Joe Medicine Crow : Letzter großer Indianerhäuptling stirbt mit 102

Er kämpfte mit Kriegsbemalung und er hatte einen Doktortitel: Joe Medicine Crow war jahrzehntelang die Stimme der nordamerikanischen Ureinwohner. Seine traditionelle Aufgabe erfüllte er auch im Kampf gegen die Nazis.

Joe Medicine Crow mit US-Präsident Barack Obama im August 2009 bei der Verleihung der "Medal of Freedom".
Joe Medicine Crow mit US-Präsident Barack Obama im August 2009 bei der Verleihung der "Medal of Freedom".Foto: dpa

Der letzte große Indianerhäuptling Nordamerikas ist tot: Joe Medicine Crow, ein anerkannter Historiker, Aktivist und der erste seines Stammes der Crow oder Absarokee (Stammessprache) mit einem Hochschulabschluss, starb am Sonntag in Billings (Montana) im Alter von 102 Jahren. „Montana hat einen Schatz verloren. Wenn man mit Joe Medicine Crow sprach, war es unmöglich, nicht von ihm inspiriert zu sein“, bekundete Montanas Senator Jon Tester (D), der den Häuptling für die Freiheitsmedaille - die höchste US-Auszeichnung für Zivilisten - vorgeschlagen hatte.

2009 nahm der hoch angesehene Medicine Crow, dessen Großonkel am Little Big Horn gekämpft hatte, die Ehrung von US-Präsident Barack Obama entgegen. Medicine Crow war der letzte seines Stammes, der die traditionellen Aufgaben erfüllte, um ein Stammeshäuptling werden zu können: Dazu gilt es, in einem Kampf seine Leute anzuführen, ein Feindeslager bei Nacht zu betreten und dabei ein Pferd zu stehlen, einen Feind zu entwaffnen und den ersten am Boden liegenden Widersacher zu berühren - ohne ihn zu töten. Dies alles erledigte der Prärie-Indianer Joe Medicine Crow in Deutschland - als Teil der 103. Infanterie im Zweiten Weltkrieg. Dort führte er 1943 eine Truppe US-Soldaten durch deutsche Linien - in Uniform, aber mit Kriegsbemalung und einer gelben Adlerfeder in seinem Helm, wie die „Washington Post“ ihn beschreibt.

„Ich war soweit, ihn umzubringen, aber da rief er nach seiner Mutter“

Beim Marsch durch ein Dorf befreite er Pferde und stieß mit einem deutschen Soldaten zusammen, den er zu Boden schlug, aber nicht tötete. „Ich war soweit, ihn umzubringen, aber da rief er nach seiner Mutter“, erzählte Medicine Crow später dem Dokumentarfilmer Ken Burns. „Das Wort „Mama“ öffnete meine Ohren. Ich ließ ihn gehen.“ Medicine Crow wurde 1913 in Lodge Grass (Montana) in einem einfachen Holzhaus geboren und von seinem Großvater in der Tradition der Crow-Krieger erzogen: Barfuß-Laufen im Schnee und das Baden in gefrorenen Flüssen sollten den Jungen, dessen Name damals „Winter-Mann“ war, hart machen. Der Stamm der Crow zählte nur noch 2000 Mitglieder, die unter erbärmlichsten Verhältnissen im Reservat lebten. Doch Medicine Crow erkannte, dass Bildung der Ausweg sein konnte. „Das war meine persönliche Herausforderung“, erzählte der Indianer später dem Magazin seiner Hochschule Linfield.

„Ich wollte beweisen, dass ein Indianer in der Lage ist, ein guter College-Student zu werden.“ Also lernte er, machte einen Doktor in Anthropologie und arbeitete als Lehrer - bis der Angriff auf Pearl Harbour kam und er sich zur Armee meldete. Nach dem Krieg erwarb Medicine Crow sich Ansehen als Historiker und Autor zahlreicher Bücher über die Geschichte der Crow-Indianer und die legendäre Schlacht am Little Big Horn. Dabei war er oft Vermittler zwischen der Kultur der Ureinwohner und der Weißen. „Da ist eine Linie in der Mitte, die zu beiden Seiten gehört. Ich gehe auf dieser Linie entlang, nehme das Beste beider Seiten und meide das Schlechteste“, sagte Medicine Crow dem Linfield Magazin. Seine Stimme drang bis zu Barack Obama, der den Häuptling noch als Senator in seinem ersten Wahlkampf kennengelernt hatte.

„Wenn Sie ins Weiße Haus kommen, denken Sie daran, dass wir Indianer seit 1492 ganz unten am Fuß der Leiter in Amerika stehen“, mahnte Medicine Crow. 2009 ehrte ihn der neue Präsident mit der Freiheitsmedaille und den Worten: „Sein Leben spiegelt nicht nur den Kampfgeist der Crow-Leute wider, sondern auch Amerikas höchste Ideale.“ (dpa)

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