Jade Goody : Hassfigur und Heilige

Die krebskranke Jade Goody hat ihr Sterben öffentlich zelebriert. Am Sonntag erlag die Kandidatin der englischen "Big Brother"-Show ihrem Leiden.

Matthias Thibaut[London]
Goody
Tod im Rampenlicht: Jade Goody. -Foto: AFP

Um 7 Uhr 30 teilte Mutter Jackie im Morgenmantel mit: „Jade, meine wunderbare Tochter, hat Frieden gefunden.". Die 27-jährige englische TV-Berühmtheit, deren schnelles Sterben an einem aggressiven Gebärmutterhalskrebs zum weltweiten Medienthema wurde, starb im engsten Familienkreis. Aber ihr Tod hätte kaum öffentlicher sein können. Das Magazin „OK“ hat das Sonderheft: „Jade Goody – in liebender Erinnerung – 1981 – 2009“ schon vor Tagen an die Kioske gebracht. Goodys Leben fand Sinn, Glück und Geld erst, als es vor den Kameras geführt wurde. Gestern sah man live, wie Nachbarn und Fans Blumensträuße vor dem Haus ablegten und der Leichenwagen mit dem Sarg das Grundstück verließ.

Goodys Agent Max Clifford bestätigte, dass auch die Beerdigung Teil von Goodys lebensumspannender TV-Karriere sein wird. „Jeder ist eingeladen. Das wird ein sehr öffentliches Ereignis werden. So wollte es Jade“. „Sie war fast wie eine Heilige. Ein Exempel von fast biblischen Proportionen“, sagte Bischof Jonathan Blake von der „Open Episcopal Church“.

Der Sektenprediger hatte Goody Ende Februar in ihrer weltweit für über eine Millionen Pfund vermarkteten Hochzeit mit dem 21-jährigen Jack Tweedie verheiratet, die Söhne Bobby (5) und Freedie (4) getauft und Goody auf ihrem Weg zu Christentum und Gott begleitet. „Sie lachte dem Tod ins Gesicht, sie tat bis zuletzt, was sie liebte und ließ uns an ihrem Weg teilhaben und machte ihn voller Licht“.

Wochenlang wurde Tag für Tag berichtet, wie sich der Krebs in Goodys Körper wie ein Buschfeuer verbreitete. Sie zeigte im Fernsehen, wie sie durch Chemotherapie die Haare verlor. Sie lachte, wenn sie im Rollstuhl saß und winkte noch auf der Krankenbahre den Kameras zu.

Die unbekannte Zahnarzthelferin war wie eine rohe Naturgewalt ins Scheinwerferlicht getreten, als sie 2002 an der englischen „Big-Brother“-Show teilnahm. Nackt und betrunken rannte sie durchs Big-Brother-Haus. Sie lieferte den ersten Big-Brother-Sexakt in die TV-Stuben und löste Gelächter aus, weil sie Saddam Hussein für einen Boxer hielt. Die Zeitungen füllten das Sommerloch mit Goody-Hassgeschichten. „Monster“ titelte der „Daily Star". Der Rausschmiss aus Big Brother war der Beginn der ersten, weltweiten Reality-TV-Karriere. Goody wurde die Paris Hilton der Unterschichten.

Es folgten eine Autobiographie (Auflage 113 000), Fitness-Videos, das Parfüm „Shhh ... Jade Goddy", sie trat in Shows wie „Wife Swap" (Frauentausch) und „Celebrity Fahrschule" auf. Nach sieben Jahren führte die Zeitung „Guardian“ Goody in den Top 10 der „Reality-TV-Verdiener“ mit einem Vermögen von 4,5 Millionen Pfund.

Mit ihrer Bereitschaft, alle Schranken der Privatsphäre einzureißen und ihrem gelegentlich unfreiwilligen Witz wurde sie den Briten vertraut wie die Figur einer TV-Seifenoper. Man erfuhr, wie Goody in Armut, Schmutz, Gewalt und Kriminalität aufwuchs und für Schule keine Zeit hatte. Schon als Fünfjährige musste sie ihrer von Drogen abhängigen Mutter die Kleider bügeln und die Joints drehen. Ihr Vater starb an einer Überdosis Heroin auf der Toilette eines „Kentucky-Fried-Chicken“-Restaurants. Als Goody 2007 in „Celebrity Big Brother" die Bollywood-Schauspielerin Shilpa Shetty als „Poppadom“ beschimpfte, schien ihre Karriere zu Ende. „Poppadom“ ist ein indisches Brot und eine Inderin mit diesem Begriff zu belegen, gilt als rassistisch. Die Attacke löste in Indien Krawalle aus.

Doch wieder nutzte Goody die Kontroverse als Chance. Ihre Berühmtheit wurde international. Im letzten Sommer nahm sie an der indischen Big-Brother-Version „Bigg Boss“ teil. Kurz zuvor war sie bei der Krebsvorsorge.

Auf You Tube kann man sehen, wie sie live im indischen Fernsehen von ihrer Krebskrankheit erfährt. Viele sahen Goody als Kreation einer zynischen Presse. Sie wurde attackiert, weil sie sich aus Geldgier und Geltungssucht zur Schau stellte. Aber die Aufmerksamkeit wurde Goodys Lebenssinn. „Ich werde geliebt“, jubilierte sie. „Menschen sagen, ich mache es fürs Geld und sie haben recht. Aber nicht, weil ich mir schicke Autos oder große Häuser kaufen will. Es ist für die Zukunft meiner Söhne. Ich will nicht, dass meine Kids eine so elende, von Drogen und Armut zerstörte Kindheit haben wie ich“. „Wir lieben sie, weil sie auf jeden Schlag, den ihr das Schicksal verpasst, eine Antwort hat", schrieb der „Daily Mirror". Der Blogger Cranmer riet gestern Premier Gordon Brown, sich von Goodys unverstellter Echtheit eine Scheibe abzuschneiden. „Während er den wirklichen Fragen ausweicht und jedes Wort auf die Waagschale legt, war sie direkt und sagte es, wie es ist“.

Jade Goody war ein Paradox. Ausgerechnet diese Medienkreation gab den Briten das Gefühl, die wirkliche, echte Person zu sehen. Ausgerechnet im Rummel um ihren Krebs kamen sie der Wirklichkeit von Krankheit und Sterben so nahe wie noch nie. Und ausgerechnet in der Kunstwelt des Big-Brother-Hauses fand Jade Goody zu ihrem wirklichen Leben.

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