Japan nach der Katastrophe : Sie kannten Tsunamis - dachten sie

Sie hatten immer wieder geübt. Was zu tun ist, wenn ein Tsunami kommt. Nach zehn Minuten waren die 78 Hortkinder in Kamaishi zum Aufbruch bereit. Doch dann versagte der Plan. Wie Japan der Folgen der Flutkatastrophe Herr zu werden versucht.

Jesper Weber
Menschenwerk. Die Natur setzte sich am 11. März in Kamaishi über die höchste Tsunami-Sperrmauer der Welt hinweg. Foto: AFP
Menschenwerk. Die Natur setzte sich am 11. März in Kamaishi über die höchste Tsunami-Sperrmauer der Welt hinweg. Foto: AFPFoto: AFP

Sie kommen auf dem Fahrrad, ein Ehepaar. Es ist Sonntag, und sie wollen zur Shinsei-Kirche nach Kamaishi. Einen weiten Weg haben sie zurückgelegt, um auf ihrem Gaskocher frischen Kaffee für die zu kochen, die sich hier versammelt haben. Als alle vom Kaffee getrunken haben, packen die beiden zusammen, um weiterzuradeln. Zum nächsten Ort. Zu den nächsten Überlebenden der Tsunami-Katastrophe von Japan.

Der Kirchenraum ist weiß gestrichen, auf vier Metern Höhe zieht sich waagerecht eine schmutzig-graue Linie über die Wände. So hoch stand das Wasser. Pfarrer Yanagiya trägt keinen Talar, es gibt auch keinen Altar und keine Kanzel, keinen Strom, kein fließendes Wasser. Der Gottesdienst, das sind an diesem Tag etwa 50 Gläubige an einem Tisch, und er beginnt damit, dass Yanagiya die Anwesenden vorstellt. Alle werden mit kurzem Applaus begrüßt.

In Kamaishi sind 20 Prozent der Häuser zerstört. Der zweite Tsunami, der zehn Minuten nach dem ersten kam und weitaus höher war, forderte noch mehr Todesopfer, denn es waren nach der ersten Welle viele losgelaufen, ihre Häuser zu verbarrikadieren, Wertsachen zu sichern. Von 40 000 Einwohnern sind 801 tot aufgefunden worden, 124 davon konnten noch nicht identifiziert werden. 554 sind vermisst. In Notunterkünften leben bislang 2396.

Im Gebet spricht der Pfarrer davon, dass jetzt im Mai auch in Nordjapan die Kirschblüten blühen und der Frühling begonnen habe, für ihn aber, sagt er, sei am 11. März die Zeit stehen geblieben. Er beginnt zu weinen und braucht einige Sekunden, um sich zu sammeln. Er ist nicht der Einzige, und es bleibt nicht bei diesem einen Mal.

Welchen Trost kann die Kirche bieten, wenn selbst der Pfarrer zutiefst erschüttert ist? Ohne einen Tsunami von zehn Metern Höhe gesehen zu haben, kann man nicht glauben, sagt er. Nicht glauben und verstehen, was die Natur für Kräfte hat. Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge und die Berge mitten ins Meer sänken, wenngleich das Meer wütete und wallte und von seinem Ungestüm die Berge einfielen. So steht es in Psalm 46, 2-4.

Erdbeben, Tsunami, Atomunfall in Japan
Die zerstörten Reaktorgebäude 1 und 2 des AKW Fukushima. Bisher hieß es nur in Reaktorblock eins sei es zu einer Kernschmelze gekommen. Nun bestätigt der Betreiber Tepco, dass die Brennstäbe auch in den Blöcken zwei und drei geschmolzen seien.Weitere Bilder anzeigen
1 von 165Foto: dpa
24.05.2011 07:40Die zerstörten Reaktorgebäude 1 und 2 des AKW Fukushima. Bisher hieß es nur in Reaktorblock eins sei es zu einer Kernschmelze...

Nach dem Gottesdienst geht Frau Fujiwara zum ersten Mal seit Wochen zu dem von ihr geleiteten „Kamaishi Hoikuen“-Hort und stellt mit Freude fest, dass die Straße wieder sauber ist. Dabei ist es tatsächlich nur die Fahrbahn selbst, die Häuser liegen in Ruinen, Autowracks und Müll türmen sich auf dem Bürgersteig. In der ersten Zeit nach dem Beben, als sie nach Akten und brauchbaren Sachen suchen kam, waren die Straßen durch Schlamm, Schutt und Kadaver unpassierbar. Jetzt steht eine Kiste mit gelben, kindersicheren Scheren vor dem Eingang des Horts. Helfer haben sie geborgen und gereinigt.

Am 11. März machten 78 Kinder im Alter bis fünf Jahren Mittagsschlaf, als die Erde sich um 14.46 Uhr aufbäumte. Der Hort liegt nur 500 Meter vom Hafen entfernt. Regelmäßig hatten Evakuierungsübungen stattgefunden. So dauerte es nur zehn Minuten, bis die Kinder in Bollerwagen gepackt oder in Reihen aufgestellt und mit den sechs Erziehern und einem Verwaltungsangestellten zum Abmarsch bereit waren.

