Jörg Kachelmann im Interview : "Mich erpresst niemand mehr"

Jörg Kachelmann spricht im Interview mit der ZEIT zum ersten Mal seit seinem Freispruch über sein Frauenbild – und darüber, warum er heute Knastbrüdern mehr vertraut als Polizeibeamten. Wir dokumentieren das Gespräch

Jörg Kachelmann am 31.5.2011 beim Warten auf die Urteilsverkündung.
Jörg Kachelmann am 31.5.2011 beim Warten auf die Urteilsverkündung.Foto: dpa

Verhalten lächelnd tritt Jörg Kachelmann vor die Tür des kleinen Hauses, das er für ein paar Monate gemietet hat. »Sind Sie endlich angekommen?«, fragt er. Es war nicht ganz einfach, ihn zu finden in diesem Dorf im Ausland, wo er sich vor den Fernseh- und Fotokameras deutscher Reporter versteckt. Vor wenigen Tagen hat ihn das Landgericht Mannheim nach 43 Verhandlungstagen vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen. Der Prozess ist zwar noch immer nicht ganz zu Ende, weil die Staatsanwaltschaft Revision gegen das Urteil eingelegt hat. Aber der 52 Jahre alte Kachelmann, der früher im Fernsehen das Wetter ansagte, ist wieder ein freier Mensch. Er bleibt auf der obersten Treppenstufe vor der Haustür stehen, so als wüsste er nicht, ob er die Besucher wirklich hereinbitten soll.

Ein kühler Wind weht ihm entgegen, über den Weiden und Wäldern rund um das Dorf liegt eine geschlossene Decke aus grauen Wolken.

Herr Kachelmann, kalt ist es bei Ihnen. Wir haben uns viel zu dünn angezogen. Auf der Internetseite Ihres Wetterdienstes stand etwas von Sonnenschein. Eine krasse Fehleinschätzung.

Nein, das stand da nicht.

Doch. Es sollte heute sonnig werden.

Ach was. Ich habe es mir selber angeguckt. Da stand nichts von Sonne. Sie haben sich irgendeinen Scheiß angesehen. (lacht) Wenn Sie gute Journalisten wären, dann hätten Sie sich die Vorhersage ausgedruckt und mir hier präsentiert. Dann hätten Sie einen Beleg. Wir können jetzt gleich im Internet nachgucken. Diese Mühe können wir uns machen. Oder Sie wählen einen neuen Einstieg in unser Gespräch.

Einverstanden, ein neuer Einstieg: Sie sind vom Landgericht Mannheim vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen worden. Zu welchem Zeitpunkt haben Sie gewusst, dass dies geschehen würde?

Erst, als der Richter es gesagt hat.

Sie haben bis zum Schluss an Ihre Verurteilung geglaubt?

Der Fall Kachelmann
Jörg Kachelmann verlässt ein letztes Mal das Mannheimer Gerichtsgebäude. Seine Rolle bleibt undurchsichtig.Weitere Bilder anzeigen
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31.05.2011 20:26Jörg Kachelmann verlässt ein letztes Mal das Mannheimer Gerichtsgebäude. Seine Rolle bleibt undurchsichtig.

Nein, nicht unbedingt. Es gab mir nahestehende Menschen, auch Rechtsanwälte, die mir Mut gemacht haben. Aber ich hatte im Gerichtssaal so viel Irrationalität kennengelernt, vor allem auch von Mannheimer Staatsanwälten, dass ich bis zum Schluss mit der menschlichen Irrationalität rechnen musste. Noch im Sommer letzten Jahres – Monate nach meiner Verhaftung – hatte ich in einem Interview sinngemäß gesagt: Ich glaube an die deutsche Justiz. Diesen Glauben habe ich seitdem komplett verloren, was den Großraum Mannheim angeht. Deswegen habe ich auch nicht unbedingt an einen Freispruch geglaubt.

Hätten Sie eine Verurteilung persönlich verkraftet?

Das weiß ich nicht. Ich habe viele Dinge verkraftet, von denen ich mir vorher nicht hätte vorstellen können, dass ich sie verkraften würde. Ich saß 132 Tage lang in Untersuchungshaft. Unschuldig im Knast. Immer habe ich gedacht: Wann ist das vorbei? Wenn ich nun verurteilt worden wäre, wäre ich wieder in den Knast gekommen. Dann hätte ein Gericht mir dadurch meine Söhne, die in Kanada leben, weggenommen. Die können mich nicht mal eben im Knast besuchen. Das wäre das Schlimmste gewesen. Und ich wäre in den Augen der Öffentlichkeit ein Vergewaltiger. Kein mutmaßlicher, sondern ein verurteilter Vergewaltiger.

