• Jahrmarkt der Seligkeiten - Warum verliert die Kirche an Einfluss im Volk? (Kommentar)

Welt : Jahrmarkt der Seligkeiten - Warum verliert die Kirche an Einfluss im Volk? (Kommentar)

Martin Gehlen

Die Wahl des Ortes ist Programm. Erstmals seit 152 Jahren findet ein Katholikentag im protestantischen Norddeutschland statt - in Hamburg. Folglich steht die Ökumene im Zentrum dieses katholischen Laientreffens, zu dem sich insgesamt 60 000 Besucher einfinden werden - eine wichtige Etappe auf dem Weg zum ersten gemeinsamen Kirchentag von Katholiken und Protestanten 2003 in Berlin. Und drei weitere Schwerpunkte sollen die kommenden Tage prägen: die Mitwirkung der Kirche bei der Gestaltung der Gesellschaft, die Suche nach neuen Formen der Seelsorge angesichts von Glaubensschwund und Priestermangel sowie die konkrete politisch-soziale Arbeit bei Armut, Asyl und Arbeitslosigkeit.

Das blaue Programmheft hat den Umfang eines dicken Taschenbuches. Politiker aller Parteien treten auf. Unübersehbar ist die Fülle der Veranstaltungen. Auch wenn sich das Echo auf den Katholikentag nach wie vor sehen lassen kann, präsentiert sich die Kirche in einer immer schlechteren Verfassung. Sie reagiert mit Ratlosigkeit auf den Rückgang bei Gläubigen und Nachwuchs. Die Verwirrung über die päpstliche Intervention bei der Schwangerenberatung schwelt weiter. Und rechtzeitig vor dem Kirchentreffen erhöhen die wenigen Hardliner unter den Bischöfen wieder den Druck, die Kirche solle den Kurs in ihrem Sinne ändern.

Diese lautstarke Minderheit im deutschen Episkopat träumt von einer Kirche als Trutzburg gegen die Anfechtungen der Moderne. Sie wünscht den Weg in die windstille, fromme Nische, weil sie insgeheim die vielfältigen gesellschaftlichen Verflechtungen des Katholizismus für den Verlust kirchlicher Substanz verantwortlich macht. Die breite Gesellschaft dagegen betrachtet das Katholikengezänk mittlerweile nur noch mit distanziertem Unverständnis - skurrile Binnenprobleme einer altmodischen Institution.

Katholikentage sind wertvolle Indikatoren: Sie geben Aufschluss über Zustand und Stellenwert der Kirche. Auf einer solchen Plattform darf man sich nicht damit bescheiden, vor allem zerknirschte Nabelschau zu halten sowie die eigene Zerstrittenheit und Orientierungsschwäche zu beklagen. Das Hamburger Großtreffen muss mehr bewirken: neue Akzente setzen, die öffentliche Neugier erregen und die politische Fantasie beflügeln.

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