Welt : Julia Bohl bleibt im Gefängnis

Katja Wallrafen

Jung sieht Julia aus, zart und zerbrechlich. Kreidebleich verbeißt sie sich die Tränen. Erst als ihr Vater gestern beim zweiten Haftprüfungstermin den Gerichtssaal betritt, verliert sie für einen kurzen Moment die Fassung, schluchzt auf und fängt zu weinen an. Bald hat sich Julia wieder in der Gewalt - auch als sie nach der Verhandlung abgeführt wird: Ruhig verlässt sie den Saal; die Hände sind auf dem Rücken mit Handschellen fixiert, Julias Beine bewegen sich mechanisch, wie von alleine. Nur ihre Gesichtsmuskeln kann Julia kaum kontrollieren - das Zittern um den Mund verrät die Anspannung, unter der die 22-Jährige steht, weil sie seit zehn Tagen schon jeden Morgen mit der Gewissheit aufwacht, dass ihr in Singapur der Tod durch den Strang droht.

Die psychische Belastung eint den Vater mit der Tochter. Auch Wolfgang Bohls Gesichtszüge sind starr, als er nach der Verhandlung dem Tross der Medienmeute zu entkommen sucht, die einander gegenseitig zu Boden reißen bei dem Versuch, den Mann vor ihre Kameras zu zerren. "Wie geht es Ihnen, Herr Bohl?", fragt einer. "Schlecht", presst Julias Vater hervor, bevor er die rettende Limousine der deutschen Botschaft erreicht. Der Grund dafür ist denkbar einfach: Richter Victor Yeo lehnte gestern den Antrag von Julias Anwalt Michael Eu auf Haftverschonung ab - das heißt: Julia bleibt in Untersuchungshaft.

Yeo, ein smarter Mann mit offenem Gesicht, hat die Anklage gestern sogar noch um einen Punkt erweitert: Bisher warfen die Behörden der jungen Deutschen Drogenhandel vor; Ergebnisse eines Urintests weisen nun aber nach, dass Julia auch Drogen konsumiert hat. Nach Angaben einer Gerichtssprecherin seien bei Julia Spuren der Designerdroge Ketamin festgestellt worden. In Singapur steht auf Drogenkonsum eine Höchststrafe von zehn Jahren Gefängnis.

Urintest als Hoffnungsschimmer

Noch bei ihrer Festnahme am 13. März war eine Urin-Untersuchung auf Haschisch negativ ausgefallen - in der Lesart der Singapurer Behörden ein eher belastendes Indiz, das Julia als kühle Geschäftsfrau im Drogen-Business auswies. Umgekehrt darf der positive Urintest als Hoffnungsschimmer gewertet werden: Julia gilt dem Gericht seit gestern auch als Verbraucherin, nicht mehr nur als Verkäuferin von Drogen.

Andererseits: Auch Rauschgiftsüchtigen drohen in Singapur empfindliche Haftstrafen. Richter Yeo folgte mit seiner Entscheidung dem Antrag der Verteidigung, für nächsten Donnerstag einen weiteren Haftprüfungstermin anzusetzen.

Bis dahin wird das bei Julia und ihrem mitangeklagten, malaysischen Freund Ben (21) sichergestellte Rauschgift auf seinen Reinheitsgehalt geprüft.

Bei der Razzia vor zehn Tagen waren neben einer reichlichen Auswahl synthetischer Drogen auch 687 Gramm Cannabis in Julias Wohnung gefunden worden - die Todesstrafe ist in Singapur vorgeschrieben, wenn die Menge von 500 Gramm reinem Cannabis überschritten ist. In vielen Medien haben seither Rechenkünstler Konjunktur: Gerüchten zufolge soll der Reinheitsgehalt des sicher gestellten Rauschgifts rund 80 Prozent betragen - und läge damit immer noch über 500 Gramm.

Um Leben und Tod

Am Donnerstag sollen die Daten der Laboruntersuchung vorliegen. Dann wird das Gericht entscheiden, ob der Fall Julia beim Bezirksgericht oder vor dem "High Court" verhandelt wird. Vor dem Bezirksgericht entginge Julia ihrer Hinrichtung. Enthält das sichergestellte Rauschgift jedoch mehr als 500 Gramm reines Marihuana, muss Julia sich zwingend vor dem "High Court" verantworten. Dann geht es um Leben und Tod - und Julia hätte wohl nur noch zwei Möglichkeiten, dem Henker zu entgehen: erstens, wenn der Fund auf sie und ihren Freund "verteilt" würde; zweitens durch diplomatischen Druck aus Deutschland.

