Käfigkämpfe : Hartes Geld für harte Schläge

Nun soll auch in Deutschland mit Käfigkämpfen Kasse gemacht werden. Die vielen und vehementen Kritiker haben das höchst umstrittene Spektakel ungewollt bekannt gemacht.

Marc Steinhäuser[Köln]

Als erster stieg Manfred Wolf in den Ring. Der 61-jährige FDP-Politiker ist Vorsitzender des Sportausschusses der Stadt Köln und beschäftigt sich normalerweise mit der Verleihung von Ehrenurkunden. Als er hörte, dass bei ihm in Köln der erste Käfigkampf der aus den USA stammenden "Ultimate Fighting Championship (UFC)" stattfinden soll, holte er zum verbalen Erstschlag aus. "Hier erreichen die niedrigsten Instinkte eines Menschen ihren Tiefpunkt", sagte Wolf. "Wir wollen keine Veranstaltung dieser Art in Köln haben."

Der Lokalpolitiker bekam in der zweiten Runde Unterstützung von anderen Haudegen. Nordrhein-Westfalens Kinder- und Jugendminister Armin Laschet (CDU) nannte die Kämpfe "pervers", der Kabarettist und Box-Experte Werner Schneyder sprach von einem "Brutalo-Event", das man verbieten müsse. Wenn man die Regeln der UFC ernst nehme, habe man "Tote und Querschnittsgelähmte".

Dann stiegen die Gegner in den Ring. Der deutsche Veranstalter Marek Lieberberg schlug zurück: "Die Diskussion wird von Politikern geführt, die sich nicht mit dem Thema beschäftigt haben." Er wolle den "lautstarken Diffamierungen" und "Unwahrheiten" entgegenwirken. Noch nie sei jemand bei einer UFC-Veranstaltung ernsthaft verletzt worden, auch Studien würden dies belegen.

Gleichzeitig drohte die Kölnarena-Geschäftsführung dem Lokalpolitiker Wolf mit einer Klage wegen unwahrer Tatsachenbehauptungen und forderte ihn auf, eine Unterlassungserklärung zu unterschreiben – was der nicht tat.

So entbrannte in Köln der Kampf zwischen Stadt und Veranstaltern, das Thema landete auf der Titelseite der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung sowie in den Tagesthemen. Und die UFC konnte sich daheim in den USA zurücklehnen und freuen: Ihr Plan, in Deutschland Fuß zu fassen, ging auf, die Veranstaltung war in aller Munde.

Was passiert dort wirklich? In einem achteckigen Käfig treten zwei Kämpfer gegeneinander an, geprügelt wird mit fingerlosen Handschuhen. In einem Argumentationspapier erklärt die UFC einen weiteren Unterschied zum Boxsport: "Gewiss mag für das europäische Publikum die Fortsetzung des Kampfs am Boden mit dem Einsatz gezielter Faustschläge gewöhnungsbedürftig sein." Doch das Käfigkämpfen vereine anerkannte Sportarten wie Ringen, Judo, Taekwondo und Karate zu "Mixed-Martial-Arts". Fans lieben daran die technische Vielseitigkeit, Kritiker warnen indes vor brutalen Prügeleien.

Mit dieser eigentümlichen Mischung scheffelt die UFC inzwischen Millionen, machte im Jahr 2008 nach eigenen Angaben einen Umsatz von 250 Millionen Dollar. Was mit illegalen Faustkämpfen in Hinterhöfen begann, hat seit dem Jahr 2001 ein festes Regelwerk, das unter anderem verbietet, feige zu sein und dem Gegner die Augen auszukratzen. In den USA füllt man große Hallen. Und verdient noch mehr Geld mit Pay-TV-Rechten. Das lohnt sich: Im Schnitt drei Millionen Zuschauer schalten ein, wenn dort Käfigkämpfe zu sehen sind.

Solche Erfolge wünscht sich die UFC auch in Europa, und will mit den Käfigkämpfen den Boxsport verdrängen. "Deutschland ist die letzte große Hochburg des Boxens", sagt etwa UFC-Kämpfer Peter Sobotta, einer von knapp 300 Vertragskämpfern. Veranstalter Marek Lieberberg plant bis zu zwei Veranstaltungen pro Jahr in Deutschland. "Aufgrund der Entwicklung", spielt er auf die öffentlichkeitswirksame Diskussion an, "rechnen wir mit 11.000 bis 12.000 Tickets" – also einer fast ausverkauften Kölnarena.

Das Innenministerium von Nordrhein-Westfalen hat das Spektakel erlaubt, trotzdem heizen Politiker und Sportfunktionäre die Diskussion weiter an. Der Deutsche Boxsport-Verband nimmt die neue Konkurrenz ernst. Er betont, dass es sich bei den Kämpfen nicht um einen Sport handele. "Das ist schlimmer als Krieg", sagt Sprecher Alexander Mazur. "Dort wird mit bloßen Fäusten zugeschlagen, als wäre der Gegner aus Leder." Zudem habe der Amateurboxsport exaktere Gewichtsklassen, stärkere Altersbeschränkungen und strengere Ringrichter.

Immerhin hat die Stadt Köln dem Veranstalter abgerungen, nur Erwachsene in die Arena zu lassen. Am Samstagabend sollen Anti-Aggressionstrainer, Streitschlichter und Streetworker die minderjährigen Kölner beruhigen, die zwar eine Karte erstanden, nun aber nicht mehr hineingelassen werden.

"Die Veranstaltung konterkariert unsere gesamte Gewaltpräventionsarbeit", sagt Agnes Klein, Leiterin des Kölner Jugendamts. In ihrer Stadt wird eigentlich geboxt, um Aggressionen abzubauen. Dafür sorgt das neue Boxangebot der "Rheinflanke" von Stefan Dittrich und Heiner Ständer.

Abends am Wochenende zeigen die beiden Trainer in der Turnhalle einer Grundschule zwei Dutzend 13- bis 17-Jährigen, wie man seine Kraft beherrscht. "Bei der UFC geht es in erster Linie darum, den Gegner durch Verletzungen kampfunfähig zu machen", sagt Box-Trainer Ständer. "Beim Boxen ist Gewalt nicht geil." Vielmehr lohne es sich, einen kühlen Kopf zu bewahren. Dittrich ergänzt: "Du bist dann schwach, wenn du die Kontrolle verlierst."

Deckung, Kontrolle, Respekt – vor allem das wollen die Box-Trainer vermitteln. "Wenn hier jemand zuschlägt und das Angebot missbraucht, fliegt er", sagt Heiner Ständer. Dass in wenigen Tagen Käfigkämpfe stattfinden werden, bei denen es härter und hemmungsloser zugeht, haben viele der Jugendlichen mitbekommen. "Ich sehe mir so etwas gerne im Fernsehen an", sagt etwa Bruno. Trainer Heiner Ständer hält zwar nichts davon, solche Events zu verbieten. "Aber zur Gewaltprävention ist das nicht zu empfehlen." Jugendliche mit aggressiven Tendenzen könnten dadurch in falsche Bahnen gelenkt werden.

Genau das fürchtete auch Lokalpolitiker Manfred Wolf. Jetzt will er eigentlich nichts mehr zu dem Thema sagen. "Ich möchte nicht noch mehr Werbung machen", sagt er. Und schiebt dann nach, dass er dem Event fernbleiben wird: "Das ist Blutrausch nach Feierabend."

ZEIT ONLINE

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