Nicht nach Plan lief, dass die Straße vor dem Hort mit Autos verstopft und kein Durchkommen war. Weder die Bollerwagen noch die benachbarte Feuerwehr konnten ausrücken. Ebenfalls abweichend von den Übungen wurde über das öffentliche Lautsprechersystem nicht vor einem Tsunami, sondern vor einem Super-Tsunami gewarnt. Niemand wusste, ab wann ein Tsunami zu einem Super-Tsunami wird, aber das unbekannte Wort versetzte sie in Panik.

Frau Fujiwaras Erinnerungen sind nicht ganz klar, sie sagt, dass entweder die Feuerwehrleute oder die Lautsprecher ankündigten, eine meterhohe Wasserwand rase auf die Stadt zu. Vielleicht, so sagt sie, hat sie das aber auch erst später in ihre Erinnerungen eingebaut. Jedenfalls entschied sie, statt zur Schule, die als Fluchtpunkt vorgeschrieben war, geradeaus zum Park und auf den Berg zu gehen. Diese Entscheidung hat allen Kindern in ihrer Obhut das Leben gerettet.

Nachdem die Kinder mittels einer Menschenkette auf den Hügel getragen waren, ging der Verwalter, Herr Yahata, zum Hort zurück. Es war ein kalter Tag, und die Kinder trugen nur ihre Schlafanzüge. Er wollte Decken für sie holen. Wieder aus der Tür heraus, hörte er fürchterliches Getöse, ließ die Decken fallen und rannte um sein Leben. Er erreichte den Hügel, als von links und rechts die Fluten zusammenschlugen und die Stadt unter Wasser setzten. Viele Fahrer in den Autos, die die Straße blockiert hatten, wurden weggeschwemmt. Andere überlebten die Nacht an Strommasten geklammert, bis sich morgens das Wasser zurückzog.

Unter den Toten waren die sechs Kinder, die von ihren Eltern noch abgeholt worden waren, sowie viele Eltern, die ihre Zöglinge in der Grundschule in Empfang nehmen wollten und nach dem ersten Tsunami Richtung Hort aufbrachen, weil sie sie dort nicht gefunden hatten. Vom Hort stehen heute nur noch die Außenwände. Auf dem Spielplatz im Garten türmt sich Schutt. Autowracks sind bis in die Räume geschwemmt worden.

Drei Tage und Nächte mussten die Kinder und Erzieher ohne Trinkwasser und ausreichend Essen im benachbarten Krankenhaus ausharren. Keines der Kinder soll geweint haben, sie standen zu sehr unter Schock.

Die Überlebenden teilen sich in zwei Gruppen: Menschen, die eine Aufgabe gefunden haben, und Menschen, die resigniert in den Notunterkünften sitzen. Alle, die mit dem Leben davongekommen sind, haben andere beobachten müssen, die es nicht geschafft haben. Alle stehen unter einem ungeheuren Druck. Sind in tiefe Wasser geraten und fürchten zu ertrinken. Auf der Straße spielen die Kinder ihr Spiel, das Rennt-der-Tsunami- kommt! heißt. Bei jedem Nachbeben klammern sie sich an ihre Erzieherinnen.

Dabei kannten sie sich hier doch mit Tsunamis aus, so dachten sie zumindest. Sie beobachteten nach dem Beben, ob das Meer sich zurückziehen würde, was ein typischer Vorbote in seichten Gewässern wäre. Es zog sich nicht zurück. Wer konnte wissen, dass der Seeboden sich in Küstennähe stark angehoben und einen Wellenberg aufgeworfen hatte, der schnell auf die Küste zurollte.

Im benachbarten Otsuchi mit 16 000 Einwohnern wurden über 80 Prozent der Häuser zerstört. Der Tsunami trug brennendes Öl aus einem Lager am Hafen in die Stadt, nach der Feuersbrunst sind nur noch Haufen ausgebrannter Autos und einige Betonteile zu sehen. Im Kindergarten des Ortes stand das Wasser nach zehn Minuten über zwei Meter hoch. Spielplatzgeräte wurden später über 100 Meter weiter landeinwärts gefunden.

Doch im Büro lagen am Tag nach dem Beben die Abschlussurkunden für den ältesten Jahrgang in Mappen gespannt und aufgeschlagen auf dem Schreibtisch, genauso, wie die Leiterin sie bei ihrer Flucht liegengelassen hatte. Trocken und unbeschädigt. Sie müssen auf dem eindringenden Wasser getrieben und wieder herabgesunken sein.

Zu denen, die nicht resignieren, zählt Herr Maruki. Der Chef vom Hotel Sunroute am Hafen von Kamaishi wurde nach einem späten Mittagessen daheim mit Freunden an seinem freien Tag vom Beben überrascht, als diese gerade gegangen waren. Seine Frau hörte beim Abwaschen ein Geräusch, als würden fünf oder sechs Düsenjäger im Tiefflug auf das Haus zudonnern. Aber Militärflüge über Kamaishi gibt es normalerweise nicht. Sie schaute aus dem Fenster und sah, wie der Tsunami über das Bollwerk kam, die neue zehn Meter hohe Flutschutzwand, die größte der Welt. Die Marukis haben sich nur einmal umgedreht, dann sind sie gerannt. Die Welle hinter ihnen war höher als sie.

