Jugendämter : Kein Geld fürs Heim

In Berlin und Brandenburg werden Auflagen der Jugendrichter oft nicht umgesetzt, weil die Mittel fehlen. Manche Jugendliche müssen ein Jahr auf eine angeordnete Therapie warten.

Sandra Daßler

BerlinDie Zahlen sind alarmierend: Immer mehr Kinder und Jugendliche müssen von den Jugendämtern in Obhut genommen werden, weil sie in ihren Familien akut gefährdet sind. Immer öfter stoßen die Behörden dabei jedoch selbst an ihre Grenzen.

Brandenburgs Justizministerin Beate Blechinger (CDU) hat gerade wieder einmal auf unzumutbare Zustände in ihrem Bundesland aufmerksam gemacht. Da können Kinder nicht in spezielle Heime eingewiesen werden, weil die Plätze fehlen. Da fallen Gerichtsverfahren aus, weil die Mitarbeiter der Jugendgerichtshilfe völlig überlastet sind. Da fehlen Betreuer und qualifiziertes Personal – ja, da verzichten Richter von Anfang an auf die Verhängung bestimmter Maßnahmen, weil sie wissen, dass ohnehin kein Geld da ist, sie durchzuführen. Der Fehler liegt im System, darauf weisen nicht nur Jugendrichter seit Langem hin: Die Justiz verhängt Betreuungs- und Erziehungsmaßnahmen, die aber nicht von der Justiz finanziert werden, sondern von den Kommunen.

Ein besonders krasser Fall hat sich laut Blechinger im Osten Brandenburgs zugetragen. Hier soll ein Familienrichter die Inobhutnahme eines Kindes angeordnet haben, die aber nie erfolgte, weil der Landkreis kein Geld für den Heimplatz hatte. „Das ist sicher eine Ausnahme“, sagt Wolfgang Rupieper, der Direktor des Amtsgerichts Cottbus. „Aber als Richter hat man die finanziellen Möglichkeiten der jeweiligen Kommunen im Hinterkopf.“ Im Zweifel, heißt es in Richterkreisen, verzichte man eben darauf, die für notwendig erachtete Therapie anzuordnen.

„Die Mitarbeiter der Jugendämter können kaum etwas dafür, wenn es manchmal nicht läuft“, sagt Kirsten Heisig, Jugendrichterin in Berlins größtem Problemkiez: Neukölln-Nord. Die Tatsachen, mit denen die Jugendamtsmitarbeiter hier konfrontiert seien, reichten von Gewalt, Drogen, körperlicher und seelischer Vernachlässigung bis zu organisierter Kriminalität, sagt sie. „Da kann es schon mal passieren, dass die völlig überlasteten Mitarbeiter des Jugendamts nicht sofort reagieren, wenn sie erfahren, dass drei Kinder einer arabischen Großfamilie nicht in der Schule erschienen sind.“

Es fehlt an Personal in den Jugendämtern – und es fehlt an Geld. Ein gutes Anti-Aggressionstraining zum Beispiel kostet tausend, eine Suchttherapie für 13- bis 14-jährige Alkoholiker einige hundert Euro. „Es ist absurd“, sagt Kirsten Heisig, „wenn ich für einen Jugendlichen, der beginnt, gewalttätig zu werden, ein Anti-Aggressionstraining anordne und er es erst ein Jahr später machen kann. Doch was sollen die Bezirke machen, wenn kein Geld vorhanden ist? Dass der Junge der Gesellschaft später viel teurer kommt, versteht niemand.“ Deshalb wird es vorerst wohl dabei bleiben: Weil die Kommunen immer weniger Geld zur Verfügung haben, können die Auflagen der Richter immer seltener erfüllt werden. Oder es vergeht einfach zu viel Zeit.

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