Italien : Wer steckt hinter Mord an Bürgermeister?

12.09.2010 08:30 UhrVon Paul Kreiner

Ein italienischer Bürgermeister, Vorkämpfer für Recht und Umweltschutz, ist ermordet worden. Aber war es die Camorra?

Am Freitag haben sie Angelo Vassallo zu Grabe getragen. 6000 Menschen stellten sich dafür in den Regen, Regierungs- und Oppositionspolitiker sogar in die erste Reihe. Der Ortsbischof hielt die Totenmesse; den Killer, der Vassallo am vergangenen Sonntag mit neun Schüssen aus nächster Nähe hingerichtet hatte, verdammte er als „Bestie“.

Vassallo galt als Modellbürgermeister. Fünfzehn Jahre lang leitete er die Gemeinde Pollica-Acciaroli, die im kampanischen Nationalpark Cilento liegt und mit ihren mehrfach ausgezeichneten Stränden, ihrem kristallklaren Wasser zu den touristischen „Perlen“ Italiens zählt.

Vassallo war Fischer, dachte grün-links, und weil er glaubte, dass Qualitätstourismus die einzige Chance für seine 2500 Mitbürger war, brachte er den Ort auf einen Sauberkeitskurs, wie er in Süditalien rar ist: Gesetzesverstöße duldete er bei keinem; schon das Wegwerfen von Zigarettenkippen bestrafte er mit bis zu 1000 Euro.

Seinen Ort reihte Vassallo in die „Slow-Food“-Kette für nachhaltigen Tourismus ein; mit eigenen Händen brachte er die Kläranlage wieder zum Funktionieren, und von seinen Stränden hielt er die Spekulanten und deren Betonbauten fern. So unbestechlich soll dieser Bürgermeister gewesen sein, dass er sich an der Bar nicht einmal zu einem Espresso einladen ließ.

Das alles könnte dem 57-Jährigen zum Verhängnis geworden sein. Vassallo habe Geschäftemachern oder Geldwäschern zu häufig „Nein“ gesagt, vermuten die Ermittler; nun sei er „als letztes Hindernis und als Warnung an womöglich gleichgesinnte Politiker“ aus dem Weg geräumt worden.

Wer aber steckt hinter dem Mord? In der Mafia-Region Kampanien fiel der erste Verdacht auf die Camorra. Die hat sich speziell im Cilento zwar bisher nicht blicken lassen, auch ermordet sie seit 30 Jahren keine Politiker mehr; Staatsanwälte aber vermuten, sie könnte nun einen Eroberungsfeldzug begonnen haben – angelockt womöglich durch Geld: Pollica will den Hafen ausbauen, und das Mitnaschen an staatlichen Bauaufträgen gehört zu den Lieblingsbeschäftigungen der Mafia.

Es kann aber auch sein, dass sich Drogenkreise an Vassallo rächen wollten; schließlich hatte er unlängst mit eigenen Händen ein paar Dealer von der Hafenpromenade geohrfeigt. Möglich ist ferner, dass verschmähte Bauunternehmer den Profikiller angeheuert haben.

Im Prinzip ist das Attentat auf Vassallo nur die sichtbar gewordene Spitze dessen, was im Mezzogiorno Alltag ist und was sich fast nur mehr in den Lokalzeitungen niederschlägt. Da werden Schüsse auf Häuser von Kommunalpolitikern abgefeuert, die Radschrauben an den Autos von Staatsanwälten gelockert; da werden Unternehmer mit Brandbomben eingeschüchtert, Bäckereien – zum Beispiel – gezwungen, ihr Mehl ausschließlich bei einem bestimmten Lieferanten zu kaufen; da können Journalisten nur mehr unter Polizeischutz leben. Dass die Mafia bei alldem Regie führt, gilt den Ermittlern als ausgemacht. Es gebe aber auch, sagen sie, eine „bürgerliche Grauzone“ aus unverdächtigen Unternehmern und Lokalpolitikern beispielsweise. Diese und die eigentliche Mafia bedienten sich bei Bedarf wechselseitiger Hilfe. Der „Filz gemeinsamer Interessen“, sagen die Ermittler, bleibe auch nach der Verhaftung so vieler Mafiabosse fast undurchdringlich. Wahrscheinlich war er auch das Ende des Bürgermeisters Vassallo.

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