Welt : Kalinka im Vatikan

Die russische Armee schenkt Papst Johannes Paul II. zum 26. Amtsjubiläum ein Ständchen

Paul Kreiner[Rom]

Johannes Paul II. ist der am drittlängsten amtierende Papst in 2000 Jahren Kirchengeschichte. Am Samstag feiert er sein 26. Dienstjubiläum, und am Vorabend spielt man ihm ein Ständchen. Aber nicht irgendeines: In den Vatikan rücken ein Chor, Orchester und Ballett der russischen Armee. Der Papst, so versichert man in Rom, werde trotz anhaltender Schwäche an diesem Konzert persönlich teilnehmen.

Karol Wojtyla, der polnische Papst, Jahrgang 1920, hat die einstmals „Rote Armee“ bisher nur von anderen Seiten kennen gelernt: erst im Zweiten Weltkrieg, später als fortwährende Bedrohung während der Wende in Polen. Jetzt gerät seine Begegnung mit den Russen, von denen wohl keiner der katholischen Kirche angehört, zu einem harmonisch-sentimentalen Spektakel: Der römische Filmproduzent Andrea Andermann hat das Konzert organisiert; er vermarktet es auch weltweit. Damit sich – trotz der unter Werbegesichtspunkten bereits unfehlbaren Marke „Johannes Paul II.“ – der Erfolg leichter einstellt, stehen auf dem Programm die gängigsten Stücke der russischen Folklore, darunter „Kalinka“. Dazu kommen, seltsam genug, ein „Gesang auf die russische Armee“ und ein Stück, das sich „Heiliger Krieg" nennt. Offen ist, ob und wie der Papst in seiner Ansprache auf diese Themenwahl eingeht.

Konzerte für und mit Johannes Paul II. sind nichts Ungewöhnliches. Der Papst gilt als sehr empfänglich für Musik. In früheren Jahren, auf diversen Reisen, hat man ihn zu geistlichen Liedern schon klatschen sehen, oder er schwang seinen Stock im Takt dazu. Und Künstler von Weltrang machten ihm ihre Aufwartung – zu den Amtsjubiläen, zu Geburtstagen und Weihnachtsfesten. Riccardo Muti war mit den Wiener Philharmonikern und Johann Sebastian Bachs H-moll-Messe beim Papst. Herbert von Karajan hatte ihm Jahre zuvor die „Krönungsmesse“ von Wolfgang Amadeus Mozart gewidmet. Das „Te Deum“, das der polnische Komponist Krzystof Penderecki zur Wahl Johannes Pauls II. im Jahr 1978 komponiert hatte, wurde 1999 von Chor und Orchester des Mitteldeutschen Rundfunks in Rom wieder aufgeführt. Und vor zwei Jahren war auch schon das – zivile – staatliche Symphonieorchester Russlands im Vatikan, ein Geschenk von Wladimir Putin.

Aber nicht nur geistliche und anderweitig „ernste" Musik gelten als vatikantauglich. Dem einst so wanderfreudigen Papst, der sich noch bei der Verleihung des Aachener Karlspreises im Mai spontan das „Wem Gott will rechte Gunst erweisen …“ als Schlusslied gewünscht hat, servierten italienische Alpenchöre 2002, im „Jahr der Berge“, einen stimmungsvollen „Montanara“-Abend.

Ebenso unvergessen wie umstritten ist immer noch das große Rockkonzert von 1997, bei dem im Rahmen eines ansonsten recht frommen „Eucharistischen Kongresses“ in Bologna Bob Dylan vor dem Papst sang. „Knockin’ on heaven’s door“ natürlich. Adriano Celentano, Lucio Dalla und Michel Petrucciani waren auch dabei. Aber ausgerechnet am selben Tag, als wollte der Himmel alle Rock-Feinde und Gegner jenes „unwürdigen Spektakels“ bestätigen, ereignete sich das seit langem heftigste Erdbeben in Italien. Stark beschädigt wurde dabei die Basilika des heiligen Franziskus in Assisi.

Die Begegnung des Papstes mit der russischen Armee wird an diesem Freitagabend hoffentlich friedlicher verlaufen. Am Samstag folgt dann die nächste Jubiläums-Zeremonie: Die Autofirma Ferrari will Johannes Paul II. das Modell eines Formel-1-Boliden schenken. Nicht im züchtigen Weiß des Papa-Mobils, sondern im klassisch-feurigen Ferrari-Rot. Damit wird, wenn auch unter ganz anderen Vorzeichen, wieder die Farbe rehabilitiert, die Moskaus Armee verloren hat.

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