Welt : Jacksons Beschuldiger: Trickbetrüger oder Missbrauchopfer?

Im Jahr 2000 ging für einen zehnjährigen Krebspatienten aus einem zerrütteten, ärmlichen Elternhaus in Los Angeles der größte Wunsch in Erfüllung, als er Michael Jackson kennen lernte.

Santa Maria (14.06.2005, 13:27 Uhr) - Die hispanischen Familie - ein jüngerer Bruder, eine ältere Schwester und die geschiedene Mutter - wurden schnell Stammgäste auf Jacksons Neverland Ranch. «Michael ist wie ein Vater, den mein Junge nie hatte», schwärmte die 36-jährige Mutter. Sie hatte sich nach Vorwürfen von häuslicher Gewalt von dem angeblich rabiaten Vater ihrer Kinder getrennt. Auch der Junge, der nur noch eine Niere hat, soll von seinem Vater geschlagen worden sein. Die von der Sozialhilfe lebende Frau ist seit Herbst 2004 wieder verheiratet.

Die Mutter, die Jackson jetzt als «Teufel» bezeichnete, wurde von der Verteidigung als Trickbetrügerin und geldgierige Lügnerin scharf attackiert. Im Zeugenstand musste sie kleinlaut frühere Falschaussagen unter Eid zugegeben. Prozessbeobachter wie auch die Jury sprachen ihr jedwede Glaubwürdigkeit ab. In einem früheren Rechtsstreit hatte sie von einer Kaufhauskette wegen angeblicher Körperverletzung durch einen Wachmann eine Entschädigung in Höhe von 150 000 Dollar erstritten.

In teilweise drastischen Schilderungen beschrieb der heute 15 Jahre alte Teenager im Zeugenstand, wie der Sänger ihn unsittlich berührt, zur Masturbation aufgefordert und ihm häufig Alkohol zu trinken gegeben habe. Doch auch der Hauptzeuge wurde bei Lügen und widersprüchlichen Aussagen ertappt. Lehrer und Neverland-Mitarbeiter stellten ihn als wilden, streitlustigen Jungen dar, der gerne Unfug anstellt. In einer britischen TV-Dokumentation war der dunkelhaarige Junge Hand in Hand mit Jackson zu sehen, den er damals liebevoll als Daddy und als besten Freund bezeichnete.

Gerade wegen der Unglaubwürdigkeit der Hauptbelastungszeugen sprachen die zwölf Geschworenen Michael Jackson vom Vorwurf des Kindesmissbrauchs frei. Aber die Frage, ob es sich bei dem Jugendlichen nun um einen Trickbetrüger oder ein Missbrauchsopfer handelt, konnte der Prozess nicht beantworten. (tso)

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