Julian Assange : Gegen sich und den Rest der Welt

22.09.2011 17:34 Uhrvon
  • "Don't shoot the messenger" - oder gehört Assange endlich nach Schweden ausgeliefert, um sich in einem rechtsstaatlichen Verfahren den Vorwürfen sexueller Übergriffe zu stellen? Foto: dapd
    "Don't shoot the messenger" - oder gehört Assange endlich nach Schweden ausgeliefert, um sich in einem rechtsstaatlichen Verfahren den Vorwürfen sexueller Übergriffe zu stellen? - Foto: dapd
  • Nun ist klar: Ecuador gewährt Assange Asyl. Foto: AFP
    Nun ist klar: Ecuador gewährt Assange Asyl. - Foto: AFP
  • Vor der Botschaft Ecuadors im Zentrum von London kam es am Donnerstag zu Rangeleien zwischen Unterstützern des australischen Internet-Rebellen und der Polizei. Mindestens einer der Demonstranten wurde von unbewaffneten Polizisten abgeführt. Foto: AFP
    Vor der Botschaft Ecuadors im Zentrum von London kam es am Donnerstag zu Rangeleien zwischen Unterstützern des australischen Internet-Rebellen und der Polizei. Mindestens einer der... - Foto: AFP

Die Autobiografie des Wikileaks-Gründers Julian Assange ist erschienen – und das gegen seinen Willen.

Die Ironie der Geschichte dürfte auch Julian Assange nicht entgangen sein: Der Wikileaks-Gründer, der sich der Enthüllung von Geheimnissen verschrieben hat, muss nun selbst mit einer ungewollten Veröffentlichung leben. Gestern publizierte sein Verlag, das kleine schottische Unternehmen Canongate Books, seine Autobiografie – ohne, dass Assange sie autorisiert hat und obwohl er den Vertrag mit dem Verlag zu lösen versucht hatte. Unter dem Titel „Julian Assange – The unauthorized autobiography“ steht das Werk nun seit gestern in englischen Buchläden und natürlich auch im Netz, als Ebook auf den Seiten des Verlags.

Julian Assange hat den Vertrag zur Veröffentlichung seiner Memoiren im Dezember 2010 unterschrieben und erhielt eine Vorauszahlung.

Laut Canongate Books hat der Wikileaks-Gründer außerdem bereits über 50 Stunden lang „in mehreren Nachsitzungen“ mit seinem Ghostwriter gesprochen, dem Schriftsteller Andrew O'Hagan. Nachdem er eine erste Rohfassung erhalten hat, habe Assange das Buch nicht mehr veröffentlichen wollen und erklärt: „Alle Autobiografien sind Prostitution.“ „Wir haben uns dennoch entschlossen, den Vertrag zu erfüllen und das Buch zu veröffentlichen“, teilte Canongate Books mit. Assange selbst erklärte hingegen gestern, er habe zwar den Vertrag auflösen wollen, allerdings nur, um einen neuen mit einem späteren Abgabetermin zu schließen. Das Buch habe noch überarbeitet werden sollen, „um die Privatsphäre derer zu schützen, die erwähnt werden“. Die Auseinandersetzung drehte sich offenbar auch darum, ob das Buch eher „Biografie“ oder eher „Manifest“ sein sollte. Geplant war offenbar, beides in Einklang zu bringen. „Dieses Buch hätte vom Kampf meines Lebens handeln sollen, vom Kampf für Gerechtigkeit durch Transparenz. Es ist etwas anderes dabei herausgekommen“, sagt Assange.

Ein politisches Manifest jedenfalls ist das Buch nicht, doch Sorgen darum, sein „Kampf“ werde nicht ausreichend dramatisch dargestellt, muss sich Assange nicht machen. Auf rund 250 Seiten plus umfangreichem Daten- und Fakten-Anhang wird das Bild eines Helden gezeichnet, der gegen das System kämpft, ein System das ihn versucht zu brechen, dem er aber dank innerer Stärke und moralischer Überlegenheit standhält. Assange selbst schreibt in seiner Stellungnahme, das Buch sei zu „literarisch“ – es ist sicherlich eines: gut komponiert.

Von einer detaillierten Beschreibung seiner Inhaftierung in London im Dezember 2010 zoomt das Buch zurück in die Kindheit Assanges, in das warme australische Townsville, eine unruhige Kindheit mit einer Mutter, die ständig umzieht. Mit 16 bekommt er seinen ersten Computer, einen Commodore 64. „Der Computer“, schreibt Assange, „bedeutete eine neue Art des Seins in der Welt, aber auch eine neue Art des „Seins in der eigenen Haut“. Die Wikileaks-Gründung hingegen wird wenig detailliert beschrieben, genauer wird das Buch erst wieder, als das Team auf Island das Collateral-Murder-Video editiert.

Assange führt auch seine Fehden weiter, mit seinem ehemaligen Mitstreiter Daniel Domscheit-Berg, der nur selten und herablassend erwähnt wird und mit dem „Guardian“, mit dem Assange zuletzt über die Schuld am Auftauchen Tausender Seiten unbearbeiteter diplomatischer Depeschen im Internet stritt. Auch auf die Frage, ob die Anschuldigungen der sexuellen Übergriffe zutreffen, die zwei schwedische Frauen gegen ihn erheben, geht Assange ein. Er schildert im Detail, wie die Affären aus seiner Sicht zustande kamen, als Partybekanntschaften nämlich. „Ich bin vielleicht ein chauvinistisches Schwein, aber kein Vergewaltiger“, schreibt Assange.

Assange versteht sich als Kämpfer für die Wahrheit, doch gerade was seine Person angeht, lassen sich Wahrheit und Trug, Fakt und Erzählung, auch nach der Lektüre des Buches nicht sauberer trennen. Eine weitere erzählerische Schicht legt sich auf den Mythos Julian Assange. Ob der Wikileaks-Mann rechtlich dagegen vorgehen kann und wird, ist fraglich. Gegen ihn laufen zwei Gerichtsverfahren, in Schweden und in den USA. Das ganze Buchprojekt war der Versuch, Geld für seine horrenden Anwaltskosten zusammenzubekommen.

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