Welt : Juhnke und der Alkohol: Die Tragödie geht weiter

Rüdiger Schaper

So etwas traut sich kein Drehbuchschreiber, es ist zu platt: Ein Alt-Star wird früh morgens offensichtlich schwer betrunken in seinem Hotelbett (offensichtlich allein) gefunden und ohne Zögern aus einer laufenden TV-Produktion herausgeworfen. Wenige Stunden später wird bereits die Umbesetzung bekannt gegeben: Ein anderer Alt-Star, der gerade in aller Öffentlichkeit einen abscheulichen Scheidungskrieg durchlebt (und offensichtlich dringend Geld braucht), springt für den alkoholisierten Kollegen ein.

Es mag sein, dass das Leben die besten Geschichten schreibt. Sicher ist: Es schreibt immer dieselben Geschichten. Es sorgt dafür, dass sich die Farce als Tragödie wiederholt. In einem Hotel bei Wien hat Harald Juhnke das getan, was er nicht hätte tun dürfen. Er hat wieder getrunken. Eine Flasche Wodka oder mehr, wer weiß das schon genau. Drei Jahre soll er trocken gewesen sein. Und er hat in dieser Zeit, in der er seinen 70. Geburtstag feierte und eine Werbekampagne für Mineralwasser aufführte, immer wieder gebetsmühlenartig wiederholt, er dürfe nie mehr Alkohol anrühren. Ein erneuter Rückfall wäre das Ende. Dies haben ihm die Ärzte eingeschärft. Ihre Bulletins, die auch regelmäßig an die Boulevardpresse gelangten, füllen inzwischen Bände. Der Tenor ist eindeutig, vernichtend: Noch ein Alkohol-Exzess wäre unwiderruflich die letzte Ölung für den Entertainer.

Nun ist es passiert. Juhnkes Kollege Klaus-Jürgen Wussow, der gestern aus Hamburg für die Komödie "Zwei unter einem Dach" eingeflogen worden ist, kennt das Ritual. Vor einigen Jahren, als Wussow in der "Klinik unter Palmen" wieder mal einen Arzt spielte, fiel sein Partner Harald Juhnke aus. Schuld war nicht der Bossanova, auch nicht die karibische Sonne, sondern der Suff. Die Bilder gleichen sich: Wenn Juhnke in der Vergangenheit zu kreiseln begann, war meist ein Hotel die Bühne für das traurige Stück. Ein einsamer Schauspieler an der Hotelbar, im Hotelzimmer, der seiner Jugend, seinem Ruhm, den Frauen hinterhersäuft. Schlimmer noch: Seit den Anfängen seiner Karriere in den frühen fünfziger Jahren hat Harald Juhnke den Alkohol stets als Sprit gebraucht. Spaß haben, die Menschen unterhalten, bloß alles nicht so ernst nehmen - das war seine Devise. Und dafür hat das Massenpublikum seinen Harald geliebt, ja in seinem selbstzerstörerischen Tun befördert. Was Rock-Stars wie Janis Joplin oder Jim Morrison in wenigen Jahren durchzogen, hat Juhnke beinahe sein ganzes Leben praktiziert: das öffentliche Über-die-Stränge-Schlagen. Es war ja auch lange Zeit furchtbar lustig und erfolgreich. Nun ist es nur noch furchtbar. Wahrhaftig eine Tragödie. Die Tragödie eines hoch begabten Schauspielers, der allerdings nie wirklich seine Rolle fand. Und der sich auch nicht auf ein bestimmtes Genre - Charakterrollen auf der Bühne, Filmschauspieler, Fernsehstar, Showmaster, Sänger - festlegen wollte. So merkwürdig es klingt: Der großartige Künstler Harald Juhnke suchte und fand Halt im Alkohol. Er war über Jahrzehnte König Alkohol für Deutschland.

Vor drei Jahren, nach dem vorletzten Exzess, nahm er Abschied vom Theater. Er hatte gerade am Maxim Gorki Theater mit riesigem Erfolg den "Hauptmann von Köpenick" abgespielt - und stürzte in ein tiefes Loch. Nach längerem Klinikaufenthalt kam er wieder, und er war nicht mehr der Alte. Er wirkte wächsern, mürrisch, er drehte Fernsehfilme, weil er nicht mehr die Kraft für Theaterrollen besaß und weil ihm das alkoholschwangere Theatermilieu zu gefährlich schien. Der Künstler sitzt in der Falle.

Es war wohl ein Trugschluss, dass er als Fernseh-Clown künftige Versuchungen umschiffen könnte, für alle Zeit. Der alte Schwung war dahin. Und ein neuer Teufelskreis deutete sich an. Harald Juhnke hat stets die Öffentlichkeit, die Schlagzeilen wie eine Droge konsumiert. Aber in letzter Zeit, in der bisher längsten Trockenperiode seiner Karriere, war es ruhig um ihn geworden. Er muss gespürt haben, dass der Entertainer Juhnke nicht mehr so gefragt, so heftig und vorbehaltlos geliebt wurde, so wie er es gewohnt war, wie er es brauchte, wofür er lebt. Im Herbst vergangenen Jahres kam es bei einem Juhnke-Konzert im Berliner Friedrichstadtpalast zu Tumulten, als der Star die schwarze Jazz-Sängerin Jocelyn B. Smith zu einem langen Set allein auf die Bühne schickte. Etliche Fans revoltierten. Juhnke hatte sich verschätzt. Ein schmerzhafter Bruch. Eine Zeitenwende.

"Ich werde nie wieder rückfällig, das wäre mein sicherer Tod." Wie oft hat man dieses Lied gehört vom "deutschen Sinatra". "I did it my way": Offensichtlich kann ihn nichts und niemand daran hindern. Noch einmal füllt er die Titelseiten des Boulevards. Man mag es nicht mehr lesen. Man wendet sich mit Grausen ab. Und das ist genau das, was Harald Juhnke am meisten fürchtet. Den Liebesentzug. Seine Ärzte haben es ihm eingetrichtert: Entzug ist seine einzige Chance.

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