Welt : Jugend 2001: Durchgeknallt

Bas Kast

Rainer Liebt Lou. Leidenschaftlich. Lou Andreas-Salomé, die blonde Russin, die vor Rainer Maria Rilke schon Nietzsche den Kopf verdreht hatte. Nietzsche hatte in seiner Verzweiflung sogar zum Opium gegriffen ("Heute Abend werde ich so viel Opium nehmen, daß ich den Verstand verliere").

Bei Rilke ist alles noch viel schlimmer: Jetzt ist Lou verheiratet und unerreichbar und so nur noch faszinierender für den fast 15 Jahre jüngeren Rilke. Als er ihr das Gedicht schreibt, ist er einundzwanzig. 21 und verzweifelt und verliebt ...

Liebe Lou, wenn Du, - was manchmal geschieht - in meinem Traume bist, dann ist dieser Traum und sein Nachklang im folgenden Tag wirklicher denn alle tägliche Wirklichkeit, ist Welt und Geschehen.

Was ging in Rilkes Hirn vor, wenn er von Lou träumte? Wenn er versuchte, sich auf ein neues Gedicht zu konzentrieren ... Wenn er - noch nicht ganz von seinem Traum erholt - einen Stift in die Finger nahm, fest entschlossen, nicht mehr an sie zu denken, bereit, endlich etwas Produktives zu tun, nur um festzustellen, dass er doch wieder nur an sie denken konnte, den ganzen Tag lang, und manchmal bis tief in die Nacht hinein, bis in den Schlaf, und noch über den Schlaf hinaus durch den Nachklang des Traumes ... Denn von allen meinen Gedanken ist der an Dich, der einzige in dem ich ausruhe, und ich lege mich manchmal ganz in ihn hinein und schlafe drin und stehe aus ihm auf ...

Wir wissen, was in Rilke vorging. Wir kennen seinen "Blick von Innen", die subjektive Perspektive. Was aber passierte "von außen", sozusagen: aus der Perspektive des Hirnscanners? Welche Neuronen waren für seine Verliebtheit verantwortlich? Für den Schweiß auf den Fingern, das klopfende Herz, die zittrigen Hände, das flaue Gefühl in der Magengegend? Was macht das Hirn mit uns, wenn wir verrückt nach jemandem sind?

Verrückt - für die Psychiaterin Donatella Marazziti von der Universität Pisa ist das keine Metapher: "Es wird oft behauptet, wer verliebt ist, ist ein biss-chen durchgeknallt. Daran könnte etwas Wahres sein." Marazziti vergleicht den Zustand verliebter Menschen mit dem von Zwangsneurotikern - Patienten, die unter dem unerträglichen Drang leiden, sich alle fünf Minuten die Hände waschen zu müssen. Menschen, die von obsessiven Gedanken heimgesucht werden, immer wieder - eine Quälerei, die sie in den Wahnsinn treibt.

Nicht nur der Geisteszustand des Verliebten ähnelt dem eines Zwangsneurotikers, meint Marazziti. Auch die Serotonin-Konzentration im Blut sinkt auf ein krankhaft niedriges Niveau - genau wie bei den Neurotikern. Das konnte die Wissenschaftlerin in einem Versuch mit 20 verliebten Studenten nachweisen. Weniger Serotonin im Blut, das bedeutet auch weniger Serotonin im Hirn. Und dort operiert die Substanz als wichtiger Botenstoff, der Signale von einer Hirnzelle an die nächste weiterleitet.

Die New Yorker Anthropologin Helen Fisher kann den Befund ihrer italienischen Kollegin nur bestätigen. In ihrem Buch "Das starke Geschlecht" schreibt sie in einem Kapitel über die Liebe: "Psychotische Personen wiederholen unablässig ihre Gedanken und Gefühle im Kopf. Die Mehrzahl der Psychosen wird heute mit Serotoninbeigaben behandelt." Die Sexforscherin glaubt, dass "die eindringlichen Gedanken dann auftreten, wenn der Gehalt an Dopamin und Noradrenalin steigt und der des Serotonins sinkt". Das Plus der beiden anderen Hirnbotenstoffe, Dopamin und Noradrenalin, führt dagegen zum "Gefühl von Euphorie und Lebhaftigkeit, die beiden grundlegenden Bestandteile der Liebe", meint Fisher. "Dieselben chemischen Substanzen lösen auch Schlaflosigkeit, Appetitmangel, ein Übermaß an Energie und Hyperaktivität aus."

Noch genauer wollten es Andreas Bartels und Semir Zeki vom University College in London wissen. Sie legten 17 Versuchspersonen, die sich durch eine hochkonzentrierte Verliebtheit auszeichneten, in einen Scanner und studierten ihre Hirne, während diese auf das Bild ihres angehimmelten Partners blickten. Zum Vergleich sahen sich die Schwerstverknallten auch Fotos von Freunden an. Die Forscher versuchten dahinter zu kommen, was im Hirn passiert, wenn jemand, der hochgradig verliebt ist, entweder "nur" einen Freund oder den Lover sieht.

Das Ergebnis: Der Lover scheint ganz bestimmte Hirnareale in Erregung zu versetzen - andere wiederum werden geradezu gehemmt. Unter den besonders aktiven Regionen war ein vorderer Bereich tief in der Hirnrinde, der generell bei großen Glücksgefühlen aktiv ist. Bei den gehemmten handelte es sich beispielsweise um einen Hirnteil im Stirnlappen, der direkt hinter unserem rechten Auge liegt: der rechte Präfrontalcortex. Der Präfrontalcortex ist ein Hirngebiet, das noch bis ins Jugendalter nicht voll entwickelt ist. Depressive Patienten konnte man schon erfolgreich behandeln, indem man ihren rechten Präfrontalcortex mit gezielter magnetischer Stimulation außer Gefecht gesetzt hat.

"Verblüffend war außerdem, dass, wenn man mit einer kokain-ähnlichen Substanz das Hirn in Euphorie versetzt, die gleichen Regionen aktiv werden, die auch bei unseren Verliebten besonders erregt sind", berichten die Londoner Forscher. "Das legt einen Zusammenhang zwischen romantischer Liebe und Euphorie auch auf der Basis des Gehirns nahe."

Euphorie - davon kann bei Rilke freilich nicht die Rede sein. Fast hat man das Gefühl, er habe um seine Lou gelitten wie sonst nur Marcel Reich-Ranicki bei einem Roman von Günter Grass. Oft aber war es auch diese eigentümliche Mischung aus Qual und Glück, dieser komplizierte Botenstoff-Cocktail, den die Verliebtheit offenbar mit sich bringt ...

Ich hab Dich nie anders gehört, als so, daß ich hätte glauben mögen an Dich. Ich hab Dich nie anders ersehnt, als so, daß ich hätte leiden mögen um Dich. Ich bin Dein, wie der letzte kleine Stern der Nacht zueigen ist, ob sie auch kaum von ihm weiß und seinen Schimmer nicht kennt.

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