Wie genau haben Sie sich Ihre Verurteilung ausgemalt?

Ich habe mir manchmal diesen Worst Case vorgestellt. Ich habe mich gefragt: Wie sitze ich dann im Gerichtssaal? Wie gucke ich dann? Wie trage ich das bloß mit Fassung?

Sie wollten es mit Fassung tragen?

Vom ersten Prozesstag an bis zum letzten habe ich versucht, die Fassung zu wahren. Ich wollte mit immer demselben Gesicht in die Tiefgarage des Landgerichts fahren – und mit demselben Gesicht wieder raus. Was geht es die sabbernden Fotografen an, wie’s mir geht?

Seit Langem hört man jetzt auch wieder Ihre Stimme. Sie haben im Gerichtssaal nie geredet, Ihre Verteidiger haben für Sie gesprochen. Wieso haben Sie geschwiegen?

Kachelmann: Na ja, meine Stimme hört man jede Woche auf Radio Primavera und Radio Basel. Und vor Gericht hatte mir mein Verteidiger Johann Schwenn geraten zu schweigen. Was sollte ich auch mehr sagen als die kurze Wahrheit: »Ich war es nicht!« und: »Ich habe keinem Menschen Gewalt angetan!« Wieso hätte ich mich beteiligen sollen an diesem Schwachsinn, der über mich erzählt wurde? In dem, was ich vor Gericht über mich gehört habe, erkenne ich mich nicht wieder. Ich hätte an jedem Prozesstag hundertmal aufstehen und sagen müssen: »Das ist gelogen!« Was soll ich über lügende Zeuginnen sagen, auf die erwachsen scheinende Menschen wie diese Staatsanwälte und teilweise auch Richter hereinfallen? Was soll ich denken außer: »Wow, das gibt es also! Das ist Realität. Darin bin ich jetzt gefangen.« Deshalb hat mein Verteidiger gesprochen, nicht ich.

Ihr Verteidiger Schwenn hat vor Gericht viel Krach geschlagen.

Nein, so war das nicht. Er war leise. Er war ganz normal.

Sie wollen doch nicht im Ernst behaupten, dass sich Ihr Verteidiger, der systematisch Zeuginnen, Staatsanwälte und Gutachter frontal angegriffen hat, normal verhalten hat?

Doch. In den Zeitungen stand viel Unsinn. Bild schrieb zum Beispiel: Kachelmanns Verteidiger schlug auf den Richtertisch. Das ist nicht wahr. Er schlug nicht. Er brüllte auch nicht. Die Geschichte vom brüllenden Verteidiger ist eine Erfindung durchgeknallter Medien. Die sagten sich wohl: Hui, der wird ja freigesprochen, jetzt fällt der Spannungsbogen unserer Geschichte aber ab, jetzt nehmen wir den Anwalt und bauschen ihn zum Krawallmacher auf! Und niemand korrigiert das dann, niemand berichtigt die Bild-Zeitung, obwohl alle anderen drinsitzen und auch sehen, dass er weder gebrüllt noch auf den Tisch geklopft hat, sondern jeder Journalist hält diese Falschmeldungen für einen passenden Beleg. Mein Anwalt war nicht laut, er war manchmal für süddeutsche Verhältnisse etwas deutlich, das schon, aber er war leise.

Sie werden mit Ihrer Frau Miriam bald wieder scheitern. Das ist überall zu lesen.

Was geht Sie das an? Oder, um Morrissey zu zitieren, time will prove everything – die Zeit wird es zeigen. Meine Frau steht jetzt unter dem Generalverdacht, nicht nur jung, sondern auch blöd zu sein. Die Leute blicken Miriam an und sagen sich: die Arme. Und dann gucken sie schnell, ob an ihrer Kehle ein Abdruck von einem Hundehalsband zu erkennen ist – weil in einigen Blättern ja stand, ich stünde auf Sadomaso-Praktiken. Die Wahrheit ist: Ich hätte den Gerichtsprozess ohne diese Frau, ohne ihre Intelligenz, Durchsetzungskraft und Entschlossenheit und vor allem ihre Mithilfe ganz sicher nicht so durchgestanden. Ich war in manchen Phasen des Prozesses in einer kompletten Lähmung.

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