Allerdings hat Singapur bisher nie Zweifel daran aufkommen lassen, dass es sich Einmischungen in sein Rechtssystem konsequent verbittet. Julia weiß um den Ernst ihrer Lage, daran besteht kein Zweifel. Erbärmlich hockt sie da im großen Quadrat des fensterlosen Gerichtssaales: links vom Richter eingegittert, eingereiht in ein Dutzend Angeklagte mehr, hermetisch abgeriegelt von ihrem Ankläger, ihrem Anwalt, ihrem Richter. Sechs Wärter in Uniform stehen vor den Gefangenen. Julia trägt Jeans und ein ärmelloses, rosafarbenes T-Shirt, das den Blick freigibt auf ihr "tribal"-Tattoo am Oberarm. Ihr ungeschminktes Gesicht wirkt schmal, die Haare sind mit einem Gummi zum Pferdeschwanz gebunden.

Freund Ben würdigt sie keines Blickes

Der eigentliche Fall Julia ist eine Sache von wenigen Augenblicken - und Singapur macht seinem Ruf als effiziente Stadt auch vor Gericht alle Ehre: Im Minutentakt verliest der Richter Aktenzeichen und Anklagen der verschiedenen Fälle, die Stimme über Mikrofone verstärkt. Die Anwälte geben kurze Statements, der Richter stimmt zu oder lehnt ab - schon ist der nächste Fall an der Reihe. Vier Fernsehschirme und ein große Leinwand zeichnen die Befragungen auf - mal wird auf die Angeklagten gezoomt, mal auf den Richter. Gerichtsangestellte in dunkler Uniform fungieren als Platzanweiser für Familienmitglieder, Zuschauer und Presse. Wer aufsteht, um eine bessere Sicht auf die Anklagebank zu ergattern, wird sofort aufgefordert, sich wieder zu setzen; wer laut flüstert, wird unmissverständlich um Ruhe gebeten. Als Julias Vater 15 Minuten nach Beginn der Verhandlung endlich an der Seite des deutschen Botschafters und zweier weiterer Diplomaten den Saal betritt, sucht Julia sofort seinen Augenkontakt. Ihren Freund Ben hingegen, der drei Meter entfernt von ihr in einer roten Trainingsjacke auf der Anklagebank sitzt, würdigt sie während der halben Stunde im Gerichtssaal keines Blickes.

Der 21-Jährige wird schließlich vor ihr aus dem Saal geführt; vergeblich sucht er, Julias Aufmerksamkeit auf sich zu lenken - doch Julia starrt geradeaus an ihm vorbei.

Die Modedroge

Ketamin ist ein rezeptpflichtiges Schmerz- und Narkosemittel, das nicht als Betäubungsmittel eingestuft ist. Weil es binnen 60 Sekunden wirkt, wird es in der Notfallmedizin und daneben auch bei Tieren eingesetzt. Bei der Vorbereitung von Operationen ist es eher umstritten, weil Ketamin beim Aufwachen aus der Narkose nicht selten zu Wahrnehmungsverzerrungen und Halluzinationen führt. Diese unerwünschten Nebenwirkungen sind es, die Ketamin in den USA und Großbritannien zu einer Modedroge gemacht haben. Ketamin ("K", "Vitamin K", "Kate") wird geschnupft, gespritzt oder geschluckt. Es wirkt an verschiedenen Punkten im Nervensystem und ähnelt dem Halluzinationen auslösenden Phencyclidin (PCP, "Angel Dust"). Ketamin-Konsumenten berichten von ausgeprägten optischen Halluzinationen (Formen- und Farbenvielfalt) und von Gefühlen der Ich-Entgrenzung. Ketamin führt zu Herzrasen und hohem Blutdruck. Bei Überdosis droht Atemstillstand. Daneben können Angst- und Panikattacken und schwere psychische Ausnahmezustände auftreten. Auch Suchtgefahr besteht.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben