James Bond : Ein Quäntchen Intellekt

Die Bond-Girls sind für 007 inzwischen mehr als nur Trophäen. Im neuen Film fällt sogar der Sex aus.

Sonja Pohlmann
Andress
1962. Ursula Andress setzt als Honey Ryder neue Maßstäbe. -Foto: Cinetext

Das weiße Bettlaken unter ihrem Körper ist nur ein wenig verrutscht, fast sieht sie darauf aus wie ein Kunstwerk, von den Füßen bis über Kopf und Haare mit einer glänzend schwarzen Flüssigkeit überzogen. Leider ist diese Schicht Öl und die Frau jetzt tot – aber so ist nun mal das Schicksal fast aller Frauen, die sich auf den berühmtesten Agenten der Welt einlassen: auf James Bond. 52 Girls haben ihn jetzt schon seit seinem ersten Auftrag 1962, der Jagd nach „Dr. No“, durch Feuer und Flammen begleitet, mit ihm Betten zerwühlt oder gar versucht, ihn umzubringen. Wenn am 6. November der neue Film „Ein Quantum Trost“ in die deutschen Kinos kommt, wird sich, wie auch zuletzt in „Casino Royale“, zeigen: Bonds Mädchen sind längst nicht mehr nur sexy Trophäen. Und auch der Agent wünscht sich inzwischen mehr als ein Betthäschen für zwischendurch.

Noch zu Beginn seiner Karriere vor 46 Jahren hatte Bond brav – wie es sich für einen Gentleman mit Hintergedanken gehört – hinter einer Palme gewartet, als Ursula Andress alias Honey Ryder im knappen Bikini dem Meer entstieg. Kurz darauf sah sich Bond dann nicht nur ihre großen Muscheln aus der Nähe an – die Fantasie der Zuschauer war entfacht und eine der wichtigsten Nebenrollen der Filmgeschichte nicht mehr wegzudenken: das Bond-Girl. Zwischen all dem Krachen und Klirren ist es der Glamourfaktor des Films. Perfekter Körper, verführerischer Augenaufschlag, laszives Lächeln – mehr braucht es nicht. Nie würde es sich widerstandslos dem Agenten hingeben. Dass sich der Kampf ums Bond-Girl lohnt, verraten die zweideutigen Namen wie Pussy Galore, Mary Goodnight, Xenia Onatopp und Honey Ryder. Ursula Andress, die ihren Bikini übrigens selbst geschneidert haben soll, gilt als Mutter aller Bond-Girls.

Seither scheint die Frage, wer die neue Darstellerin an der Seite des Agenten ist, fast so spannend wie der Ausgang einer Präsidentschaftswahl in den USA. „Dabei dauern die Auftritte von Bonds Gespielinnen selten länger als ein paar Minuten“, sagt Siegfried Tesche, Autor zahlreicher Bücher über den Agenten. Nach seiner Ansicht haben die Bond-Girls vor allem eine Funktion: „Sie sind eine hübsche Verpackung, um ein männliches Abenteuer zu verkaufen.“

Wie wichtig die Bond-Girls als Symbol für den jeweiligen Erfolg eines neuen Films sind, haben die Macher spätestens 1969 gemerkt. Für „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ hatten sie den sonst so treulosen Vagabunden verheiratet. Zwar wurde Bonds Frau auf dem Weg in die Flitterwochen erschossen, doch der Film spielte nicht die erhoffte Summe an den Kinokassen ein. Fortan durfte, abgesehen von seiner Vorgesetzten „M“ und der Sekretärin Miss Moneypenny, keine Frau mehr dauerhaft in sein Leben treten.

Stattdessen tauchen die Bond-Girls in vier verschiedenen Varianten auf, hat Tesche festgestellt: erstens als kurze Geliebte für zwischendurch, die nach wenigen Minuten stirbt. Aktuelles Beispiel ist die mit Öl übergossene Agentin Fields (Gemma Arterton). Zweitens als Unterstützerin des Bösewichts, die sich für diesen aufopfert. Oder sie wird drittens von Bond zum Guten bekehrt. Viertes mögliches Szenario: Sie kämpft selbst für ihre eigenen Ziele, so wie es Camille (Olga Kurylenko) im neuen Film tut.

Gaben sich die Bond-Girls viele Jahre mit einem „Oh James ...“-Seufzer dem Agenten hin und ließen sich von ihm per Klaps auf den Po verabschieden, erstarkten sie ab den 80er Jahren: Plötzlich fuhren die Bond-Girls Motorboote, zündeten Bomben oder legten wie Grace Jones als May Day akrobatische Kampfszenen hin. Soziologe Volker H. Davids fand in seiner Diplomarbeit an der Universität Bielefeld sogar heraus, dass Bond-Girls inzwischen oft Wissenschaftlerinnen spielen: „Weil die Wissenschaft im Alltag an Bedeutung zunimmt, wollten die Macher sie wohl auch im Film stärker berücksichtigen“, sagte Davids in einem Interview. Was nicht heißt, dass die Damen nun mit zugeknöpftem Kittel und dicker Brille auftreten. Ihre vorrangige Aufgabe bleibt, gut auszusehen, Verführte oder Verführerin zu spielen. Gleichermaßen faszinieren Bond und seine Babes damit weibliche und männliche Zuschauer: Frauen träumen sich in die Arme des starken Helden, Männer sehen sich in der Rolle des omnipotenten Agenten.

Wirklich geliebt hat Bond allerdings keine der Kurzzeitbekanntschaften – bis Vesper Lynd (Eva Green) kam, die ihm in „Casino Royale“ das Herz brach. Über ihren Tod ist er in „Ein Quantum Trost“ noch nicht hinweg. Deshalb ist Camille „das einzige Mädchen in der Geschichte der Filme, das nicht mit Bond schläft“, sagt Olga Kurylenko, die Ukrainerin ist. Eine Deutsche hat bisher nur einmal die begehrte Rolle ergattert. Karin Dor, 1967 in „Man lebt nur zweimal“. So unsexy wie ihr Name als Bond-Girl war allerdings kein zweiter: Helga Brandt.

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