Welt : Joseph Haydn: "... so mußte ich original werden."

Christine Lemke-Matwey

Haydn sitzt, sagen wir, im Burgenländischen und komponiert: Kecke Galanteriestückchen, Sonaten, zierliche Rondos, Menuette, die stürmen und drängen, oft zweisätzig, mal dreisätzig, überraschend vieles davon in Moll. Gelegentlich umsummt wohl eine Biene seinen Federkiel oder lässt Fürstin Marie Hermenegild Esterhazy ihrem Kapellmeister ein Gläschen frische Limonade reichen. Die ganze Welt fühlt sich rundum rund und wohlig an ...

Seltsam, dass man bei Joseph "Papa" Haydn unwillkürlich an eine Musik denkt, die so klassisch ist, daß die Musikwelt sich seit jeher guten Gewissens von ihr verabschieden konnte. Das Ebenmaß, es ist nicht dazu angetan, Aufschluß zu geben über das Hier und Jetzt. An den goldenen Schnitt wagt sich so schnell keiner heran. Insofern gilt Haydn weiterhin als die Eminenz unter den Meistern der Wiener Klassik, als deren Pate und heimlicher Sonnenkönig.

Schemen, Schatten, Schlieren

Damit scheint die ungeheure experimentelle Lust, die seine 104 Symphonien, 83 Streichquartette und 62 Klaviersonaten auch durchzieht, hinlänglich erklärt. Denn Brüche, Defizite, an denen sich das moderne Individuum abarbeiten könnte, hält diese Musik vergleichsweise wenige bereit. Es ist ihre Vollständigkeit, ihre leuchtende Souveränität, die sie für heutige Ohren undankbar erscheinen läßt. "Ich war von der Welt abgesondert", notiert der alte Haydn, "niemand in meiner Nähe konnte mich an mir selbst irre machen und quälen, und so mußte ich original werden."

Auch wenn von einer Haydn-Renaissance derzeit nicht ernsthaft die Rede sein kann, so haben sich doch ein paar Indizien angesammelt: Die immer einmal wieder aufflackernden Bemühungen um den Opernkomponisten gehören ebenso dazu wie Ludwig Finschers große Monografie ("Haydn und seine Zeit", Laaber-Verlag). Und auch die aufreizend schlichte Neueinspielung seiner "Sieben Worte" durch das Rosamunde Quartett öffnet Ohren, Sinne, Augen. Eine Musik, die kindlich klingt, einfältig, ängstlich und fast abergläubisch. Eine Musik, die - und das wird bereits nach der Introduktion klar, Maestoso ed Adagio - entschieden über ihre Verhältnisse lebt. Alles was sie ist, nimmt sie vom Lebendigen. Raubbau treibt sie. Sie singt, mit dünner Stimme, wo sich jeder Gesang verbietet. Sie behauptet Präsenz, Kunst, reale Gegenwart wo doch längst alles zu Ende ist; wo buchstäblich nichts mehr stattfindet, kein Echo, kein Widerhall, nur mehr Schemen, Schatten, Schlieren lang versunkener Melodien.

Und wenn sich diese dann doch noch einmal Gehör verschaffen, ein letztes Mal und wie durch jahrtausendealte Spinnwebennetze hindurch, im Lento des sechsten Satzes, dann bricht es dem Hörer das Herz: Die einzelne Geige, die sich da, halb seufzend, halb jubilierend und tänzelnd, über dem bohrenden Unisono-Schmerz der anderen Stimmen erhebt, deren harmonische Bitterkeit lichtet, mildert, tröstet, um dann in eine über die Maßen konventionelle, fratzenhaft hämische Stretta auszubrechen - das gehört zum Ungeheuerlichsten, Schönsten, Ergreifendsten, was Joseph Haydn jemals geschrieben hat. "Consumatum est!" - sagt das Neue Testament an dieser Stelle: "Es ist vollbracht!" Und wer dächte hier nicht an Arnold Schönberg, an seinen legendären Operntorso "Moses und Aron", an das Rätselfinale des zweiten Aktes: "O Wort, du Wort, das mir fehlt!"?

Gerade in ihrer - sich den Bibeltext gewissermaßen nur denkenden - Fassung für Streichquartett sind Haydns "Sieben letzte Worte unseres Erlösers am Kreuz" (1787) vielfach kommentiert worden. Carl Maria von Weber sprach, unvergleichlich, vom "rein Vierstimmigen" und "Nackenden der Tonkunst" darin; und Peter Gülke, der Musikologe, diagnostizierte eine "zugleich textgebundene und textlose Musik", deren andere Spielarten - als Orchestersuite oder Oratorium - den ursprünglichen Gedanken eher "zerreden" würden. Ein vertrautes-unvertrautes Werk? "Die Aufgabe", so schrieb der Komponist 1801 selbst, "sieben Adagios wovon jedes gegen zehn Minuten dauern sollte, aufeinander folgen zu lassen, ohne den Zuhörer zu ermüden, war keine von den leichesten." Im Übrigen hoffe er, in welcher Version auch immer, auf "einsichtsvolle Kenner" unter seinen Interpreten.

Lesen, Spielen, Hören

Nicht nur, dass das Rosamunde Quartett sich seiner Aufgabe mit einer unerhörten Sensualität widmet; man gewinnt den Eindruck, die Münchner Musiker - Andreas Reiner und Simon Fordham, Violine, Helmut Nicolai, Bratsche, und Anja Lechner, Cello - hätten hier zu einer ganz neuen, quasi absichtslosen, ja meditativen Stufe ihrer Verständigung gefunden. Jedes Vibrato wurde kritisch unter die Lupe genommen, jeder einzelne Bogenstrich, jede dynamische Nuance, jedes Changieren der Klangfarbe auf seinen jeweiligen Ausdrucksgehalt hin geprüft, diskutiert und gedeutet. Dennoch haftet dieser Einspielung am Ende nichts Akademisches oder gar Blaustrümpfiges an. Das eine, geben die Rosamundes zu verstehen, sind die Voraussetzungen des Musizierens, ist die tägliche Kärnerarbeit des Lesens, Spielens, Hörens und immer wieder Lesens, Spielens und Hörens. Der Bodensatz. Das Gewissen.

Das andere ist die Augenblicksraumkunst Musik selbst. Dass sich zumindest eine Ahnung davon auch auf Konserve bannen lässt, ist das Wunder dieser Studio-Aufnahme, das Ereignis neben dem Ereignis. Ein Paradox. Haydns "Sieben Worte" als etwas, das einfach geschieht. Als Musik jenseits aller Musik, als klingendes, tröstendes Kreuz.

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