Welt : "Jetzt kommen die Ukrainer und klauen in Polen"

Heiko Haupt

Die Nachbarn im Osten kämpfen gegen den Autodiebstahl anHeiko Haupt

"Kaum gestohlen, schon in Polen" oder "Reisen Sie nach Polen, ihr Auto ist schon da": Sprüche und Witze über die Freude mancher polnischer Staatsbürger am Fahren fremder Fahrzeuge gibt es zuhauf. Und viele Jahre lang steckte dahinter eine bittere Realität, galt Deutschlands östliches Nachbarland doch als Mekka der Autoknacker und Fahrzeugschieber. Kaum bemerkt von der deutschen Öffentlichkeit unternimmt der polnische Staat allerdings seit geraumer Zeit Anstrengungen, die Situation zu verbessern.

"In Polen sind etwa zehn Millionen Autos zugelassen. Jährlich werden etwa 70 000 als gestohlen gemeldet. Hinzu kommen rund 4000 deutsche Autos, die hier geklaut werden", sagt Kazimierz Kedzierzki, Polizeikommandant in der Stadt Rzeszow im Südosten Polens. Zum Vergleich: In Deutschland sind nach Angaben des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) rund 36,5 Millionen Pkw zugelassen, 74 490 Pkw wurden 1999 gestohlen. "Polen stand auf der Liste der Länder mit den meisten geklauten Urlauberautos auch 1999 deutlich an erster Stelle", sagt GDV-Sprecher Klaus Brandestein. "Jedes dritte im Ausland gestohlene Auto wurde in Polen geklaut."

In Zukunft sollen die Zahlen in Polen merklich sinken - auch weil einige Vorschriften eingeführt wurden, die in Deutschland längst als selbstverständlich gelten. So werden die jeweiligen Kennzeichen nun Fahrzeugpapieren zugeordnet. Früher war ein Kennzeichen laut Kedzierzki problemlos zu beschaffen. Und wer ein aus Deutschland stammendes Fahrzeug in Polen zulassen will, muss neben den ursprünglichen Fahrzeugpapieren auch eine Abmeldebescheinigung aus Deutschland vorlegen können.

Dass der polnische Staat und die Polizei sich verstärkt mit dem Kampf gegen die Autodiebe beschäftigen, hat aber nicht allein mit dem Wohl deutscher Fahrzeugeigner zu tun. Vielmehr gibt mancher Beamter zumindest inoffiziell zu, dass dies ein Beitrag unter vielen ist, der Polens Beitritt zur EU erleichtern soll. Außerdem hat das Land mit steigendem Wohlstand eigene Interessen an der Arbeitserschwerung für Autodiebe: "Nach der Wende", so Kedzierzki, "haben viele Ostdeutsche in Westdeutschland Autos gestohlen. Dann klauten die Polen in Ostdeutschland - und nun kommen die Ukrainer und klauen in Polen."

So sind auch die Kontrollen an den Grenzen verschärft worden. "Wir überprüfen seit rund fünf Jahren jedes so genannte Luxusauto an der Grenze zur Ukraine und halten die Daten dieser Fahrzeuge fest", sagt Strazy Graniczej, Kommandant des Grenzschutzes in der grenznahen Stadt Przemysl und verantwortlich unter anderem für den Übergang Medyka. Dort wurden im vergangenen Jahr 274 gestohlene Wagen herausgefischt.

"Grundsätzlich hat sich in Polen schon vieles gebessert", sagt GDV-Sprecher Brandenstein. "Es ist heute kein Vergleich mehr mit der Situation Anfang der neunziger Jahre." Auch ADAC-Experte Gerhard Hutzler in München ist der Ansicht, dass Autofahrer in Polen in der Regel "keine übetriebene Angst zu haben brauchen" - allerdings nur, wenn sie einige Vorsichtsmaßnahmen ergreifen. Dazu gehört, das Auto niemals auch nur für wenige Minuten unverschlossen zurückzulassen. Klaus Brandenstein empfiehlt zudem, nur auf bewachten Parkplätzen zu parken und keine Wertsachen sichtbar im Wagen liegen zu lassen. Auch zusätzliche Sicherungen wie Parkkrallen könnten Langfinger schrecken.

Das alles gilt vor allem für jene Fahrer, die mit vergleichsweise unauffälligen Fahrzeugen anreisen, so Hutzler. "Wer aber einen C-Klasse Mercedes irgendwo unbeachtet abstellt, muss mit einem mindestens 50-prozentigen Risiko rechnen, dass der Wagen weg ist." Auch die zuständigen Polizisten weisen darauf hin, dass sich Modelle von Mercedes und große Geländewagen in Diebeskreisen besonderer Beliebtheit erfreuen. Auch verbesserte Grenzkontrollen haben zudem Lücken, wenn schlecht bezahlte Grenzbeamte sich durch unauffällige Hilfsleistungen für Diebe ein Zubrot verdienen können, so Hutzler.

Bei manchem Autofahrer wurde das Vertrauen in die Staatsmacht in jüngerer Vergangenheit noch durch eine neue Diebstahlstechnik erschüttert: Laut Polizei-Kommandant Kedzierzki wurden Fälle bekannt, bei denen Diebe in gefälschten Streifenwagen und falschen Uniformen Autos zu vermeintlichen Verkehrskontrollen angehalten haben. Autofahrer sollten sich daher nicht von Zivilwagen stoppen lassen, die zwar ein kleines Blaulicht auf dem Dach, aber nicht die typischen Markierungen der dunkelblauen "POLICJA"-Streifenwagen haben.

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