Welt : Jetzt arbeitet der Frost

In den Hochwassergebieten haben Bewohner Wasser in ihre Keller gepumpt, damit die Wände halten – nun gefriert es

Gideon Heimann

Von einer Anekdote, die sich wohl zu einem schlimmen Nachbarschaftsstreit entwickeln wird, berichtet unser Mitarbeiter Jens Niesing aus Wertheim am Main: Der Bewohner eines von der Flut betroffenen Hauses hatte seinen Keller leergepumpt. Aber weil sein Nachbar die braune Brühe einfach hat hineinlaufen lassen, ist die Trennwand zwischen den Räumen eingestürzt. Schließlich besitzt jeder Kubikmeter Nass eine Masse von etwa einer Tonne, und das wirkt sich auch zu den Seiten hin aus. Aber Wasser und Frost bringen die Betroffenen in einen noch viel ärgeren Zwiespalt.

Das Wasser in überschwemmten Gebieten hebt schließlich den Grundwasserpegel in zuvor unerreichte Höhen. Bis dahin noch trockene Keller geraten dann mitsamt dem Haus in große Gefahr. Denn – derart tief im Wasser stehend – bekommen die Untergeschosse einen immensen Auftrieb, gleichsam wie ein Schiff im Meer.

Das wiederum kann dazu führen, dass sich das gesamte Gebäude unkontrolliert im Boden bewegt. Es entstehen Standdifferenzen, Mauern können reißen, im schlimmsten Fall sogar einstürzen. Wer das verhindern will, müsste also absichtlich das tun, was er zuvor erfolgreich verhindert hat: den Keller fluten, um einen Gegendruck aufzubauen. Jetzt kommt der starke Frost hinzu und damit ein neuer Zwiespalt. Denn Wasser entwickelt beim Gefrieren eine unter Baufachleuten allenthalben gefürchtete Sprengkraft. Es besitzt bei vier Plusgraden seine größte Dichte und vergrößert sein Volumen bei Frost um neun bis zehn Prozent. Das Eis kann dabei einen Druck aufbauen, der im Maximum mehr als zwei Tonnen pro Quadratzentimeter erreicht.

Das geschieht zwar erst bei minus 22 Grad, die derzeit selbst nachts und auf dem Lande nur in wenigen Gebieten erreicht werden – in Kellern erst recht nicht. Doch die Kräfte, die schon bei geringeren Frostgraden frei werden, sind nicht zu unterschätzen. Sie reichen allemal aus, um massivste Betonbauwerke zu zerkrümeln, sofern diese nicht gut gegen eindringende Feuchtigkeit geschützt worden sind – zahlreiche Autobahn-Brückenbauwerke aus den 50er und 60er Jahren zum Beispiel hatten deshalb schon abgetragen werden müssen. Dabei wirkte freilich auch mit der Nässe eingedrungenes Tausalz als weitere Schadensursache. Zurück zum Eis: Bedrohlich wird es nicht nur in großen Rissen, sondern auch schon dann, wenn es durch feinste kapillare Öffnungen, also winzige Poren, ins Baumaterial eindringen kann. Laubenbesitzer, die ihre Sommerdatschen nicht zum Beispiel durch elektrische Frostwächter ausreichend schützen, finden im Frühjahr unter ungünstigen Umständen große Schäden vor: Putz fällt meist in großen Placken von der Wand, Fliesen liegen zerbrochen am Boden.

Betroffene sollten also – sobald keine Gefahr mehr vom Grundwasser her droht – für Trockenheit und Wärme in den feucht gewordenen Räumen sorgen. Wasser lässt sich mit Tauchpumpen bis auf kleine Reste herausholen. Auch der Schlamm muss weg, der wird beim Trocknen hart wie Beton.

Und danach müssen Heizlüfter ans Werk – notfalls auch große Gebäudetrockner, wie sie auf Neubauten eingesetzt und von entsprechenden Vermietfirmen bereit gehalten werden. Schließlich drohen gerade bei diesem harten Frost Folgeschäden, die weit teurer werden können als eine Wochenmiete für ein solches Gerät.

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