Welt : "Kain und Abel in Afrika": Die Schule des Fürchtens

Günter Kunert

"Roman" ist der Untertitel des Buches "Kain und Abel in Afrika", doch die Gattungsbezeichnung, ohnehin seit Jahrzehnten der Auflösung verfallen, trifft nicht die Geschichte, die uns der Autor Hans Christoph Buch erzählt. Er hat mit glücklicher Hand eine Mischform, die Fiktives und Faktisches umgreift, gefunden und genutzt. Fiktives ist einer einst real existierenden Person zugeordnet: Richard Kandt, einem Afrikaforscher, den das deutsche Kaiserreich auf die Suche nach den Quellen des Nils schickt. Kandt gelangt nach Ruanda, wo er eine Station einrichtet; es ist die Hoch-Zeit des Kolonialismus, und Deutschland, wie immer geschichtlich verspätet, bildet den Nachtrab.

Buch lässt Kandt mit Bismack zusammentreffen, stützt sich aber ansonsten auf die Berichte des Reisenden, sozusagen des Quartiermachers für den rund hundert Jahre später in diesem Teil des "Schwarzen Kontinents" auftauchenden Schriftsteller. Das Ruanda von einst und das Ruanda der Gegenwart unterscheiden sich grundlegend, und auch die Erlebnisse der jeweils Reisenden sind unvergleichbar. Erinnern wir uns der klassischen Reisebeschreibungen, etwa Goethes "Italienische Reise" oder Seumes Fußmarsch nach Syrakus, ja, selbst noch an Egon Erwin Kischs Abenteuer eines "rasenden Reporters", so weisen sie ein Weltvertrauen auf, das längst verlorengegangen ist. Was Hans Christoph Buch höchst konkret mitmacht und durchmacht, ähnelt nicht im Mindesten den Bildungsreisen oder "Sentimental Journeys" früherer Epochen.

In den Residuen von Reiseunternehmen, abgeschirmt und behütet, wird der heutige Tourist niemals gewahr, was außerhalb der Umzäunung vorgeht. Nämlich Mord und Totschlag, Hunger, Elend, Korruption und Apathie. Unser Autor hat diesen geschützten Bereich verlassen, besessen von einer Sucht, möchte man sagen, nach der bitteren Wahrheit unsäglicher Vorkommnisse. Er hat sich in Situationen begeben, aus denen entronnen zu sein nur der Zufall half. Bei einer Massenpanik in einem Flüchtlingslager, wo man leichthin niedergetrampelt wird, rettet unseren Chronisten ein russischer UNO-Soldat, indem er den Lebensgefährdeten packt und aus der blind hysterischen Menge reißt.

Nicht nur dieser Vorgang, alle Berichte und Reportagen von Buch zeigen ihn als risikobereiten, sein Leben als Einsatz gebrauchenden Spieler. Was, um Himmels Willen, zieht diesen Mann stets dorthin, wo er das Fürchten lernt? Was treibt ihn dorthin, wo man unversehens eine Kugel verpasst bekommen oder sonstwie seine Existenz abrupt beenden kann? Gehört er zu jener kleinen, verlorenen Schar von Publizisten und Literaten, welche glauben, mit dem Wort noch etwas ausrichten zu können? Aber Hölderlins Diktum vom Rettenden, das wachse, wo die Gefahr zunehme, ist, wir wissen es nur zu gut, historisch widerlegt. Oder ist Buch der Ansicht, in mancher Hinsicht reiche die Fantasie, trotz Dante, kaum aus, das Inferno, die höllischen Schrecknisse zu beschreiben?

Buch ist der Augenzeuge par excellence, doch im Gegensatz zu den "Reportern des Satans", den nüchternen, distanzierten Beobachtern unsäglicher Trostlosigkeiten, nimmt er als Person am Geschehen teil, er wird zur Gestalt in seiner eigenen Geschichte; eine Gestalt, deren Ängste und Widerwillen, Schwächen und Verzweiflung nicht verborgen bleiben. Just das verleiht seinem Buch einen weitaus über alles Informative hinausgehenden Wert. Er verschweigt nicht sein Schwanken, seine Abstumpfung, seine wiederkehrende Gleichgültigkeit gegenüber dem unfassbaren Sterben Unzähliger.

Menetekel der Apokalypse

Unsere Kenntnis der afrikanischen Zustände ist ziemlich umfassend, so dass wir bereits von einem sterbenden Kontinent reden. Die Unmöglichkeit, mit der Seuche AIDS fertig zu werden, die Bodenerosion aufzuhalten, die tief gehenden ethnischen Gegensätze zu überwinden, die permanenten Kleinkriege zu beenden - warum nicht einfach Afrika sich selber überlassen? Wäre Resignation nicht die verständlichere und legitime Haltung? Weshalb und wieso die unerhörten Anstrengungen eines Schriftstellers, uns mit dem Unabänderlichen zu belästigen? Vermutlich ist es jener irrationale Widerstand gegen die berechtigte Ignoranz, von der wir insgesamt heimgesucht werden. Auch weil unser Wissen abstrakt, die Bilder des Grauens vergessen sind, müht sich einer um konkrete Beispiele, die möglicherweise für unser eigenes, europäisches Schicksal von Bedeutung sein könnten.

Und Buch spricht es klar und deutlich aus, wogegen sich die Mehrheit der Kleingeister gedanklich sträubt, wenn er sein Resümee für den Genozid in Ruanda zieht: "... ein Menetekel für eine Art Apokalypse, die unserem von Raubbau und Umweltzerstörung verwüsteten Planeten droht." Eine Wahrheit, die man nur ungern vernimmt. Dennoch vertraut Buch - wie es einst Theodor Lessing so erfolglos getan - dem "Eismeer der Geschichte" seine Flaschenpost an. Wohl kaum in der Erwartung, wesentliche Veränderungen zu bewirken. Ich glaube, es ist der Trotz, dieses überwältigende Gefühl, dass nicht sein darf, was ist: dass die Erde nicht zum Beinhaus und Totenacker bestimmt sein soll.

Uns erreichen immer bloß Zahlen und Mengenangaben, handele es sich um Massenmord oder die Autoproduktion, Aktienkurse oder Arbeitslose. Alles blasses Wissen, zum Untergang im Gedächtnis bestimmt. Allein das Gegenständliche, die Dinge, so sie sich dem Wissen verbunden haben, schaffen tiefere Einsichten. Es sind die Überbleibsel, die uns immer aufs Neue mahnen. Erst aus ihnen, diesen Stützen und Anregern unseres Vorstellungsvermögens, bildet sich die wahre Gewissheit des Gewesenen. Das betrifft auch Hans Christoph Buch, der es mit einer Episode schildert. Am Tage des Massakers im Flüchtlings Kibeho, schreibt Buch, trug er weiße Turnschuhe, die, nachdem er das Lager verlassen hatte, blutbedeckt waren. Und just an diesen Schuhen wird Buchs Motivation für seine Arbeit sichtbar, da er es nicht fertigbringt, sie fortzuwerfen: "Wohin damit? Die Antwort auf diese Frage ist der vorliegende Roman, und bis zu seiner Fertigstellung hast du die blutbesudelten Schuhe auf dem Grund des Wäschekorbs unter einem Berg schmutziger Wäsche versteckt oder zwischengelagert, wie es auf neuhochdeutsch heißt." Denn: "Jedes lebendige Individuum ist eine Welt, die durch nichts und niemanden zu ersetzen ist." Mit solcher Überzeugung vom Wert des Menschen kann man nicht zur Tagesordnung übergehen. Man muss sogar, wie Buch es getan, für seine Überzeugung einstehen.

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