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Italien/ USA : Ende und doch kein Ende im Fall Amanda Knox

Das oberste Gericht in Italien hat die Entscheidung in der Hand. Aber bis das letzte Wort im Fall Knox gesprochen ist, könnten noch Monate vergehen. Bei einer endgültigen Verurteilung droht ein Kampf um ihre Auslieferung.

Amanda Knox (l) und ihr Ex-Freund Raffaele Sollecito.
Amanda Knox (l) und ihr Ex-Freund Raffaele Sollecito.Foto: dpa

Es regnet in Strömen, vor dem obersten italienischen Gericht in Rom ist ein riesiger Andrang. Nicht nur die Familie der ermordeten britischen Austauschstudentin Meredith Kercher wünscht sich, dass nun endlich das letzte Kapitel in dem spektakulären Justizdrama geschrieben wird. Doch selbst wenn der Kassationsgerichtshof die Verurteilung der US-Amerikanerin Amanda Knox und ihres Ex-Freundes Raffaele Sollecito zu langen Haftstrafen wegen Mordes bestätigt und das Urteil nicht kippt: Das letzte Wort wird in dem Fall, der Italien, Amerika und Großbritannien seit siebeneinhalb Jahren elektrisiert, so oder so nicht gesprochen sein.

Was ist passiert? Knox und ihr damaliger Freund, der Italiener Sollecito, sollen im November 2007 Meredith Kercher in der italienischen Stadt Perugia brutal ermordet haben. Nach mehreren Wendungen in dem Fall, mit Schuldsprüchen, Freisprüchen und abermaligen Schuldsprüchen, stellt sich vor allem eine Frage: Wird Knox, die nach ihrem Freispruch im Jahr 2011 in die USA zurückgekehrt war, an Italien ausgeliefert, wenn die Verurteilung zu 28 Jahren und sechs Monaten rechtskräftig wird? Oder was passiert, wenn das Kassationsgericht das Urteil erneut an ein anderes Gericht verweist - wird das Drama jemals ein Ende finden oder riskiert die italienische Justiz, sich komplett unglaubwürdig zu machen? Vor allem in den USA stehen die italienischen Behörden in der Kritik.

Strafverteidiger greift italienische Justiz an

„Das italienische Strafrechtssystem muss vor Gericht“, sagte US-Strafverteidiger John Henry Browne dem TV-Sender KING 5 aus Knox' Heimatstadt Seattle. Das Verfahren bezeichnete er als „Zirkus“. Das Prozedere für eine Auslieferung würde folgendermaßen aussehen: Rom müsste zunächst einen Auslieferungsantrag in schriftlicher Form an das US-Außenministerium stellen. Anschließend würde sich die Abteilung für internationale Angelegenheiten des Justizministeriums der Sache annehmen, vermutlich in Absprache mit dem State Department. Ob die 27-Jährige dann tatsächlich ausgeliefert würde, ist aber unklar.

Wegen eines Auslieferungsabkommens zwischen den USA und Italien wären die Amerikaner zwar theoretisch verpflichtet, Knox zu überstellen. In der Praxis gibt es aber häufig Ausnahmen, etwa wenn die Auslieferung aus politischen oder militärischen Gründen beantragt wird oder wenn der oder die Betroffene berühmt und mächtig ist.

Auch bei einer drohenden zweimaligen Anklage für dasselbe Vergehen kann der Antrag abgelehnt werden. Genau diesen drohenden, als „double jeopardy“ bekannten Verstoß gegen Zusatz 5 der US-Verfassung, könnten US-Behörden den Italienern vorhalten. Doch selbst dieser Punkt ist strittig: Laut italienischem Recht ist eine Verurteilung nicht endgültig, bis alle Rechtsmittel ausgeschöpft worden sind - egal wie oft ein Angeklagter vor Gericht gestellt worden ist.

Für Knox gibt es viele Schlupflöcher

Hinzu kommt, dass eine „ausreichende Grundlage“ gegeben sein muss, die vermuten lässt, dass der oder die Betroffene die Straftat tatsächlich begangen hat. Im Fall Knox gibt es aber einige Unstimmigkeiten, die es den Italienern erschweren könnten, diese nötigen „ausreichenden Grundlagen“ zu präsentieren. Und auch die Tatsache, dass Knox 2014 in Abwesenheit zu einer Haftstrafe verurteilt wurde, könnte bei US-Gerichten Kopfschütteln auslösen. Diese Schlupflöcher sind es, mit denen Knox eine drohende Auslieferung auch selbst vor einem US-Gericht anfechten könnte. Über ihre Erfolgsaussichten sind sich Juristen uneinig. In jedem Fall dürfte es ein kniffliger Rechtsstreit werden.

Gleichzeitig spielen politische Gründe eine Rolle. Die USA fordern die Auslieferung von mehr Menschen als jedes andere Land, etwa vom in Russland lebenden Enthüller der NSA-Spionageprogramme, Edward Snowden, oder von Wikileaks-Informant Julian Assange. Da könnte es schwer fallen, jemanden nicht auszuliefern, der wegen eines - im Vergleich zu den Vorwürfen gegen Snowden oder Assange harmlosen - Mordes verurteilt wurde. Besonders der Antrag für die Überstellung Snowdens ist für Washington von gewaltiger Bedeutung.

Letztlich dürfte sich auch die italienische Regierung gut überlegen, ob solch ein Antrag ein mögliches diplomatisches Zerwürfnis mit Washington wert ist. Es liegt auch in der Hand von Außenminister John Kerry, möglicherweise eine Einigung mit Rom zu erzielen, mit der beide Seiten zufrieden sind. Eine dieser Möglichkeiten wäre für Knox aber nicht zwingend ein Gewinn: Sie müsste ihre Haftstrafe dann vielleicht in den USA absitzen.
Anders würde es Sollecito gehen, der an diesem Donnerstag seinen 31. Geburtstag feiert. Wird er rechtskräftig verurteilt, wandert er sofort ins Gefängnis. Das Kassationsgericht wird vermutlich am Freitag eine Entscheidung fällen. (dpa)

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