Nadelbäume, die in wohlhabenderen Wohnzimmern nicht mehr fehlen dürfen; behängt werden sie mit „Neujahrsbaumkugeln“ und „Neujahrslichtern". Wenn es um ein schönes Fest geht, sind die Türken nicht um eine Ausrede verlegen, um mitfeiern zu können. Große eigene Traditionen haben die Türken zum Neujahrsfest nicht, weil das Datum ihnen bis vor knapp 80 Jahren überhaupt nichts bedeutete. Erst 1925 ersetzte die Türkei die islamische Zeitrechnung durch den westlichen Kalender, auf dem das Neujahrsfest gründet. Und erst in den letzten Jahren hat sich die neue Mode durchgesetzt, zur Feier des neuen Jahres einfach die bunten Requisiten des westlichen Weihnachtfestes zu borgen. Kräftig gefördert werden die neuen Sitten vom Handel, der sich damit eine ganz neue Verkaufssaison geschaffen hat. „Wir möchten, dass ihr Haus zum neuen Jahr schön geschmückt ist", wirbt eine türkische Baumarkt-Kette mit einem Sonderprospekt für Neujahrsbäume, Neujahrskugeln, Neujahrssterne, Neujahrsglöckchen und Neujahrskerzen. Das nächste Ziel hat die Branche schon fest im Blick: „Neujahrsgeschenke“ seien der letzte Schrei, versichert die Werbung. Neujahrs-Feuerwerke haben sich in der Türkei bisher nicht durchsetzen können, was angesichts der türkischen Vorliebe für die Pyrotechnik bemerkenswert ist. Ein prachtvolles Feuerwerk darf bei keiner Society-Hochzeit am Bosporus fehlen. In der Sylvesternacht ist dagegen nicht viel los am Himmel über dem Bosporus; die Türken sitzen lieber um den Weihnachtsbaum.

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