Welt : Jerusalem: Bürgermeister in der Kritik

Israelische Zeitungen haben den Bürgermeister von Jerusalem, Ehud Olmert, für den Einsturz des Tanzsaals in seiner Stadt mitverantwortlich gemacht und seinen Rücktritt gefordert. Die Jerusalemer Wochenzeitung "Kol Hair" titelte am Sonntag in einer Sonderausgabe über das Unglück, Olmert aus der Likud-Partei von Ministerpräsident Ariel Scharon solle zurücktreten und sich für das Unglück vom Donnerstag entschuldigen. Für die Sicherheit der Gebäude sei der Bürgermeister unmittelbar verantwortlich. Zusammen mit Olmert sollten auch alle hohen Beamten der Stadtverwaltung ihre Stühle räumen, verlangte das Blatt.

Auch die Tageszeitung "Maariv" machte Olmert "direkt verantwortlich für alles, was in seiner Verwaltung passiert, die sich kriminelle Fahrlässigkeit zu Schulde hat kommen lassen". Olmert habe es abgelehnt, seine Verantwortung zu tragen. Im Gespräch mit dem Blatt sagte der Bürgermeister, er denke nicht an Rücktritt.

Nach dem Ende der Rettungsarbeiten ist immer noch unklar, ob sich unter den Trümmern des am Donnerstagabend eingestürzten Hochzeitssaals in Jerusalem noch Opfer befinden. Die Rettungskräfte in Jerusalem stellten am Samstag die Suche ein. Die Zahl der Toten wurde inzwischen auf 23 korrigiert. Ein Richter vernahm neun Festgenommene, eine zehnte Person wurde am Sonntag verhaftet. Experten untersuchten Betonproben. Als Ursache für einen der folgenschwersten Unfälle in der Geschichte Israels werden Baumängel vermutet.

Der Leiter der Rettungsarbeiten, Gabi Ofir, erklärte am Samstagnachmittag, keiner der rund 600 Gäste und 50 Bediensteten werde mehr vermisst. Darüber hinaus sei es zu gefährlich, weiter in den Trümmern des einsturzgefährdeten Gebäudes zu suchen. Kurz darauf sagte jedoch der Jerusalemer Polizeichef Miki Levi, das Schicksal von zwei Angestellten des Lokals, einem Israeli und einem Palästinenser, sei noch unklar. Später hieß es, der Israeli werde nicht mehr vermisst. Bei dem Unglück wurden 23 Menschen getötet, mehr als 300 verletzt. Rund 150 Personen lagen am Sonntag noch in Krankenhäusern, mehr als ein Dutzend von ihnen befand sich in ernstem Zustand.

Bis zum Samstagnachmittag hatten Dutzende Rettungskräfte und freiwillige Helfer mit Spürhunden und Minikameras die Suche nach möglichen Überlebenden fortgesetzt. Zum Teil mit bloßen Händen gruben sie in den Trümmern, während in den zerstörten Stockwerken über ihnen lediglich von Drähten gehaltene Betonteile herabhingen. Unter den Helfern waren auch orthodoxe Juden, die von Rabbinern eine Ausnahmegenehmigung zur Arbeit am Sabbat erhalten hatten. Nach dem Ende der Rettungsarbeiten versammelten sich zivile Helfer, Feuerwehrleute und Polizisten an der Unglücksstelle und gedachten der Opfer.

In Haft genommen

Unterdessen wurden neun mutmaßliche Verantwortliche vor einem Gericht in Jerusalem zweieinhalb Stunden lang vernommen. Der Richter ordnete an, sieben der Verdächtigen bis Donnerstag in Haft zu halten. Zwei weitere Personen, die versucht haben sollen, die Ermittlungen zu behindern, werden mindestens bis Dienstag festgehalten. Einer der verhafteten Bauingenieure soll nach seiner Festnahme am Donnerstagabend versucht haben, über einen Mittelsmann in der Stadtverwaltung Unterlagen über das Haus verschwinden zu lassen.

Unter den Festgenommenen sind die Eigentümer des viergeschossigen Gebäudes, in dessen oberstem Stockwerk sich die Veranstaltungshalle befand. Auch der Bauträger und der Leiter einer Firma, die das Gebäude vor drei Monaten renovierte, befinden sich in Polizeigewahrsam, ebenso der Erfinder einer billigen Leichtbaumethode, nach der in den 80er Jahren in Israel zahlreiche Häuser konstruiert wurden - darunter das Gebäude der Bank von Israel, die Zentralbibliothek der Universität Tel Aviv und ein Einkaufszentrum im Tel Aviver Vorort Rehovot. Das System wurde 1996 verboten. Bei der am Sonntag festgenommenen Person handelt es sich um einen Ingenieur.

Polizeichef Levi erklärte, erste Untersuchungen der Bausubstanz hätten ein schlechtes Bild ergeben.

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