Welt : Justizkrimi in Tansania: Applaus für die Freiheit

Christoph Link

In der Kleinstadt Arusha am Fuße des Kilimandscharo im ostafrikanischen Tansania endete gestern ein Justizkrimi. Vor drei Jahren hatte sich der Neuseeländer Cliff Cameron vor den Augen seiner Ehefrau mit einem Kopfschuss das Leben genommen. Zwei Jahre lang waren Polizei und der Staatsanwalt von Selbstmord ausgegangen, doch dann setzte die in Neuseeland lebende Familie des Toten alles daran, die Suizid-Theorie anzuzweifeln und die Ehefrau des Mordes zu verdächtigen. Ein Privatdetektiv aus Neuseeland tauchte in Arusha auf und stellte eigene Untersuchungen an. Die 40-jährige Kerstin Cameron kam im Mai 2000 in Haft, erst gestern, ein gutes Jahr später, hat jetzt Richter Rutakangwa dem Spuk ein Ende gemacht. Es gebe keine Beweise für einen Mord, stellte Rutakangwa lakonisch fest und folgte damit einer Empfehlung seiner beiden Beisitzer, die bereits zuvor auf "nicht schuldig" plädiert hatten. Unmittelbar nach ihrem Freispruch verließ Kerstin Cameron Tansania und reiste über die nur 100 Kilometer von Arusha entfernte Grenze nach Kenia ein. Die beiden jüngeren von Camerons vier Kindern leben in Burbach im Siegerland bei den Großeltern, dorthin will die Deutsche in der kommenden Woche ziehen. In der kleinen weißen Unterstützergemeinde von Kerstin Cameron ist das Urteil mit Jubel und Begeisterung aufgenommen worden, im voll besetzten Gerichtssaal waren Freudenschreie und Applaus zu hören. "Ich bin glücklich und zufrieden", sagte Kerstin Cameron. In gelben T-Shirts mit dem Aufdruck "Arusah unterstützt Kerstin" hatten Freunde der Angeklagten beim 18 Tage währenden Prozess Beistand geleistet. Die Inhaftierte war während der Gefängniszeit von Angehörigen mit Essen versorgt worden, ihr Vater ist ein Geschäftsmann in Arusha.

Der Prozess wirft ein Schlaglicht auf das zum Teil schillernde und freie Leben, das Weiße in der ostafrikanischen Provinz führen können: das Wohnen in einer Villa mit Garten, Hauspersonal, Ausflüge per Flugzeug oder Pferd in die weite Savanne gehören dazu. Arusha ist ein Ausgangspunkt für Safaris, Konferenzort sowie Sitz des Internationalen Ruanda-Tribunals - also mehr als eine afrikanische Provinzstadt. Der 42-jährige Cliff Cameron, ein Buschpilot und Geschäftsmann, wird als ein Draufgänger und Haudegen beschrieben, dessen Charme die Frauen in Arusha nur schwer widerstehen konnten. Cameron investierte in Tansania in eine regionale Fluggesellschaft, eine Bohnenplantage und eine Goldmine. Er ging Pleite und hinterließ Schulden in Höhe von 1,6 Millionen Mark.

Am Tage seines Todes hatte Cameron bereits vor seiner Sekretärin gesagt, er habe "Lust, sich das Gehirn wegzupusten". Nachdem er sich in einer Bar betrunken hatte, besuchte er abends seine getrennt von ihm lebende Frau. Es kam zu einem Streit wegen eines Seitensprungs von Cameron. Als Kerstin Cameron einen Annäherungsversuch ihres Mannes zurückwies, kniete er vor ihrem Bett nieder und schoss sich eine Kugel in den Kopf.

Die Ehefrau war die einzige Zeugin des Selbstmordes. Sie blieb stets ohne Widersprüche bei ihrer Version des Tathergangs. Auch zahlreiche Indizien, wie Schmauchspuren an der Hand des Toten, deuten auf Suizid hin. Die Anklagevertretung bot immerhin 15 Zeugen auf, darunter einen Nachtwächter, der ein Mordgeständnis von Kerstin Cameron gehört haben wollte. Der Mann hatte zuvor jedoch eine gegenteilige Aussage gemacht und der Richter schenkte ihm keinen Glauben. Wäre Kerstin Kameron schuldig gesprochen worden, hätte ihr sogar das Todesurteil drohen können. Für die weiße Gemeinde von Arusha ist der Prozess gegen die Deutsche ein Indiz dafür, wie verletzlich der Status auch von Weißen in Tansania ist, in einem Land, wo sie früher als privilegiert galten. Trotz des Freispruchs hat Kerstin Cameron eine einjährige Leidenszeit hinter sich, in der sie von ihren Kindern getrennt wurde.

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