Italien : Den Reichen an den Kragen

Italiens Finanzpolizei geht in die Offensive – und nimmt sich die Besitztümer der Selbstständigen vor.

Paul Kreiner[Rom]
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Venedigs Gondolieri wursteln sich im Kontakt mit dem Finanzamt durch. Das Bürgertum hat manchen Trick auf Lager, um das Vermögen...Foto: dpa

Unter den Damen und Herren, die in diesen azurblauen Ferientagen über die italienischen Kais schlendern und dort voller Bewunderung die schicken, schneeweißen Yachten fotografieren, sind nicht nur Touristen oder neidische Proletarier. Oder Diebe und Räuber. Nein, gefährlicher: Gendarmen können es sein, Finanzpolizisten. Die prüfen gerade, wer sich welches Boot leistet und wie die Kosten mit der Steuererklärung zusammenpassen. So mancher, das haben die Beamten bemerkt, gibt beim Finanzamt ein Jahreseinkommen an, mit dem er sein stolzes Segelboot nicht einmal für zwei Wochen mieten könnte. Andere von der „Guardia di Finanza“ sind derzeit im Hubschrauber unterwegs. Nicht nur, dass 1,5 Millionen Gebäude auf italienischem Boden den Behörden gänzlich unbekannt sind – das hat man aus dem Abgleich von Satellitenaufnahmen mit Kommunalregistern hochgerechnet –, bei so mancher Liegenschaft würde die Finanzpolizei auch gerne wissen, ob sich hinter der hohen Mauern und der blickdichten Hecke wirklich nur die ererbte Scheune, oder der gemeldete Werkzeugschuppen verbirgt oder vielleicht doch eine Villa, womöglich mit Swimmingpool und einem Ferrari im Hof. Auch das würde ja gewisse Rückschlüsse zulassen auf das tatsächliche Einkommen des Besitzers.

Schon vor der angekündigten großen Herbstoffensive gegen Italiens notorische Steuersünder zeigt die Finanzpolizei ihre „Folterwerkzeuge“. Soll keiner sagen, man habe ihn nicht gewarnt. Und stürzten sich die Zeitungen des Landes nach ersten Indiskretionen auf jenen „Schatz“, den die Fiat-Familie Agnelli in diversen Steuerparadiesen dieser Erde versteckt haben soll – zwischen 584 Millionen und zwei Milliarden Euro soll er wert sein –, sagte der Chef des italienischen Finanzamts, Attilio Befera: „Ach was, Agnelli! Wir haben da eine Liste von 170 000 Namen!“ So klingeln die Beamten bei teuren Privatschulen und lassen sich die Namen der Schüler geben; im exklusiven Club schauen sie nach, wer sich dort die Mitgliedschaft leisten kann, desgleichen in der Beauty-Farm und im Wellness-Center, und im Reitstall vor den Toren der Großstadt.

Gewerkschaften betonen, ihre Klientel sei ehrlich – beziehungsweise gezwungenermaßen unschuldig: Angestellte und Arbeiter haben keine Chance, dem Staat die fällige Einkommensteuer vorzuenthalten; diese wird, wie in Deutschland, direkt vom Bruttolohn abgezogen. Selbstständige hingegen sind frei darin, dem Staat irgendwelche Fantasieeinkommen anzuzeigen. Oder sie erzielen gar keine Umsätze, indem sie einfach – die am weitesten verbreitete Form der Betrügerei – auf Kassenbons oder Quittungen jeglicher Art verzichten. Auf diese Weise verdienen Gastwirte und Barbetreiber im Landesdurchschnitt angeblich nur 13 000 Euro pro Jahr; selbst Nobellokale in Venedig bleiben unter dieser Schwelle. Ein Promi-Wirt am Pantheon in Rom sagt, er könne das verstehen: Die Steuern seien einfach zu hoch, und in Zeiten der Krise müsse man eben irgendwo anfangen zu sparen.

Venezianische Gondolieri gibt es, die immerhin 17 000 Euro angegeben, aber das Dreifache eingenommen haben – wobei sich die Finanzpolizei mit der Beweisführung schwer tut: Belege gibt es weder für die eine noch für die andere Angabe. Zu den Gewieftesten sollen die Geschäftsleute von Rimini zählen. Bei denen, grummelt die Finanzpolizei, stimmt jedes Konto: „Ein einzigartiges Phänomen in Italien“. Diese Geschäftsleute achten aber ebenso genau darauf, möglichst viele Einkünfte in bar zu erzielen; der Weg ins Ausland ist kurz: San Marino liegt nur 15 Kilometer Schnellstraße entfernt, Geldtransporte unter 10 000 Euro sind nicht meldepflichtig, Zollhäuschen gibt es keine, und San Marino hat bisher jedem Druck Italiens zur Zusammenarbeit widerstanden. Schätzungsweise 100 Milliarden Euro entgehen dem italienischen Staat jährlich durch Steuerhinterziehung; das sind sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts; Italien gilt als Europameister in dieser „Disziplin“.

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