Seither fühlt sich Herr Maruki, als hätte jemand mit einer mächtigen Fernbedienung den Kanal im Fernseher seines Lebens umgestellt. Wie er stehen viele obdachlos Gewordene gelähmt vor den Trümmern, wissen nicht, wo sie anfangen sollen. Eine Stelle freizuräumen bringt die Stadt, das Haus, das alte Leben nicht zurück, und keine Stelle scheint wichtiger als irgendeine andere zu sein. Es ist kaum möglich, sich einen Ruck zu geben. So fällt den Freiwilligen von außerhalb die Rolle zu, loszuschaufeln, wo sie gerade stehen, den ersten Schritt zu tun. Gearbeitet wird vom Stadtrand in Richtung Hafen.

Herr Maruki hat sich einen Ruck gegeben. Er koordiniert die Verteilung der Hilfsgüter in Kamaishi, während er selbst in einer als Notlager dienenden städtischen Sporthalle lebt. Priorität hat für ihn der Bau von Häusern, um den Menschen eine Aussicht auf Normalität zu geben. 3200 Einheiten sollen für Kamaishi und Otsuchi gebaut werden, aber es gibt kaum verfügbare Flächen. Ebener Grund ist nur in Küstennähe vorhanden, die Gebiete dort sind verwüstet, oftmals unter Meeresspiegel abgesunken und jetzt Sumpfgelände. Die Regierung hat dessen Bebauung wegen der Tsunamigefahr verboten. Es stehen also nur Parks, Sportplätze und Schulhöfe zur Verfügung.

Ein Fertighaus mit zwei Zimmern, Küche und Bad kostet etwas mehr als 40 000 Euro. Die Regierung hat versprochen, bis Ende August mit dem Bau fertig zu sein, aber die Marukis stellen sich auf eine längere Wartezeit ein. Als Ehepaar im Vorruhestand ohne Kinder werden sie als Letzte eine neue Wohnung zugeteilt bekommen, bis dahin leben sie in der Sporthalle. Der einzige Platz dort, an dem man nicht den Blicken der anderen ausgesetzt ist, sind zwei in der Halle aufgebaute Campingzelte.

Das alles erläutert Herr Maruki lächelnd und mit viel Energie, während seine Frau einer aus der Präfektur Miyazaki in Südjapan angereisten Gruppe beim Kochen von Eintopf für 300 Personen hilft.

Wie Herr Maruki steht Professor Yamazaki vor dem Nichts und verweigert sich dieser Einsicht. Auch der Hochschullehrer ist mit seiner Frau vor dem Tsunami weggelaufen. Jetzt leben sie in einem buddhistischen Tempel, der als Notunterkunft dient und von dessen Parkplatz aus sie dem Tsunami dabei zusahen, wie er ihr Haus zerstörte. Die ersten zehn Tage waren dort bis zu 530 Flüchtlinge untergebracht, es war zu eng, um im Sitzen oder Liegen die Beine auszustrecken, es gab keine Kleidung zum Wechseln und kein Bad.

Professor Yamazaki ist Musiker. Seit 34 Jahren wird in Kamaishi am zweiten Sonntag im Dezember Beethovens Neunte Symphonie aufgeführt. Schon die Mittelschüler üben die Chorpartien, sogar Kindergartenkinder singen kurze Passagen mit. Begleitet werden sie von Orchestern, die hauptsächlich aus Tokio anreisen. Yamazaki dirigiert das Spektakel seit einigen Jahren. Als Zugabe gibt es traditionell den Schlusschor mit 1500 Stimmen: Das Publikum singt mit, und viele reisen für dieses Erlebnis aus ganz Japan zu dem Konzert an, um in den Chor einzustimmen.

Aufführungsort war stets die Stadthalle. Doch die ist vom Tsunami schwer beschädigt worden und muss wahrscheinlich abgerissen werden. Viele Instrumente wurden fortgespült, und der Professor hat seine Partitur mit eigenen Notizen verloren. Die Hürden wirken unüberwindlich. Trotzdem sagt er sich: Jetzt erst recht.

Yamazaki weiß, dass Musik zum Leben nicht unbedingt nötig ist und in Kamaishi derzeit auf der Liste dessen, was zu erledigen ist, nicht sehr weit oben steht. Aber sie könne eben doch so viel bewirken, dass die Aufführung der Neunten Symphonie besonders in diesem Jahr unverzichtbar ist.

Neben der Ortsausfahrt steht abends ein alter Mann am Straßenrand und schaut auf die Nummernschilder der wegfahrenden Autos. Jedes Mal, wenn er eines von außerhalb der Präfektur entdeckt, reißt er ein handgeschriebenes Schild hoch. Darauf steht: „Danke fürs Helfen!“

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